Julia Franck räumt gründlich auf mit der Vergangenheit: „Welten auseinander“ ist der Roman einer nicht funktionierenden Familie

Foto: Bücheratlas

Vierzehn Jahre sind vergangen seit Julia Francks letztem großen Erfolg. Ihr Roman „Die Mittagsfrau“, in dem sie die Lebensgeschichte der Halbjüdin Helene Würsich alias Alice Sehmisch erzählt, wurde mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Ihr nächstes Buch „Rücken an Rücken“, die Geschichte eines vernachlässigten Geschwisterpaares in der DDR, begeisterte die Kritiker weitaus weniger. In beide Romane fließen Teile ihrer Familiengeschichte ein, und auch in ihrem jüngsten Werk „Welten auseinander“ bedient sich Julia Franck ausgiebig aus ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer engsten Verwandten.

„Wir erinnern uns vollkommen unterschiedlich“

Da ist Anna, die Mutter der Autorin, eine bekannte DDR-Schauspielerin, die 1978 mit ihren vier Töchtern in den Westen geht und dort ebenso wenig mit dem Leben klarkommt wie zuvor in Ost-Berlin. Wir lesen vom abwesenden Vater, dem Fernsehregisseur Jürgen Sehmisch, und von der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, die ihre Großmutter mütterlicherseits war.

„Auch in meinem wirklichen Leben habe ich eine Mutter, vier Schwestern und Freunde, die ich liebe. Auch im wirklichen Leben habe ich nächste Menschen viel zu früh an den Tod verloren“ – so betont die Autorin bereits in den ersten Sätzen die Nähe des Geschilderten zur eigenen Biografie. Um gleich darauf davor zu warnen, Fiktion und Wirklichkeit eins zu eins zu nehmen. „Oft liegen unsere Geschichten und unsere Sicht auf die Wirklichkeit Welten auseinander. Wir erinnern uns an Ereignisse und unsere nächsten Menschen vollkommen unterschiedlich – so unterschiedlich, wie wir für uns selbst und voneinander träumen.“ Daher werde sich keine reale Person in einer der Figuren dieses Buches wiedererkennen.

Herzenskalte Großmutter, überforderte Mutter

Mag sein, dass Ingeborg Hunzinger, die schon in „Rücken an Rücken“ als Rabenmutter Käthe ihr Fett abbekam, sich gegen den Vorwurf der herzenskalten Großmutter verwahren, dass Anna Franck die Rolle der überforderten Hippiemutter weit von sich weisen würde. Und dennoch: Es bleibt der Eindruck, dass hier jemand gründlich aufgeräumt hat mit der eigenen Vergangenheit.

In einer teils überraschend schlichten, dann wieder pathetisch aufgeladenen Sprache erzählt Julia Franck von Vernachlässigung und kindlicher Überforderung, von Fluchtphantasien, ausgefransten Hosensäumen und Warzen auf den Händen. Sie und zwei ihrer Schwestern müssen zu Hause putzen und kochen, während die Mutter mit Freunden abhängt. Das Bauernhaus, das Anna Franck in Schleswig-Holstein angemietet hat, ist ein zugiger alter Kasten. Das Geld ist knapp und reicht nicht einmal für ein zweites Paar Schuhe für jedes Kind.

„Krankheiten, die nicht zu einer Zwölfjährigen passten“

Protagonistin Julia reagiert mit physischen und psychischen Auffälligkeiten auf das Chaos zu Hause. „Ich wurde krank, Angina und Bindehautentzündung waren neben Läusen und Flechten in manchen Jahren mehrmals zu Gast, ich hatte eine Blasenentzündung und einen Hexenschuss, Krankheiten, die nicht zu einer Zwölfjährigen passten. Ich schwänzte. Der Wunsch, wegzugehen tauchte auf, immer wieder. Ich war zwölf Jahre alt und wollte verschwinden.“ Mit 13 Jahren zieht sie zu Freunden der Mutter nach Berlin, legt ein Einser-Abitur hin und beginnt zu studieren.

Jetzt ist es genug, möchte man mitunter rufen, wenn eine weitere mütterliche Fehlleistung, eine weitere Gemeinheit der älteren Schwester geschildert wird. Dennoch entwickelt die Geschichte schon bald einen eigentümlichen Sog. „Welten auseinander“ ist gewiss keine große Literatur.  Vielmehr ist der Roman das überzeugende Porträt einer dysfunktionalen Familie, in der die Traumata der Vergangenheit von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Petra Pluwatsch  

Julia Franck: „Welten auseinander“, S. Fischer, 368 Seiten, 23 Euro. E-Book: 19,99 Euro. 

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