Der Nazi-Schatten, die Hauskonzerte und die Schläge des Vaters: „Hast du uns endlich gefunden“ ist das autobiographische Romandebüt des Schauspielers Edgar Selge

Klassische Musik ist ein zentrales Element im Leben der Familie Selge. Das hier abgebildete Saiteninstrument stammt aus der Beethoven-Ausstellung, die im vergangenen Jahr in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen war. Es handelt sich um eine Leihgabe aus der Sammlung alter Musikinstrumente im Kunsthistorischen Museum Wien. Foto: Bücheratlas

Was für ein Debüt mit über 70 Jahren! Edgar Selge, einer der herausragenden Schauspieler der Bundesrepublik, erzählt aus seiner Kindheit als Zwölfjähriger im westfälischen Herford. Die Gattungsbezeichnung für diesen Text sucht man allerdings vergebens. Nicht von einem Roman ist hier die Rede und auch nicht von einer Autobiographie. Vieles wird dicht am Erlebten entlang erzählt. Doch weil die Erinnerung nicht alles transportiert und trügerisch sein kann, kommt immer wieder die Fiktion ins Spiel. So ist „Hast du uns endlich gefunden“ eine im besten Sinne wahre Erfindung.

„Dann breitet sich Wärme in mir aus“

Edgar Selge beginnt sein episodisch angelegtes, in den späten 50er Jahren hin- und herspringendes Erinnerungswerk mit einem „Hauskonzert“. Im Zentrum steht hier der Vater, der ein Jugendgefängnis leitet und ein großer Klassik-Liebhaber und leidenschaftlicher Pianist ist. Um den Jugendlichen eine kulturelle Bereicherung zu ermöglichen, lässt er regelmäßig sein Haus umräumen und die Gefangenen Platz nehmen. Dann greift er in die Tasten.

Wenn wir auch nicht wissen, was Bach und Beethoven bei den Gästen ausgelöst haben, so liefert das Buch doch zahlreiche Beispiele dafür, wie sehr die musikalische Erziehung den Erzähler als Musikliebhaber geprägt hat. Tatsächlich hat Edgar Selge in den 1960er Jahren ein Klavierstudium begonnen. Aber am Ende ist er dann bei der Schauspielkunst gelandet, hat sich einen ausgezeichneten Namen gemacht in Fernsehen („Polizeiruf 110“) und Theater (zuletzt als François in Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg).

Darüber lesen wir nun: „Wahrscheinlich bin ich auf die Bühne gegangen, um Worte aneinanderzureihen. Nicht mehr. Wenn ich an diesem Punkt ankomme, dass ich nur noch ein Wort an das andere reihe, fast unbeteiligt, aber nicht lieblos, breitet sich Wärme in mir aus. Und plötzlich bin ich auch in der Lage, meine Mitspieler wahrzunehmen.“ Der Weg zur Empathie führt also über die Worte, seien sie nun geschrieben oder vorgetragen.

„Warst du das?“

Fünf Jungen gehören zur Familie. Von diesen kommt einer früh beim Spielen mit einer Handgranate uns Leben, ein anderer stirbt im Alter von 19 Jahren an einer schweren Erkrankung – was in einem niederschmetternden Epilog geschildert wird. Mittendrin der zwölfjährige Edgar, der wie der Autor im Jahre 1948 geboren wurde. Er selbst bezeichnet sich als Träumer, der Selbstgespräche führt. Gerne spielt er im Birnbaum sitzend den Fliegerangriff auf Rotterdam nach, klaut Geld für seine Kinobesuche, hangelt sich von einer Notlüge zur nächsten, macht andere nach, „um sie auf Distanz zu halten“, hat auch manche Schroffheit auf Lager und weiß die richtigen Fragen zu stellen, um eine angespannte Situation zur blitzefeuernden Entladung zu bringen.

„Warst du das?“ ist in seiner Kindheit die Frage aller Fragen. Immer wieder greift der Vater zum Rohrstock. Schlägt brutal zu. Auch Ansätze von sexuellem Missbrauch blitzen kurz, aber unübersehbar aus den Zeilen auf. Dagegen war offensichtlich kein bildungsbürgerliches und kultursensibles Kraut gewachsen. Der Erzähler – mittlerweile „Mitglied der Risikogruppe“ – bekennt, dass die Schläge noch heute nachwirken: „Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen worden zu sein, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben.“

Es ist das Familienklima der Nachkriegszeit, das beeindruckend dicht aus den Seiten aufsteigt. Auf den Eltern lastet die Schuld und der Schrecken der Nazi-Jahre. Und die eingebläute Linientreue gibt man nicht so schnell auf. So verschafft der Vater kurz nach dem Krieg als Anstaltsleiter im britischen Militärgefängnis in Werl inhaftierten Wehrmachts-Offizieren allerlei Privilegien, bis er des Amtes enthoben wird und die Jugendstrafanstalt in Herford übernimmt. Und der Antisemitismus? In Herford nehmen die Eltern die Einladung von jüdischen Nachbarn an, doch statt einer Annäherung gibt es nur ein steifes Misslingen.

Das Gift des NS-Staates wirkt fort

Die Eltern beteuern, von Auschwitz nichts gewusst zu haben, und meinen, dass es irgendwann mit dem Sühnen ein Ende haben müsse. Das Gift des NS-Staates wirkt noch eine Weile fort. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass sie sich später mit ihrer Vergangenheit kritischer auseinandersetzen. So besucht die Mutter in München die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht – und erleidet Tage später einen Magendurchbruch.   

Der Autor Edgar Selge schont das Kind Edgar Selge und seine Eltern zu keiner Zeit. Er findet nicht auf alle Fragen eine Antwort. Sein Erzählen wirkt unmittelbar, bauscht nicht auf, tendiert zu kurzen Sätzen, klingt zuweilen lapidar. Das alles vereinigt sich zu einem durchdringenden und nachhallenden Ton. Einmal sagt der Ich-Erzähler: „Jetzt sitze ich hier und schreibe das auf. Hoffentlich verschwinde ich nicht zwischen den Sätzen. Je genauer ich bin, desto fremder werde ich mir.“

Der Autor vollendet diese Kindheitserzählung zu Zeiten unserer Pandemie. Da treten in seinen Träumen plötzlich seine Eltern auf. In einem dieser Träume stößt er in einem kleinen Hotelzimmer in der Fremde auf seine Mutter: „Wie schön, sagt sie. Hast du uns endlich gefunden.“ Doch dann verlässt sie den Raum und kehrt nicht wieder. Aber hier im Buch, da sind sie alle anwesend – die Eltern, die Brüder und der zwölfjährige Edgar.

Martin Oehlen

Edgar Selge: „Hast du uns endlich gefunden“, Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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