Auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg: Bestsellerautor Ken Follett über seinen neuen Thriller „Never – Die letzte Entscheidung“, der am Dienstag erscheint

Ken Follett bei der per Zoom abgehaltenen Pressekonferenz zu seinem neuen Thriller „Never – Die letzte Entscheidung“. Screenshot: Bücheratlas

Ken Follett schreibt im Vorwort zu seinem neuen Thriller „Never – Die letzte Entscheidung“: „Bei meinen Recherchen für ‚Sturz der Titanen‘ stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass niemand den Ersten Weltkrieg gewollt hatte.“ Die europäischen Staatenlenker hätten vielmehr „logische, moderate, nachvollziehbare Entscheidungen“ getroffen, „von denen uns jede einzelne einen kleinen Schritt näher an den furchtbarsten Konflikt brachte, den die Welt je erlebt hatte.“ Seiner Ansicht nach sei der Erste Weltkrieg „nur ein tragischer Unfall“ gewesen. „Und ich fragte mich: Könnte so etwas wieder passieren?“

„Die Welt ist in größerer Gefahr denn je zuvor“

Die Antwort auf die Frage? Die gab Ken Follett nun in einem internationalen Pressegespräch, mit Zoom-Teilnehmern von Australien bis Zypern: „Ich glaube, die Gefahr ist real.“  Die Welt erlebe derzeit ein nukleares Wettrennen, das an die 50er und 60er Jahre erinnere. In seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzend, während im Hintergrund ein Kaminfeuer sachte züngelt, hält der Bestsellerautor fest, dass viele kleinere Konflikte zu dem ganz großen Konflikt führen könnten. Ein möglicher „Flashpoint“, um einen neuen Weltkrieg auszulösen, ist seiner Ansicht nach Taiwan.

„Die Welt ist in größerer Gefahr denn je zuvor“, sagt Ken Follett. Dabei sei der Atomkrieg nur eine von drei herausragenden Bedrohungen. Auch ein neues Virus und die Klima-Katastrophe könnten dafür sorgen, dass die Menschheit ausgelöscht werde. „Das ist, glaube ich, bei uns allen im Bewusstsein.“

„Frauen sind weniger aggressiv als Männer“

Allerdings will sich Ken Follett nicht auf das populäre Politiker-Bashing einlassen. Ganz entschieden nicht. Gewiss gebe es „Lügner“ unter ihnen. Und dass er kein Freund von Boris Johnson und schon gar nicht von Donald Trump ist, verhehlt er nicht. Doch er meint, dass es an den entscheidenden Posten viele kluge, aufrichtige, verantwortungsbewusste Persönlichkeiten gebe. Die könnten womöglich in der Finanzwelt viel mehr Geld verdienen als in der Politik. Dennoch setzen sie sich fürs Gemeinwohl ein. „Die Lügner sind nicht die Norm“, meint, er, „sondern die Ausnahme.“

So werden in seinem Thriller „Never“, der am kommenden Dienstag erscheint, die Großmächte China und USA von durchaus rational handelnden Personen angeführt. „Niemand von ihnen ist verrückt“, sagt Follett, „und alle wollen einen Krieg verhindern.“ Europa spielt in Folletts Plot allerdings keine große Rolle. Der Kontinent sei wirtschaftlich stark, sagt er, aber eben nicht militärisch. Auch wenn die Mehrzahl seiner Bücher in Europa verkauft werde, hätte er dessen Bedeutung nicht hochspielen können.   

Dass in „Never“ eine Präsidentin die USA regiert, ist mehr als nur ein erzählerischer Kick. Follett vertritt vielmehr die Ansicht, dass Frauen „generell weniger aggressiv“ seien als Männer. Sie hätten schlichtweg weniger Lust, sich auf eine gewalttätige Auseinandersetzung einzulassen. Das habe ihm schon seine Mutter gesagt: Wenn nur die Frauen die Geschicke lenkten, gäbe es keinen Krieg. „Ich glaube, da ist etwas dran.“

Drei Jahre für ein Buch

Ken Follett haben die Recherchen zu seinem Thriller auch zum Atombunker in Kelvedon Hatch in der Nähe von London geführt. Foto: Olivier Favre

Der Autor gibt bei diesem Gespräch auch Einblick in seinen Arbeitsalltag. Früh schon, gegen sechs Uhr morgens, setzte er sich an den Schreibtisch und arbeite dann bis gegen 16 Uhr. Gut, Zeit für die Rasur und das Essen gönne er sich zwischendurch schon. Ansonsten werde von Montag bis Freitag geschrieben, und wenn er seinem festen Zeitplan hinterherhinke, dann schreibe er auch am Samstag und Sonntag. So gehe das seit 50 Jahren. Nach dem Buch ist vor dem Buch. Vor neun Monaten habe er mit „Never“ abgeschlossen, und seit neun Monaten sitze er an einem neuen Manuskript.

Er halte es nicht mit Gabriel García Márquez, der einmal versichert habe, die eine Hälfte des Tages dem Schreiben und die andere dem Lesen zu widmen. Gewiss lese auch er Werke von Kolleginnen und Kollegen. Er empfiehlt Schreibenden vor allem den Blick in die Lyrik: „Gedichte zeigen uns, was geleistet werden kann, wenn wir nur die richtigen Wörter finden.“ Aber würde er verfahren wie einst der große Kolumbianer García Márquez, dann benötigte er für ein Buch sechs Jahre. Seine grobe Kalkulation sieht hingegen so aus: Ein Jahr für die Planung und Recherche, ein Jahr für die erste Fassung, ein Jahr für die Überarbeitung.

Das Manuskript lässt er in diesem Zeitraum auch von Historikern prüfen – „ich bezahle sie für ihre Kritik.“ Denn als junger Journalist habe er gelernt, dass man sich Fehler nicht erlauben darf. „Das Schlimmste war damals, wenn man einen Namen falsch geschrieben hatte – dann rief derjenige gleich beim Vorgesetzten an und beschwerte sich.“

Motorschaden führt zur Schriftstellerei

Sein Berufsziel sei es damals gewesen, Redakteur bei der „Sunday Times“ zu werden. Doch dann benötigte er 200 Pfund, um sein Auto in der Werkstatt reparieren zu lassen. Das Geld besaß er nicht. Aber er hatte einen Kollegen bei den „Evening News“ in London, der neben der Redaktionsarbeit noch Thriller schrieb. Der wurde befragt, wie man das denn anstelle, an wenn man sich zu wenden habe – und wieviel man mit einem Buch verdienen könne. Die Antwort: „200 Pfund.“ Also setzte sich Follett hin, schrieb eine Geschichte, schickte sie ab und erhielt 200 Pfund. Bald saß er nicht nur wieder am Steuer seines reparierten Wagens, sondern hatte auch eine neue Berufsidee.

Eine schöne Geschichte. Und ein guter Plan. Der hat sich wahrlich bezahlt gemacht. Bislang hat Ken Follett mit seinen 36 Büchern, darunter „Die Nadel“ und „Die Säulen der Erde“, eine Gesamtauflage von über 180 Millionen Exemplaren erzielt. Die Titel erscheinen in 40 Sprachen und in 80 Ländern. Auch in Israel. Ein Boykott wie der seiner Kollegin Sally Rooney, die ihren neuen Roman aus Protest gegen die israelische Regierungspolitik nicht ins Hebräische übersetzen lässt, kommt für ihn nicht infrage.

Zwar verstehe er Rooneys Empfindungen und wolle die Kollegin nicht kritisieren. Doch er hält nichts davon, ein ganzes Land wegen seiner Regierung mit einem Bann zu belegen: „Das wäre mir zu pauschal.“ Er selbst möge die Regierung in China nicht sehr – „aber ich verkaufe Millionen von Büchern in China und bin glücklich darüber.“ Auch handelten seine Romane zumeist von Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen: „Vielleicht haben diese Bücher sogar einen ganz kleinen Einfluss in repressiven Staaten.“

Die Eskalation der Krise

„Never – Die letzte Entscheidung“ ist ein Weltpolitthriller, der „ein großes Gemälde, ein großes Panorama“ zur Ansicht bringt. Er führt die Leserschaft von der Sahara bis nach Nordkorea, von Peking bis nach Washington. Gleich im ersten Kapitel besichtigt US-Präsidentin Sarah Green den Regierungsbunker in Munchkin County, der auch einen Atomschlag überstehen soll. Anschließend sagt sie: „Dieser schreckliche Bunker hat mir vor Augen geführt, wie dicht am Rand des Abgrunds wir noch immer leben.“ Und sie fügt an: „Wenn ich jemals nach Munchkin Country zurückkehre, dann weiß ich, dass ich versagt habe.“

Die Antwort auf die Frage, ob es in „Never“ zum Ausbruch des Dritten Weltkriegs kommen wird, bleibt lange offen. „Wie eine solche Krise eskaliert“, sagt Follett, „hat mich bei diesem Roman besonders interessiert.“ So bleibt es tatsächlich spannend bis zum Ende, wenn auf der buchstäblich letzten Seite die Entscheidung fällt.   

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich ein Beitrag über Ken Folletts Präsentation seines Romans „Kingsbridge“ – und zwar HIER.

Ken Follett: „Never – Die letzte Entscheidung“, dt. von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher, Bastei Lübbe, 880 Seiten, 32 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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