Gedichte über die Grenzen hinweg: Das zweisprachige Lyrikmagazin „Trimaran“ liegt gut im Wind

Das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen war ein wichtiger Ausgangspunkt für das aktuelle Trimaran-Magazin. Foto: Bücheratlas

Eine Klasse für sich ist das Lyrikmagazin „Trimaran“. Das bestätigt die zweite Ausgabe des internationalen Kooperationsprojekts, das von der Kunststiftung NRW, dem Nederlands Letterenfonds und Flanders Literature unterstützt wird. Die hier versammelten Partner deuten an, was Sache ist: Es geht um Poesie aus Deutschland, Flandern und den Niederlanden. Das ist schon eigenwillig genug.

Aber auch die Themen, die verhandelt werden, sind nicht gerade Mainstream. Exemplarisch steht dafür der spannende Beitrag zur Übersetzung von Lyrik in Gebärdensprache. Da es dazu kaum Ansätze gab, hatte sich 2017 die Initiative „handverlesen“ gegründet. Nur zur Klärung der Sachlage: Literatur in Gebärdensprache lässt sich nicht abdrucken. Franziska Winkler von der Initiative schreibt: „Ein Gedicht, das in Gebärdensprache übersetzt wird, ist kein schriftlicher Text mehr, sondern wird zu einem visuell und räumlich performativen Text.“ Diese „Literatur des Körpers“ bietet die seltene Gelegenheit, „noch einmal darüber nachzudenken, was Literatur ist und wie Literatur sich formiert.“  

Die Grenzüberschreitung der Dichtung ist für „Trimaran“ ein Grundgesetz. Dabei ist es allemal ein Hochseilakt, Lyrik von der einen Schriftsprache in eine andere zu übersetzen. Ja, zuweilen mag man daran zweifeln, ob das überhaupt möglich ist eingedenk der Vielzahl der Bedeutungs-Optionen, der sehr spezifischen Tonlagen und Echoräume. Das gilt im Prinzip für alle Texte – aber für die Lyrik am heftigsten.

Eine Adresse, um einschlägige Probleme zu lösen, ist das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen. Dort trafen sich vor knapp einem Jahr die Lyrikerinnen und Lyriker Maria Barnas, Sonja vom Brocke, Peter Holvoet-Hansen und Jürgen Nendza. Die Ergebnisse dieses Treffens, zumal Gedichte im Original und in Übersetzung, füllen nun ein eigenes, ambitioniert gestaltetes Heft im Heft.

Vieles mehr lohnt die Lektüre dieser anspruchsvollen Publikation. Da freut man sich auch über eine Selbstauskunft der Lyrikerin Lea Schneider: „Meine Poetik der radikalen Freundschaft ist damit vor allem eine Poetik der radikalen Vielstimmigkeit: Ich will nicht die Einzige sein, die in meinen Texten zu Wort kommt.“

Diese „Radikale Freundschaft“, meinetwegen auch die „Radikale Vielstimmigkeit“, könnte sich das das Lyrikmagazin (beziehungsweise Poëziemagazine) glatt auf den Bug schreiben. Denn ein Trimaran – wer wüsste das nicht auf Anhieb! – ist ein Boot mit drei Rümpfen. Das passt sehr schön zum lyrischen Dreiklang Deutschland, Flandern, Niederlande. Auf See gilt der Trimaran als schnellstes Segelboot überhaupt, ist noch flotter unterwegs als ein Katamaran. Sollte er allerdings einmal umkippen, so wissen wir es von Wikipedia, braucht es schweres Gerät, um das Boot aufzurichten. Aber da machen wir uns aktuell keine Sorgen: Der Lyrik-Trimaran liegt gut im Wind.

Martin Oehlen

„Trimaran“ erscheint im Lilienfeld Verlag in Düsseldorf, das Heft 02/2020 hat 134 Seiten und kostet 15 Euro.

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