„Mit Comics durch Köln“ – 24 Zeichnerinnen und Zeichner führen zu Traumorten und Alptraumorten rund um den Dom

Martin Böers Blick auf die Zülpicher Straße vor dem großen Party-Sturm. Alle Fotos stammen aus dem besprochenen Band des Emons-Verlags.

Garantiert ohne Dom – das war die Verabredung zu diesem Kölner Comic-Stadtführer. „Watt ne Schnapsidee“, schreibt Hella von Sinnen in ihrem Vorwort. Doch tatsächlich kommen die 24 durch die Stadt flanierenden Zeichnerinnen und Zeichner in ihren Bildergeschichten ohne die Domspitzen aus. Allerdings – auf dem Cover sind sie doch zu sehen. So ganz geht es eben doch nicht ohne Dom, und darum lächelt er wohl auch so breit.  

Zwei Altmeister rahmen diesen Band aus dem Emons-Verlag. Ralf König eröffnet ihn mit einer Knubbelnasen-Episode. Und Franziska Becker beschließt ihn mit einer ihrer Schlabberlook-Karikaturen. Sie widmet sich den stürmischen Windverhältnissen auf der Domplatte. Franziska Becker ist damit am nächsten dran an der Kathedrale in diesem domfreien Reigen.

Zwischen den Polen König und Becker geht es hoch her. Leo Leowald, der Herausgeber, stellte  kürzlich im Rahmen der „Kölner Literaturnacht 2021“ fest, die Kölner Comic-Szene sei lange Zeit vor allem eine Behauptung gewesen. Nun allerdings manifestiere sie sich in dieser Buch-Veröffentlichung. Und es klang, als wollte er sagen: „endlich“.

„Tief in der Brust“

Brü schildert eine Flucht aus der Schildergasse zum Tierpark in Lindenthal.

„Mit Comics durch Köln“ ist ein intensives Statement der Szene. Da wird Köln gefeiert für die „Riviera“ in Rodenkirchen (Dirk Meissner); für die Club-Szene, auch wenn einige Institutionen schließen mussten (Tristan Wilder); für die Buchhandlung Walther König (Ferdinand Lutz), die nichts anderes als „das Mekka“ ist; für das Japanische Kulturinstitut (Schilling & Blum), das – „typisch Köln“ – nicht hinreichend gewürdigt wird. Auch der Tierpark in Lindenthal ist im Prinzip ein guter Ort (Brü). Und Martin Böer beschließt seine grünstichige Stadtrundfahrt mit dem Geständnis: „Tief in der Brust sitzt die Gewissheit, dass ich es hier liebe.“

Geschmäht wird die Stadt selbstverständlich auch. Das zielt auf Orte wie die Bushaltestelle Geldernstraße/Parkgürtel (Maren Trey), eine fahrradfahrerfeindliche Kreuzung in Ehrenfeld (Claus Daniel Herrmann), für den „immer unheimlichen“ Ebertplatz (Kristina Stroh) und den „Liebe deine Stadt“-Schriftzug über der Nord-Süd-Fahrt mit seinem „bescheuerten Aufforderungscharakter“ (18metzger).

„111 Orte wo Sie nie hinwollen“

Alex Jahn steigt ein in die Linie 4 der Kölner Verkehrsbetriebe und wird Zeuge eines Höllenritts.

Hinzu kommen herrlich alptraumartige Exkursionen mit Peter Hoffmann in den Jugendpark in Mülheim und mit Alex Jahn auf nächtlicher Straßenbahnfahrt, bei der der Fahrer kurz vor der Endstation den Techno-Techno-Techno-Knopf drückt. Dem Pärchen, den einzig verbliebenen Fahrgästen, ist der Schrecken ins Gesicht gezeichnet. Ein klarer Fall von „Eeeemergency“. Schöne Späße gibt es auch. So beendet Heribert Schulmeyer das erste Kapitel seiner Autobiographie „Mein süßes Leben“ mit einigen Kleinanzeigen. Eine davon gilt zwei Büchern aus dem Verlag „e. mons“: „111 Orte wo Sie nie hinwollen“ und „111 Orte wo Sie nie hinkommen“. Ob Köln da oder dort oder gar nicht vorkommt, bleibt offen.

Stilvarianten – wer ahnte es nicht – werden in diesem Band zuhauf geboten. Das reicht vom Gewimmel bis zum kargen Strich, von zuckersüßen Bonbonfarben bis zum expressionistischen Schwarz-Weiß, vom Einzelbild zur Graphic Novel. Ein treffsicheres Minidrama ist Leo Leowalds Stadtwanderung zur Rodenkirchener Brücke. Für seinen Helden ist das ein lohnendes Ziel, weil er dort „dank des Autobahnlärms seine Ruhe hat“. Sie wissen schon: „Braus“, „Dröhn“, Groll“, „Rumpel“ – aber immerhin bzw. deswegen kein Menschengedränge.   

Grundrauschende Sympathie

Kristina Stroh identifiziert das Viertel um den Großen Griechenmarkt als eine Oase – mit kleinen Störfaktoren.

Nun haben wir längst nicht sämtliche Zeichnerinnen und Zeichner genannt. Aber weil sie es alle verdient haben, hier noch die weiteren Namen: Vera Langer, Mona Mie, Stefanie Schrank, Isi Hansen, Nico Schoberth, Markus & Aunah Rockstroh, Georg von Westphalen, Jacquie Mundri. Und spätestens jetzt ist klar: Es sind mehr als 24 Mitwirkende, wenn man ein Kollektiv und zwei Duette nicht nur als Teams zählt.

Was lernen wir aus dieser Comic-Anthologie? Erstens: Es gibt in dieser Auswahl  eine grundrauschende Sympathie für Köln – trotz alledem. Und zweitens: Von Kölns Comic-Szene wollen wir mehr sehen – viel mehr. Gerne auch mit Dom.

Martin Oehlen

Leo Leowald (Hg.): „Mit Comics durch Köln“, Emons, 160 Seiten, 15 Euro.

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