Strandwanderung von Hiddensee über Ostende nach Lesbos: Bettina Baltschevs meeresfrische Kulturgeschichte „Am Rande der Glückseligkeit“

Foto: Bücheratlas

Es ist immer eine gute Idee, an den Strand zu gehen. Klar, im Winter denkt man nicht sofort daran, am Meeressaum zu flanieren. Dabei hat auch das etwas. Ganz bestimmt. Es muss nicht immer Sommer sein. Dass der Strand ein Fall für jede Jahreszeit ist, für jede Witterung und jede Tageszeit, das macht nun Bettina Baltschev in dem Band „Am Rande der Glückseligkeit“ deutlich. Bei ihr ist der Strand eben nicht Synonym für Sonnenbräune, sondern vor allem ein Terrain, das getränkt ist mit Vergangenem und Gegenwärtigem, mit Sorge und Sehnsucht.

Den Seume-Preis gibt es in Grimma

Die Autorin – 1973 in Berlin geboren, in Erfurt aufgewachsen und heute in Leipzig lebend – ist Geschäftsführerin des Sächsischen Literaturrats. Jetzt wird sie für ihre Strand-Betrachtungen mit dem Johann-Gottfried-Seume-Preis ausgezeichnet, am 4. Dezember 2021 in Grimma.  

Wie gut, dass man am Strand öfter geht als fährt. Denn das ist ganz im Sinne von Johann Gottfried Seume (1763-1810). „Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt.“ sagte der Autor des „Spaziergang nach Syrakus“ im Jahre 1801. Er fährt – ähem! – fort: „Ich halte den Gang für das Selbstständigste und Ehrenvollste in dem Manne“ – den „Mann“ übersetzen wir kurzerhand aus Seumes zeitgenössischer Diktion in ein zeitgemäßes „Mensch“. Der Dichter vertritt die Meinung, „dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“ Kurz und klar: „Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.“

Grenzgebiet zwischen den Elementen

Bettina Baltschev ist eindeutig eine Geherin. Ihr feuilletonistisches Flanieren zielt auf eine Kulturgeschichte des Strandes, wobei sie sich auf die Küsten Europas konzentriert. Verlockend ist für die Autorin nicht der feinste Sand (obwohl sie auch die Sandsammellust streift), sondern die reichste Geschichte. Sie besucht Hauptstrände statt Traumstrände: Scheveningen, Brighton, Ostende, Utah Beach, Hiddensee, Ischia, Benidorm und Lesbos.    

Das Strandgut, das Bettina Baltschev zusammenträgt, duftet meeresfrisch. Es gelingt der Autorin einerseits, den Reiz des Strandes an sich zu ergründen, „dieses fluide Grenzgebiet zwischen den Elementen, in dem wir sehen, was wir sehen wollen.“ Andererseits ist ihr der Strand eine schillernde Folie, um eine kleine Geschichte des Kontinents zu erzählen. Von Strand zu Strand wechselnd, dabei die Verbindung zwischen den Kapiteln wahrend, handelt sie von deutschen Exilanten in Ostende während der NS-Verfolgung (denen sie sich bereits 2016 in „Hölle und Paradies“ gewidmet hat), vom Weltkriegs-Wendepunkt am Utah Beach, vom Fernweh zu DDR-Zeiten auf Hiddensee, vom Massentourismus im zubetonierten Benidorm oder vom heutigen Migranten-Elend auf Lesbos.

„Murmelnde Kalmare“

Dabei versichert sich die Autorin zahlreicher namhafter Zeuginnen und Zeugen. Die rekrutiert sie zumal in den Künsten, vorneweg in der Literatur. Erlebtes und Erlesenes finden solcherart zusammen. Auf der Zeugenliste stehen viele bekannte Namen – von Jane Austen über Irmgard Keun und Ingeborg Bachmann bis Rafael Chirbes.

Der Maler James Ensor darf aus tiefstem Zornesgrund über das Publikum in Ostende ätzen: „Schleimige, in einer Muschel rotierende Fürze, Dreck-Schlucker, unzusammenhängend vor sich hin murmelnde Kalmare.“ Und der Historiker Alain Corbin wird zitiert mit dem Satz, der „das Paradox des Strandaufenthalts“ erklären soll: „Das Meer wird eine Zuflucht, es gibt Hoffnung, weil es Angst einflößt.“  

Der Strand ist für Bettina Baltschev ein Ort der Selbstvergessenheit wie der Selbstbefragung und der Selbstvergewisserung. Als Stimulanz für alle drei Gemütszustände ist ihre Strandwanderung durch Europa sehr gut geeignet. „Am Rande der Glückseligkeit“ ist nicht nur als Strandlektüre zu empfehlen.

Martin Oehlen

Bettina Baltschev: „Am Rande der Glückseligkeit – Über den Strand“. Berenberg, 280 Seiten, 25 Euro.

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