Der letzte Fall vor der Versetzung: Matthias Wittekindts anspruchsvoller Psychokrimi „Vor Gericht“

Berlin ist der Tatort, an den der pensionierte Kriminaldirektor Manz zurückgeführt wird. Foto: Bücheratlas

Matthias Wittekindt hat den Sprung auf die diesjährige Longlist des Kölner Krimifestivals „Crime Cologne“ geschafft.  „Vor Gericht“ ist ein raffiniert konstruierter Kriminalroman, in dessen Mittelpunkt der Dresdner Kriminaldirektor a. D. Manz steht. Der rüstige Pensionär hat sich wohlig eingerichtet in seinem Ruhestand jenseits der Großstadthektik. Gemeinsam mit Ehefrau Christine lebt er seit zehn Jahren in einem beschaulichen Örtchen an der Elbe und trifft sich regelmäßig mit Freunden zum Rudern oder zu abendlichen Grillfesten. Das Motto des illustren Altherrenklubs: Kein Wort über das Leben vor dem Ruhestand.

Kaum Positives über die Tote

Auch Manz hat sich bisher ausgeschwiegen über seine alten Fälle in Dresden und Westberlin, wo er bis kurz nach der Wende im Einsatz war. Doch unvermittelt holt ihn die Vergangenheit ein. Er soll vor Gericht als Zeuge in einem Mordfall aus dem Jahr 1990 aussagen. Damals wurde Regina Zeisig, eine lebenslustige Singlefrau Anfang 60, erstickt in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Die beiden erwachsenen Söhne zeigten sich wenig berührt vom Tod der Mutter, die sie eine Kindheit lang gequält hatte. Auch ein Nachbar wusste kaum Positives über die als geizig verschriene Tote zu berichten.

Für Manz war der Mord an Regina Zeisig sein letzter Fall in Berlin. Seine Versetzung nach Dresden stand kurz bevor, die Familie saß auf gepackten Koffern. Eine kurze Affäre mit einer Kollegin war gerade zu Ende gegangen. Hatte er deswegen schlampig gearbeitet? Wichtige Spuren übersehen? Fragen, die ihn rund 20 Jahr später quälen, als er die Aufforderung erhält, in dem alten Fall als Zeuge auszusagen. Denn der Täter scheint endlich gefunden zu sein und steht in Berlin vor Gericht.

Sturz in eine kapitale Lebenskrise

Manz stürzt die Konfrontation mit der Vergangenheit in eine kapitale Lebenskrise. Tagelang hockt er über den alten Akten und versucht, jene Tage im Dezember 1990 zu rekonstruieren, die sein privates wie sein berufliches Leben in neue Bahnen lenkten. Geschickt verknüpft Matthias Wittekindt die wackeligen Erinnerungen des pensionierten Ermittlers mit dessen Gegenwartserfahrungen und spinnt daraus einen hochspannenden, literarisch anspruchsvollen Psychokrimi.

Manz muss erkennen, dass er damals nicht nur in beruflicher Hinsicht versagt hat und beileibe nicht der aufrechte Mensch gewesen ist, für den er sich bis dato gehalten hat. „Vor Gericht“ schildert einen Mann, der vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben über sich selber nachdenkt. Der Mord an Regina Zeisig gerät darüber fast zur Nebensache.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

findet sich die Longlist zum „Crime Cologne Award 2021“ genau HIER.

Matthias Wittekindt: „Vor Gericht“, Kampa, 310 Seiten, 19,90 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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