Tiger im Wilden Westen: C Pam Zhangs vielgelobter Debütroman „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“

Kneipenrelikte aus dem Wilden Westen, ausgestellt in Texas (USA). Foto: Bücheratlas

Was ist das für ein scharfer Ritt! Die Schriftstellerin C Pam Zhang, 1990 in Peking geboren und in den USA aufgewachsen, überrascht mit einem Western, der kräftig gegen den Mythos gebürstet ist: „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“. Alles beginnt damit, dass die Geschwister Lucy (12) und Sam (11) ihren toten Vater, Ba genannt, in eine Kiste packen, diese auf ein gestohlenes Pferd binden und dann die Flucht ergreifen, um den Leichnam an einer würdigen Stelle zu begraben. Dafür müssen Lucy und Sam gleichsam durch die Hölle gehen. Doch was sie sich in den Kopf gesetzt haben, führen sie auch durch. Da komme, was wolle. Und die Widerstände für die Kinder, die im Laufe des Romans zu Jugendlichen werden, sind ohne Zahl.

„This Land Is Not Your Land“

Diese Eröffnung ist ein turbulentes Kabinettstück, mit einem missratenen Banküberfall und einem Leichnam, dem mehr und mehr Teile abhandenkommen. Allerdings zielt C Pam Zhang nicht auf Klamauk, sondern auf Intensität.

Eine Triebfeder des Romans ist die Suche nach einem Zuhause für die Toten und für die Lebenden. Das in einem Land, dessen Natur von Bisonjägern und Goldgräbern geschunden wird und dessen Ureinwohner plötzlich Ausgestoßene sind. „This Land Is Not Your Land“ lautet das Motto, das dem Roman vorangestellt ist. Das klang 1940 bei Woody Guthrie noch ganz anders.

„Wenn wir erst mal über die Berge sind“

Lucys Eltern sind einst als Glückssucher aus Asien „übers Meer“ gekommen. Doch dann verdingen sich für einen Hungerlohn im Bergbau und schürfen nach Gold, das ihnen geraubt wird, kaum, dass sie es gefunden haben. Sie werden als „Schlitzaugen“ beleidigt, ziehen rastlos von Ort zu Ort und nehmen auch mal Wohnung in einem Hühnerstall. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: „Wenn wir erst mal über die Berge sind“, sagt Lucy, „haben wir genug Zeit, ein neues Zuhause zu suchen.“ Solch sehniger Überlebenswille ist beeindruckend.

Wo es um den sicheren Platz im Leben geht, geht es ebenso um die Identität. Dies ist das zweite große Thema, das C Pam Zhang auffächert. Mit einer besonderen Gender-Note: Denn Sam, den wir zunächst für einen Jungen halten, ist in Wahrheit ein Mädchen. Dieses Geheimnis wird erst nach einigen Seiten der spielerischen Vertuschung verraten. Warum Samantha sich die Haare abgeschnitten und warum sie sich mal eine halbe Karotte und mal einen Stein in die Hose steckt, erfahren wir auch – aber wollen die Aufklärung dann doch der Romanlektüre überlassen.

„Familie geht vor“

Allemal sind es starke Charaktere, die wir kennenlernen. Nicht nur die trotzige Sam, die keine Kontroverse scheut, nicht nur die kluge Lucy, die sich der weißen Gesellschaft anzupassen versucht. Auch Ba, den wir zunächst als gewalttätigen Alkoholiker abgespeichert hatten, und die Mutter, die eine Weile alles und alle zusammenhält, bekommen ein markantes, keineswegs idealisiertes Profil. Die verbindende Parole lautet: „Familie geht vor.“

Nicht nur an Geschichten hat C Pam Zhang eine Menge zu bieten. Auch stilistisch fällt der Autorin einiges ein. Sie mischt Sagenhaftes und Archaisches in den Erzählstrom. Spielt mit chinesischen Mythen, vor allem mit dem Motiv des mächtigen Tigers, und mit den Legenden des Wilden Westens, was auch einen Aufenthalt in Sweetwater vorsieht, dem Pionierbahnhof aus „Spiel mir das Lied vom Tod“. Kühn ist die Idee, den Vater im dritten Teil als Erzähler auftreten zu lassen: Zwar ist Ba da schon tot, aber mit Hilfe des Winds vernimmt Lucy die Geschichten, die er ihr zu Lebzeiten nicht zumuten wollte. Schließlich flicht C Pam Zhang allerlei Satzfetzen auf Mandarin in den Text ein. Deren Bedeutung kann, wer der Sprache nicht mächtig ist, bestenfalls erahnen, zumal es sich um ein Pidgin-Mandarin handeln soll: „Lao hu“, „Hao de“, „Nu er“, „Ting wo“, „Bu hui“. Das wirkt wie eine Selbstbehauptung: Lucy und Sam, Ba und Ma geben ihre Muttersprache nicht ganz auf. Es ist das „Zuhause“ in der Sprache.

Auf Obamas Leseliste

Es gab im vergangenen Jahr tatsächlich gute Gründe dafür, dass „How Much Of These Hills Is Gold“ auf der Longlist zum Booker Prize und auf Barack Obamas Lieblingsbücher-Liste stand. „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ spielt zwar im Wilden Westen, wird aber geprägt von Debatten unserer Zeit, darunter Selbstfindung, Rassismus, Sexismus, Ökologie und Migration. Wohl damit wir ahnen, dass es in der Erzählung auf das Jahrhundert nicht so genau ankommt, beginnt die jeweils vierstellige Jahreszahl vor den Kapiteln immer mit einem Doppel-X.

Nun kann C Pam Zhangs Debüt auch in Eva Reguls deutscher Übersetzung glänzen. Dies ist kein Western, in dem die Sonne rot am Horizont verglüht. Vielmehr zeigt uns die Autorin poetisch und entschieden, wie der amerikanische Traum zum Alptraum mutiert.

Martin Oehlen

C Pam Zhang: „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“, dt. von Eva Regul, S. Fischer, 352 Seiten, 22 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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