Liebeserklärung an die Literatur: „Die Bücherfrauen“ von Romalyn Tilghman spielt dort, wo in den USA der Horizont weit ist

„Keine Berge im Weg. Nichts zwischen dir und dem endlosen Horizont.“ – so steht es im Roman geschrieben. Foto: Bücheratlas

Keine Berge im Weg. Nichts zwischen dir und dem endlosen Horizont.“ Das hat Angelina Sprint oft von ihrem Dad gehört. Und nun ist sie dort, im Westen von Kansas, wo der Himmel so hoch und weit ist, dass man meint, die Krümmung der Erde sehen zu können. Staubwolken ziehen über das ausgebleichte, trockene Land, und erst wenige Wochen zuvor hat ein Tornado Prairie Hill, die Nachbarstadt von New Hope, dem Erdboden gleichgemacht.

Angelinas Großmutter Amanda hat in der Nähe von New Hope gelebt, und auch sie selber hat als Kind einen Sommer auf deren Farm in der Prärie verbracht. Jetzt ist sie zurückgekehrt, um für ihre Doktorarbeit die Geschichte der örtlichen Bibliothek zu erforschen – eine „Bücherfrau“, deren Leidenschaft dem gedruckten Wort gilt.

„Die Bücherfrauen“ lautet denn auch der Titel dieses herzerwärmenden Romans, der vor allem eines ist: eine knapp 400 Seiten lange Liebeserklärung an das Buch an sich und als solches. Geschrieben hat es Romalyn Tilghman, die mit ihrem Debüt in den USA einen Überraschungsverfolg landete.

Im Zentrum ihres Romans stehen vier Frauen, die am Scheideweg ihres Lebens stehen. Jeder von ihnen ist erst kürzlich der Boden unter den Füßen weggebrochen, und so sind sie gezwungen, neue Perspektiven für ihr zukünftiges Leben zu entwickeln. Da ist Angelina, die mit 40 Jahren versucht, ihre Doktorarbeit zu Ende zu bringen – was ihr im Übrigen nicht gelingen wird. Traci hat es aus New York nach New Hope verschlagen. Die junge „Müll-Künstlerin“ soll im örtlichen Kulturzentrum Kunstkurse geben. Dass sie weder eine Kunsthochschule besucht noch Erfahrungen im Unterrichten hat, hat sie in ihren Bewerbungsunterlagen tunlichst verschwiegen. Gayle hat der Tornado buchstäblich das Haus über dem Kopf weggerissen. Nun fragt sie sich, ob es Sinn macht, noch einmal von vorne anzufangen. Und dann wäre da noch die rebellische Sylvia, die ein Kind erwartet, obwohl sie selber fast noch eines ist.

Sie alle treffen sich regelmäßig im Kulturzentrum von New Hope, dessen Tage indes gezählt sind. Es fehlt an Geld, die ehemalige Carnegie-Bibliothek zu erhalten. Selbst Traci muss um ihr Gehalt bangen. Mit allen Mitteln versuchen die Frauen von New Hope, die nötigen finanziellen Mittel für die Weiterführung der einzigen kulturellen Einrichtung weit und breit aufzutreiben. Sie kochen, backen, stricken und nähen im Akkord, veranstalten Bazare und Flohmärkte, auf denen sie ihre Eigenprodukte verkaufen. Jeder Dollar zählt, wenn es darum geht, New Hope vor der drohenden kulturellen Trockenlegung zu schützen.

Romalyn Tilghman hat selbst viele Jahre mit ländlichen Kulturvereinen wie dem in New Hope zusammengearbeitet. Sie weiß also, wovon sie redet. Ihr Roman gibt einen authentischen Einblick in das Leben im Hinterland der USA. Es erzählt von starken Frauen, von Klatsch und Tratsch, von unehelichen Kindern und dem Gefühl, an einem heißen Sommerabend in einem Schaukelstuhl auf einer Holzveranda zu sitzen. Eine Idylle? Ganz sicher. Aber eine, für die man hart kämpfen muss.

Romalyn Tilghman: „Die Bücherfrauen“, dt. von Brit Somann-Jung, S. Fischer, 384 Seiten, 22 Euro. E-Book 18,99 Euro. 

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