Zwischen Sibirien und Subbelrath, Tanka und Take That: Die zweite „Kölner Literaturnacht“ im Rückblick und mit Ausblick

Gleich, gleich geht’s los. Foto: Bücheratlas

Was ist möglich in einer Nacht? Was zumal in einer „Literaturnacht“? Eine solche gab es jetzt in Köln zum zweiten Mal. Nach der Premiere im Mai 2019 fiel die zweite Ausgabe zunächst einmal ins Wasser beziehungsweise wurde sie im Lockdown 2020 versenkt. Nun also auf ein Neues. Und weil die „Literaturnacht“ im vergangenen Corona-Jahr ausgefallen ist, wurden einige der geplanten Veranstaltungen übernommen. Andere kamen hinzu. Mit Folgen für das Programm, das deshalb noch umfangreicher geriet. So war jede Entscheidung für ein Angebot an einer der 20 Spielstätten auch eines gegen zeitgleich platzierte Alternativen. Was wir in dieser Nacht, die doch vor allem ein Nachmittag und Abend war, erfahren haben, gibt es hier im Schnelldurchlauf.

Schreibschule für Jugendliche

Schreibschul-Treffen in der Zentralbibliothek mit Richard Broich, Micaela Campora, Patrick Findeis, Katharina Kern und Gesa Jessen (von links nach rechts) Foto: Bücheratlas

Los geht es um 16 Uhr mit der Zukunft der Literatur! In der Zentralbibliothek stellt sich die „Kölner Schreibschule für Jugendliche“ vor, die 2003 aus einem Schreibwettbewerb hervorgegangen ist und von der SK Stiftung gefördert wird. Patrick Findeis, der aktuelle Leiter der Einrichtung, klärt zunächst einmal auf, dass der Aspekt „Schule“ nicht im Zentrum stehe, sondern das Gespräch über Texte und Textideen. Die Schreibschule sei „ein Freiraum für Autorinnen und Autoren.“ Ein „Safe Space“. Der öffnet sich mehrmals im Jahr an einem jeweils langen Wochenende von Freitag bis Sonntag. Mit Erfolg – wie einige der bislang rund 200 Teilnehmenden auf dem Podium beweisen. So liest Gesa Jessen aus dem Manuskript „Ein lautes Lied“, das im Verlag Matthes & Seitz erscheinen soll. Darin taucht der Satz auf: „Es schreiben die Einsamen.“

Die Kunst des Übersetzens

Die Übersetzerinnen Heike Patzschke (links) und Gundula Schiffer im Hinterhofsalon Foto: Bücheratlas

Den Hinterhofsalon an der Aachener Straße erreichen die Besucher über das  Flachdach im ersten Stock. Dort stellen Übersetzerinnen und Übersetzer auf Einladung des Vereins Weltlesebühne ihre Arbeit vor. Es gibt mehrere Runden. Jetzt sind Gundula Schiffer und Heike Patzschke am Start, die eine überträgt Lyrik aus dem Hebräischen (und schreibt auch selbst Gedichte) und die andere aus dem Japanischen. Das ist ein intensives und lohnendes Speeddating mit sehr fremden Sprachen. Im Raketentempo bietet das Duo einen Überblick über die jeweilige Literaturgeschichte – in dem einen Fall mit der Bibel beginnend, im anderen mit den Tankas aus der Zeit um 800. Draufgesattelt werden Lesungen und Werkstattberichte. Dass an Tücken beim Übersetzen kein Mangel besteht, wird deutlich. Wie übersetzt man eine bibelfeste Sprache ins bibelferne Deutsche? Und wie bewahrt man die Silbenzahl beim dreizeiligen Haiku oder „seinem älteren Bruder“, dem fünfzeiligen Tanka, wenn sich die deutschen Vokabeln länger strecken als die japanischen? Doch Gundula Schiffer will nicht in die Klage einstimmen, dass beim Transfer aus der einen Sprache in die andere zu viel verlorengehe. Man hat als Besucher sogar den Eindruck, sie schließe nicht aus, dass ein Gedicht in der Übertragung auch noch an Kraft gewinnen könnte. Dann schaut sie abermals auf die Uhr. Sie muss noch zu einer anderen Veranstaltung. Wir auch. 

Handwörterbuch der russischen Seele

Quartett im Artheater: Lea Sauer, André Patten, Alexander Estis und Özlem Özgül Dündar (von links nach rechts) Foto: Bücheratlas

Der Verein für Literaturförderung präsentiert im Ehrenfelder Artheater vier Autorinnen und Autoren. Ziemlich gut die Einführung, die Özlem Özgül Dündar – Brinkmann-Preisträgerin des Jahres 2018 und aktuell Stipendiatin der Villa Massimo in Rom (Casa Baldi) – für ihren Kollegen Alexander Estis parat hat. Er sei sehr erfolgreich darin, keinen Roman zu schreiben, und biete literarische Miniaturen, die für das Auge des großen Publikums zu klein seien. Auch sei Estis zu bescheiden, um all die Preise zu nennen, die er nicht erhalten habe. Diese biographische Einführung ist dann aber auch schon eine Kostprobe aus dem Werk des gebürtigen Russen. Der präsentiert einige seiner satirischen Notate aus dem „Handwörterbuch der russischen Seele“, das im Kölner Verlag Parasitenpresse erschienen ist: „Sibirien ist schön – es ist umso schöner, je freiwilliger du dort hingehst.“

Literaturzeitschriften als Bühne und Spielwiese

Seyda Kurt signierte im Stehen, was besonders anstrengend ist, wenn die Schlange der Fans sehr lang ist. Foto: Bücheratlas
Sieht nach ziemlich großem Kino aus – die Macherinnen von Kölner Literaturzeitschriften im Gespräch mit Yannic Han Biao Federer (links). Foto: Bücheratlas

Seyda Kurt muss sich ab und an mal strecken. Im Cinenova signiert sie an einem Tisch stehend ihr Buch „Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist“ (Harper Collins). Bestens besucht war die Veranstaltung der Initiative „Insert Female Artist“, die ihr nächstes Festuval vom 23. bis 26. September abhalten wird. Noch hat sich die Schlange der Fans nicht vollends aufgelöst, da beginnt im Kinosaal die Vorstellung der Kölner Literaturzeitschriften. Ihr schöner Titel: „Print ist nicht tot, riecht nur komisch“. Vertreten sind „KLiteratur“, „Kurze“ von der Kunsthochschule für Medien, „schliff“ von den Germanisten an der Universität Köln und „And She Was Like: BÄM!“ – wobei da der Akzent doch eher auf der Fotografie liegt. Die jeweilige Reichweite der Publikationen, das machen die Verantwortlichen im Gespräch mit Yannic Han Biao Federer deutlich, ist übersichtlich. Doch der Spaß, eine solche „Spielwiese“ zu pflegen, sei erheblich. Und nicht zu unterschätzen sei die Bühne, die da zur Verfügung gestellt werde. Denn wer sich für eine Förderung bewerbe, der müsse etwas vorweisen können – am besten eine Veröffentlichung. In diesen Dienst stellt sich zumal „Kurze“ (deren jüngste Ausgabe wir HIER vorgestellt haben). Die Autorin Kamala Dubrovnik, die einen Text vorträgt, bestätigt die Einschätzung: „Die Sichtbarkeit ist sehr wichtig.“

Im Zwischenreich des Möglichen

„Eine Antwort aus Ehrenfeld“ gaben Adrian Kasnitz, Christoph Danne und Peter Rosenthal (von links nach rechts) im Artheater. Foto: Bücheratlas

Was man in dieser „Literaturnacht“ nicht alles verpassen kann – wir sagten es schon. Jetzt könnten wir beispielsweise im Deutzer Bürgerzentrum sein, wo Anke Glasmacher, Agnieszka Lessmann und Wolfgang Schiffer ihre Bücher aus dem Elif-Verlag vorstellen. Aber das ist nicht zu schaffen. Nicht mit Fahrrad oder dem Nahverkehrsnetz der Kölner Verkehrs-Bdtriebe. Denn gerade haben wir noch einmal im Artheater vorbeigeschaut, wo Adrian Kasnitz, Christoph Danne (von dem gerade der Band „Erzählen von Walen“ mit handfest-schönen Gedichten erschienen ist) und Peter Rosenthal auftreten. Das Thema des Terzetts: „Nachts nicht weit von wo – Eine Antwort aus Ehrenfeld“. Sie erzählen also von dem Ort, an dem sie sich gerade befinden: Ehrenfeld. Und was ist mit den anderen Stadtteilen? Haben die keine Lobby? Doch.

Subbelrath ist Subbelrath

Stillleben mit Autor, Tisch und Blumenschmuck: Bastian Schneider in der Comedia Foto. Bücheratlas

Im „Grünen Saal“ der Comedia in der Südstadt wird Zollstock gewürdigt. Der Stadtteil im südlichen Köln. Dafür sorgt die Buchhandlung Weyer, die die „Zwei aus Zollstock“ aufbietet – nämlich Bastian Schneider und Bernhard Benedixen. Schneider liest aus dem Band „Paris im Titel“ (Sonderzahl), in dem der Blick aus dem eigenen Küchenfenster oder auf den nächstgelegenen Park berücksichtigt wird. Aber es geht auch weit hinaus in diesen Kleinstgeschichten. Schneider lässt sich gerne, wie er sagt, von Namen inspirieren – von denen von Autobahnkreuzen („Holledau“) und solchen von Straßen. So verleitet ihn die Subbelrather Straße – da sind wir wieder in Ehrenfeld – zu einer kauzigen Meditation über, nun ja, Subbelrath. Wir fassen zusammen: Subbelrath ist Subbelrath und will nichts anderes sein als Subbelrath.

„Ultimative Battle der Boybands“

Legten in der Comedia auf: Anja Rützel, Markus Kavka und Moderatorin Sabine Heinrich (von links nach rechts). Foto: Bücheratlas

Vom „Grünen Saal“ geht es hinab in den „Roten Saal“ der Comedia. Dort drückt Sabine Heinrich mächtig aufs Stimmungs-Pedal. „Wirklich abgefahren“ sei es, dass so viel Publikum gekommen sei, um Anja Rützel für Take That und Markus Kavka für Depeche Mode schwärmen zu hören. Dann noch das Versprechen: „Wir lassen hier alle die Buxe runter.“ Das hatten Rützel und Kavka – sozusagen – schon in den beiden Fan-Büchern gemacht, die in der Musik-Reihe von Kiepenheuer & Witsch erschienen sind. Nun wird die „ultimative Battle der Boybands“, wie Rützel die Begegnung vorab promoted hatte, auf der Bühne ausgefochten. Das geschieht mit Witz und Fachkenntnis. Und mit dem Einspruch von Markus Kavka, dass Depeche Mode keinesfalls in die Rubrik Boyband passe. Was Rützel selbstverständlich weiß. Auch weil sie dafür, wie Heinrich mitteilt, schon einen kleinen Shitstorm kassiert hat.

Comicszene ohne Dom

Das war noch lustiger als es eh schon aussieht: Leo Leowald, 18metzger – ja, den Klarnamen haben wir nicht auf Lager – und Stefanie Schrank (von links nach rechts) im Literaturhaus Köln. Foto: Bücheratlas

Am Ende landen wir im Herzen der Bewegung. Im Kölner Literaturhaus am Großen Griechenmarkt. Dort ist die Comicszene Köln eingezogen und will jetzt ein wenig „beamen“ und „dreamen“. Leo Leowald sagt: „Die Comicszene Köln war bis vor kurzem eine Behauptung, aber jetzt manifestiert sich das.“ Er hat gerade den Band „Mit Comics durch Köln“ bei Emons herausgegeben. Darin haben 27 Kölnerinnen und Kölner ihre Lieblings- und Hassorte verewigt – „garantiert ohne Dom“. Im Literaturhaus wird er jetzt begleitet von Stefanie Schrank, die „Erotic Pop Classics“ zeichnet und singt, sowie von 18metzger, der herrliche Absurditäten aus dem Band „Totes Meer“ (Ventil Verlag) preisgibt. In einem seiner Comics heißt es: „Wir haben Lesebrillen – was sonst so los ist, können wir nur raten.“ Wenn das mal kein Motto ist für alle, die der Literatur verbunden sind.

Die Bilanz der Veranstalter

Die Literaturnacht, ausgerichtet vom ehrenamtlich tätigen Verein Literaturszene Köln, ist eine großartige Bühne, die das Kleine und das Große zeigt und die Vielfalt vor Augen führt. Für die Veranstalter hält Literaturhaus-Leiterin Bettina Fischer fest, wie wichtig es für die Autorinnen und Autoren in Köln war, nach dem Lockdown „endlich wieder präsent zu sein und gemeinsam aufzutreten“. Das habe in der Vorbereitung nicht wenig Mühe gemacht. Umso glücklicher sei man jetzt über den neuerlichen Zuspruch und Erfolg.

Bettina Fischer hofft, dass dieser Schwung beibehalten werden kann. Von elementarer Bedeutung dafür sei die Förderung durch die Stadt Köln – der Hauptunterstützerin neben der Rheinenergie Stiftung Kultur, der Kunststiftung NRW und der Sparkasse KölnBonn. Da geht es um einen vergleichsweise geringen Betrag, wenn man bedenkt, dass das gesamte Budget der zweiten Literaturnacht bei 80.000 Euro lag. Auf jeden Fall hat die Literaturszene Köln schon ihre Zukunftspläne geschmiedet. Im kommenden Jahr soll die Kinder- und Jugendliteraturszene gefeiert werden und im Jahr 2023 die nächste „Literaturnacht“. Biennal soll es dann immer weitergehen – so weit wie der ehrenamtliche Einsatz trägt und die städtische Unterstützung anhält. Tatsächlich wäre es ja absurd, wenn eine solch kulturell attraktive, gesamtstädtische und strukturfördernde Initiative verlorenginge.

Martin Oehlen

3 Gedanken zu “Zwischen Sibirien und Subbelrath, Tanka und Take That: Die zweite „Kölner Literaturnacht“ im Rückblick und mit Ausblick

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