Juan Rulfo ist der Urvater des „Magischen Realismus“ – Die Werke des großen Mexikaners liegen nun in der Neuübersetzung von Dagmar Ploetz vor

Mexikanische Straßenszene – doch bunt und luftballonleicht geht es in Juan Rulfos Werken nicht zu. Foto: Bücheratlas

Der Schriftsteller Juan Rulfo ist ein Klassiker der Moderne. Das darf man getrost noch einmal feststellen. Zwar haben schon viele Literaturfreunde das so schmale wie einflussreiche Werk des Mexikaners gepriesen. Allerdings ist sein Name keineswegs überall vertraut. Darum erlauben wir uns diese Selbstverständlichkeit und wiederholen: Juan Rulfo ist ein Klassiker der Moderne.

Nun erscheinen seine gesammelten Werke in einer Neuübersetzung im Hanser Verlag. Dabei handelt es sich zumal um den Erzählungsband „Der Llano in Flammen“ (1953), den Roman „Pedro Páramo“ (1955) und die früh konzipierte, aber erst 1980 veröffentlichte Erzählung „Der goldene Hahn“. Die Briefe an Clara Aparicio, seine elf Jahre jüngere Freundin und dann lebenslange Ehefrau, sind hier nicht berücksichtigt.

Bandenkampf und Bürgerkrieg

Juan Rulfo erzählt Geschichten, deren betörender Stil so karg und rissig ist wie die Erde im sonnenversengten Mexiko. Schon mit dem lakonischen ersten Satz seines einzigen Romans setzt er den Ton: „Ich bin nach Comala gekommen, weil mir gesagt wurde, dass hier mein Vater lebt, ein gewisser Pedro Páramo.“ Der Autor schildert in seiner Prosa einen Alltag, der von Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt bestimmt wird. Allenthalben Mord und Totschlag, Überfall und Brandstiftung, Bandenkampf und Bürgerkrieg. Sein eigener Vater ist 1923 von einem Nachbarn erschossen worden.

Allerdings spielen die Geschichten aus der Verlorenheit nicht, wie man gleich meinen könnte, in unserer Gegenwart, sondern in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Diese wurde zunächst von den Brutalitäten der Mexikanischen Revolution und dann von ihren Nachbeben geprägt. Offenbar hat sich seitdem nicht vieles grundsätzlich geändert. Was vollauf konveniert mit der pessimistischen Weltsicht des Autors, der 1917 in Sayula im Bundesstaat Jalisco geboren wurde und 1986 in Mexiko-Stadt gestorben ist.

Boom der lateinamerikanischen Literatur

Juan Rulfo gilt mit einigem Grund als Urvater des „Magischen Realismus“, wenngleich er selbst mit diesem Etikett wenig anfangen konnte. Die flirrend-heiße Atmosphäre, in der die Realität ins Wanken gerät und ein vielstimmiges Gespräch der Toten und der Lebenden einsetzt, ist genau der Stoff, mit dem der Boom der lateinamerikanischen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich wurde.

Gabriel García Márquez, der diesen „Magischen Realismus“ zur Vollendung führte, hat sich wie viele andere immer wieder auf Juan Rulfo berufen. Über seine erste Begegnung mit „Pedro Páramo“ sagte er: „Ich konnte in jener Nacht nicht einschlafen, bevor ich das Buch nicht zum zweiten Mal gelesen hatte. Nie mehr seit der verrückten Nacht, in der ich Kafkas ‚Verwandlung´ in einer düsteren Studentenpension in Bogotá gelesen hatte – nahezu zehn Jahre vorher – war ich so bewegt gewesen.“

Übersetzung bietet Groll statt Gift und Galle

Die Neuausgabe der Werke, die nun vorliegt, wurde von Dagmar Ploetz übersetzt. Das passt auch deshalb sehr gut, weil sie die Übersetzerin der Werke von Gabriel García Márquez ins Deutsche ist. Wenn die Stichproben nicht täuschen, dann ist ihre Fassung dichter dran am Original als jene von Mariana Frenk (1898-2004), die 1958 ebenfalls bei Hanser erschienen ist.

Hier nur dieses Beispiel! In „Pedro Páramo“, den Ploetz erstmals 2008 übersetzt hat, antwortet der Eselstreiber auf die Frage von Juan Preciado nach dem Wesen ihres gemeinsamen Vaters aus dem Geisterdorf Comala: „Un rencor vivo.“ Mariana Frenk ging die Sache recht frei an und übersetzte dies mit „Gift und Galle“. Ploetz hingegen entscheidet sich für die wörtliche, aber keineswegs weniger ausdrucksstarke Version „Der leibhaftige Groll.“

Intensive Arbeit am Text

Benjamin Loy widmet sich in Anmerkungen und Nachwort dem Autor und seinem Werk. Anschaulich schildert er Juan Rulfos Lebensumstände und zumal seine intensive Arbeit am Text. Diese vergleicht der Romanist mit einem Destillationsprozess, an dessen Ende Sprache und Aussage auf das Wesentliche eingedampft werden, „auf einen existenziellen Kern“, die pure Essenz.

Verblüffend aktuell ist angesichts der Debatten um „kulturelle Aneignung“ der Hinweis, dass die indigene Bevölkerung bei Juan Rulfo zwar in seinen Fotografien, aber nicht in seinen Texten vorkomme. Das geschah nicht aus Ignoranz, sondern aus Sensibilität. Es sei „furchtbar schwierig“, zitiert Loy den Autor, zu der sehr komplexen Mentalität der Indios Zugang zu finden – „weil es eine andere Welt ist, vor allem wegen des religiösen Synkretismus, in dem sie leben.“

Erstaunlich schließlich, dass Juan Rulfo nach seinen beiden frühen Meisterwerken literarisch nahezu verstummte. Der Autor selbst sagte einmal, er habe nach dem Tod seines Onkels Celerino nicht mehr schreiben können, weil dieser ihm alle Geschichten erzählt habe. Offenbar war dies eine Schutzbehauptung. Jedenfalls stellte der spanische Schriftsteller Enrique Vila-Matas fest, Juan Rulfo habe sich einen Spaß daraus gemacht, mit solchen Erfindungen sein Schweigen zu begründen.

Martin Oehlen

Juan Rulfo: „Unter einem ferneren Himmel“, gesammelte Werke, dt. von Dagmar Ploetz, Hanser, 544 Seiten, 38 Euro. E-Book: 32,99 Euro.

4 Gedanken zu “Juan Rulfo ist der Urvater des „Magischen Realismus“ – Die Werke des großen Mexikaners liegen nun in der Neuübersetzung von Dagmar Ploetz vor

  1. Entschuldigung, das war ein Versehen und sollte eigentlich an einen Freund weiter geleitet werden! Gruß Annette Lorey

    > Anfang der weitergeleiteten Nachricht: > > Von: Annette Lorey > Betreff: Aw: [Neuer Eintrag] Juan Rulfo ist der Urvater des „Magischen Realismus“ – Die Werke des großen Mexikaners liegen nun in der Neuübersetzung von Dagmar Ploetz vor > Datum: 27. September 2021KW39 um 06:41:03 MESZ > An: Bücheratlas > > Morgengruß von Annette > >>

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