Polly sprengt das Korsett der Konventionen: „Robinsons Tochter“ von Jane Gardam

Foto: Bücheratlas

Polly Flint ist sechs Jahre alt, als der Vater sie bei zwei Tanten in einem gelben Haus am Meer abliefert. „Ein dickes Hausmädchen führte mich in die Küche, wo ich Tee bekam, und dann wurde ich von der sanftmütigen Tante in ein riesiges Gewölbezimmer geführt, es muss das kleine Morgenzimmer gewesen sein. Ich machte mit der sanftmütigen Tante ein Puzzle, so groß wie ein Kontinent. Ich sah nicht so weit auf, dass ich das Gesicht der Tante gesehen hätte, aber ich beobachtete unsere vier Hände, die über dem Mahagonimeer schwebten.“

Nein, eingestellt auf die Betreuung eines kleinen Mädchens ist man nicht im gelben Haus am Meer. Für Polly Flint, deren Geschichte Jane Gardam in ihrem Roman „Robinsons Tochter“ einfühlsam erzählt, wird das windumtoste Gebäude, das sie im Jahr 1904 zum ersten Mal betritt, dennoch zum Fixpunkt ihres Lebens und zum einzigen Zuhause, das sie jemals kennenlernen wird.

Allein unter Tanten

Der Vater kommt zwei Monate später bei einem Schiffsunglück ums Leben, die Mutter ist schon vor Jahren gestorben, und so wächst Polly in der Obhut von „Miss Mary“ und „Miss Frances“ heran, den älteren Schwestern ihrer Mutter. Es ist einsam in der Marsch, allein die Kirchgänge am Wochenende unterbrechen die Monotonie eines durchgetakteten Kinderlebens, dessen Rhythmus bestimmt wird von Gebeten und totlangweiligen häuslichen Unterrichtsstunden. „Es war natürlich keine Rede davon, mich liebzuhaben, noch gab es sonstige Zuneigungsbekundungen, aber das machte nichts, denn ich hätte auch nicht gewusst, wie ich mit Liebe hätte umgehen sollen.“

Trost findet Polly allein in Daniel Defoes Roman „Robinson Crusoe“. Der englische Seemann, der mehr als 20 Jahre auf einer abgelegenen Südseeinsel ausharrt, ist ebenso allein wie das kleine Mädchen im gelben Haus.  „Du warst mein Brot“, wird Polly kurz vor ihrem Tod zu ihrem fiktiven Lebensgefährten sagen.

„Man sollte auch den Mond wollen“

Mehr als acht Jahrzehnte begleitet Jane Gardam ihre toughe Protagonistin und Ich-Erzählerin durchs Leben. Polly, mit einem gesunden Humor und einer überlebenswichtigen Portion Pragmatismus gesegnet, erlebt in dieser Zeit zwei Weltkriege. Sie verliebt sich in einen hasenfüßigen Mann, der, überrollt von ihren erotischen Fantasien, in die Ehe mit einer anderen flüchtet. Sie beginnt zu trinken und hört damit auf, als der Alkohol keinen Trost mehr bietet. Aus der naiven Kleinen, die das Schicksal in das Haus von Tante Mary und Tante Frances gespült hat, wird eine selbstbewusste Frau, die ihr Leben allen Widrigkeiten zum Trotz meistert und am Ende sagen wird: „Man sollte auch den Mond wollen.“

Jane Gardam schildert in „Robinsons Tochter“ eine Gesellschaft, die an ihren eigenen Regeln und Konventionen zu ersticken droht. Vor allem die Frauen sind gehalten, ihre Bedürfnisse und sexuellen Wünsche bis zur Selbstaufgabe zu unterdrücken. So erzählt ihr Roman von verpfuschten Lebensentwürfen, von weiblicher Selbstkasteiung und der zerstörerischen Kraft von Familiengeheimnissen.

Liebe und Betrug

Die gottesfürchtige Tante Mary, das erfährt Polly viele Jahre nach deren Tod, war einst eine umschwärmte Schönheit. Als ihr Verlobter sie betrog, zog sie sich verbittert zurück von der Welt und suchte Trost im Gebet. Frances heiratet im fortgeschrittenen Alter den Pfarrer ihrer Heimatgemeinde und geht mit ihm nach Indien – ein aus der Not geborener Fluchtversuch aus dem gelben Haus, der in einer Katastrophe endet.

Jane Gardam, mittlerweile 92 Jahre alt, ist mit „Robinsons Tochter“ ein wunderbar erzählter, vielschichtiger und lebenskluger Roman gelungen. Im Original ist er bereits 1985 erschienen, was seiner Frische und Lebendigkeit indes keinen Abbruch tut. 

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Jane Gardam: „Robinsons Tochter“, dt. von Isabel Bogdan, Hanser Berlin, 318 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro. 

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