Katzen, die zu Frauen sprechen: „Das Geschenk eines Regentags“ von Makoto Shinkai und Naruki Nagakawa

Foto: Bücheratlas

Auf leisen Pfoten kommt dieser Roman daher. Doch sofort ist der Leser hellwach. Denn der Erzähler, der da zu Beginn „ich“ sagt, ist ein Kätzchen. Das liegt in einem Pappkarton am Straßenrand. Allein und verlassen. Leichter Regen fällt. Das Rattern der Hochbahn klingt wie Donnergrollen. Ja, das sieht nicht gut aus. Doch dann naht Rettung. Eine junge Frau namens Miyu drückt das Kätzchen an ihre Brust. Sie – die Katze – sagt: „Ihr Herzschlag, meiner und jener der ganzen Welt – alle setzten gleichzeitig ein.“

Vor dem Roman war der Trickfilm. Im Jahre 1999 veröffentlichte Makoto Shinkai die kurze Bilderfolge „She and Her Cat“. In diesem Anime, der originär japanischen Filmentsprechung zum Manga-Comic, erzählt der Japaner die glücklich endende Geschichte einer jungen Frau und ihres Katers. Viereinhalb Minuten in Schwarz-Weiß, mit sanften Schwenks und Überblendungen, die wenigen Geräusche effektvoll einsetzend. Ein kleines Kabinettstück.

Cat Content aus Japan

Nun beginnt mit dieser Geschichte der Roman „Das Geschenk eines Regentages“, dem 2012 in Japan veröffentlichten Prosa-Debüt des Anime-Regisseurs Makoto Shinkai. Bei der Abfassung des Textes wurde er von dem Drehbuchautor Naruki Nagakawa unterstützt. Dass Katzen ihre große Fangemeinde haben, ist ja jedem Hund bekannt. Gerade auch in Japan. Weltweit wird Cat Content begierig von der Social-Media-Community geschluckt. Warum sollte das nicht genauso gut auf dem Buchmarkt funktionieren?

Der Roman bietet viele Stimmen auf. Die überwiegend jungen Frauen, die im steten Wechsel mit den streunenden oder sesshaft gewordenen Katzen zu Wort kommen, sind allesamt alleinstehend. Sie haben ihre Kümmernisse und Beziehungssorgen. Miyu beispielsweise bekennt: „Mit einem Geliebten konnte man sogar noch viel einsamer sein als ohne.“ Bald ist es dann auch aus mit dem Freund.

Modernes Märchen im Anime-Modus

Den sensiblen Katzen entgehen solche Stimmungstrübungen nicht. Sie melden sich sogar mit guten Hinweisen zu Wort. Die Romankatzen haben also deutlich mehr zu bieten als die traditionellen Winkekatzen im Land. Nur verstehen die Menschen die felinen Botschaften nicht immer. Dennoch gelingt es den sensiblen Tieren, Trost zu spenden und Freude zu schenken. Mittendrin in diesem leicht regenmelancholischen Reigen ein alter Hund, der an die Wiedergeburt glaubt und ein wenig herumphilosophiert. Das Paradies, meint er, währt niemals lange.

Ein modernes Märchen im Anime-Modus ist das. Mit klugen Vierbeinern, die morgenrote Wolken „wunderschön“ finden, und mit Frauen, die allenfalls Mangas lesen. Die Charaktere müssen mit wenigen Strichen auskommen. Und einiges ist dicht am Kitsch entlang erzählt. Dennoch wird sich mancher Katzenfreund und manche Katzenfreundin laben an diesen Geschichten in Pastellfarben und mit Happy End. Nicht nur in Japan, wo „Hello Kitty“ zuhause ist, sondern auch bei uns.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog findet sich noch ein Katzenroman aus Japan: „ Die Katzen von Shinjuku“ von Durian Sukegawa – und zwar HIER .

Makoto Shinkai und Naruki Nagakawa: „Das Geschenk eines Regentages“, dt. von Heike Patzschke, S. Fischer, 256 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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