Wenn der Ehemann aus Stroh ist: Yukiko Motoya sorgt mit „Die einsame Bodybuilderin“ für ein neues Highlight aus Japan

Unter Menschen im vorpandemischen Tokio Foto: Bücheratlas

Tomokos Freunde und Familie waren überhaupt nicht einverstanden mit ihrer Wahl des Ehemannes. Doch die junge Frau zweifelte nicht an ihrem Lebenspartner. Und sie hat die Vermählung auch nach einem halben Jahr noch nicht bereut. Dabei ist ihr Ehemann aus Stroh. Ja, so etwas kommt vor, wenn man sich auf die unter dem Titel „Die einsame Bodybuilderin“ versammelten Storys von Yukiko Motoya einlässt. Da geht es kopfüber in eine herrlich bizarre, gleichwohl ganz und gar nicht sorgenfreie und allemal kunstvoll präsentierte Welt.

Mit explosiver Fantasie

Die vorliegende Auswahl aus zwei Erzählbänden ist das erste Buch der 1979 geborenen Japanerin, das auf Deutsch erscheint. Im literarischen Leben ihrer Heimat ist sie allerdings längst etabliert. So hat sie schon einige Preise gewonnen, darunter den Akutagawa-Preis, der als Japans höchste literarische Ehrung gilt, sowie den Kenzaburo-Oe-Preis für die hier vorliegenden, meist kurzen Storys. In ihnen findet sich vom Großmeister Haruki Murakami das Mysteriöse und von der Altersgenossin Sayaka Murata das Ausloten der Extreme. Gleichwohl schlägt Yukiko Motoya einen ganz und gar eigenen Ton an.

Ihr Zugriff ist schnell und entschlossen. Und ihre Fantasie ist explosiv. Um nur noch einmal auf den Gatten aus Stroh zurückzukommen. Nachdem Ehefrau Tomoko dem BMW des Paares einen Kratzer zugefügt hat, kann er von seiner Verärgerung nicht lassen und verstummt schließlich vor lauter Bockigkeit. Das geht einher mit dem Verlust seiner Körperspannung – unablässig fallen miniaturisierte Musikinstrumente aus seinem Strohhalmkörper. Die ersten versinken noch im flauschigen Teppich. Doch bald türmen sie sich zu einem Hügel auf. Schon fürchtet Tomoko um das Wohlbefinden des Gemahls: „Sein vertrauter Duft nach in der Sonne getrockneten Handtüchern, den sie so liebte, hatte sich unversehens in den Geruch von Viehfutter verwandelt.“ Doch nachdem sie die winzigen Instrumente – Posaune, Trommel, Cembalo etc. – behutsam zwischen die Halme zurückgeschoben hat, ist er bald wieder ganz der alte Strohmann.

Pfingstrose wächst aus der Unterhose

Allemal geht es um die Einsamen und Isolierten in diesen überhaupt nicht harmlosen Grotesken. Zumal die Ehe ist hier ein faszinierendes Feld, um die Frage nach Identität und Selbstbehauptung zu beantworten. Was wir sehen: Meistens geht es schief. Mal gleichen sich die Partner bis in die Gesichtszüge an, mal ist aus dem glücklichen Miteinander ein interesseloses Nebeneinander geworden. Das wird allerdings nicht in Ingmar-Bergman-Manier durchdekliniert, sondern pointiert auf die irrwitzige Spitze getrieben.

Konsequent behandelt die Erzählerin all die schrillen Merkwürdigkeiten wie die schiere Selbstverständlichkeit. Das ist zuweilen sehr amüsant und dem Slapstick nahe, wenn eine Gestalt (ist es ein Mensch, ein Außerirdischer?) nicht aus der Umkleidekabine weichen will und von der pflichtbewussten Verkäuferin Tag und Nacht mit neuen Kleidungsstücken zur Anprobe versorgt wird. Allerdings ist die Beklemmung selten fern. So auch in „Ehe mit einer fremden Spezies“, der mit Abstand längsten Story. Um es kurz machen: Ein Mann zerplatzt vor den Augen seiner Frau in zahllose Einzelteile und landet als Pfingstrose auf dem Boden: „Wie zum Beweis, dass sie mein Mann gewesen war, wuchs ihr ein Stängel direkt aus seiner Unterhose.“

Gekochte Eier flutschen aus dem Mund

Solche Mutationen sind zahlreich. Sie muten an wie ein Erzählprinzip, um den Grad der seelischen Zerstörung anzudeuten. Die Zahl der Aliens unter den Menschen, das steht nach der Lektüre der elf Geschichten fest, ist erheblich größer als vermutet. Davon erzählt die Autorin in einer leicht zugänglichen Sprache, die die eine oder andere rare Metapher aufweist. So lesen wir in der Erzählung „Die Hunde“: „Seine mühelose, unverkrampfte Art zu sprechen, erweckte in mir stets die Vorstellung von eingefetteten gekochten Eiern, die aus seinem Mund flutschten, und ließ mich beinahe vergessen, dass er wie ich ein Menschenfeind war.“

Übersetzt wurde all das von Ursula Gräfe, was nichts als passend ist, da sie die gefeierte deutsche Stimme von Haruki Murakami und Sayaka Murata ist – und nun eben auch von Yukiko Motoya. Ihre „Einsame Bodybuilderin“ ist ein Buch des schönen Schreckens – eine neue Leseattraktion aus Japan.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

finden sich einige Beiträge zur Literatur aus Japan. Darunter auch ein Gespräch mit der Übersetzerin Ursula Gräfe – und zwar HIER .

Eine Besprechung von Suyaka Muratas Band Das Seidenraupenzimmer, dem jüngsten auf Deutsch vorliegenden Werk der Autorin, gibt es HIER .

Eine Besprechung von Haruki Murakamis Band Erste Person Singular, dem jüngsten auf Deutsch vorliegenden Werk des Autors, gibt es HIER .

Yukiko Motoya: „Die einsame Bodybuilderin“, dt. von Ursula Gräfe, Blumenbar, 236 Seiten, 20 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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