Bruder und Schwester allein in der Bucht: Michael Crummeys archaisch-poetischer Neufundland-Roman „Die Unschuldigen“

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Im wilden Osten von Kanada Foto: Bücheratlas

„Der Mensch muss ertragen, was er nicht ändern kann.“ sagt Ada Best. Das Mädchen hat diese Lebensweisheit von seinen Eltern aufgeschnappt und mehr als einmal Grund, sie auszusprechen. Denn was Ada und ihr zwei Jahre älterer Bruder Evered Anfang des 19. Jahrhunderts in einer isolierten Bucht in Neufundland zu ertragen haben, ist hart, sehr hart. Ada und Everett tragen nicht zufällig die Initialen von Adam und Eva – sie sind tatsächlich die einzigen Menschen weit und breit, doch sie leben nicht im Paradies, sondern in einer  unerbittlichen Wildnis.

Fundsache aus dem Archiv

Der Kanadier Michael Crummey, dessen Vater Fischer an der Labrador-Küste war, ist auf die Geschichte der Waisen in einem Archiv gestoßen. Ein Priester, der die Küste Neufundlands entlanggefahren ist, traf den Aufzeichnungen zufolge eines Tages auf zwei völlig isoliert lebende Geschwister. Das Mädchen sei schwanger gewesen, und der Bruder allem Anschein nach der Vater. Als sich der Priester nach ihren Lebensumständen erkundigen wollte, sei er fortgejagt worden – „at gunpoint“, mit vorgehaltener Waffe.

Diese Episode hat Crummey nicht mehr losgelassen. Nun liegt im Eichborn Verlag in der Übersetzung von Ute Leibmann auch auf Deutsch vor, was dem Erzähler dazu eingefallen ist: „Die Unschuldigen“.

So geht es los: Innerhalb kürzester Zeit sterben in der fünfköpfigen Fischer-Familie Best die kleine, „unschuldige“ Martha, dann die Mutter, bald darauf der Vater. Evered und Ada sind allein. Weit und breit gibt es keine weitere Hütte. Nur zweimal im Jahr kommt ein Versorgungsschiff vorbei, die „Hope“, um Fische und Felle gegen die nötigsten Lebensmittel zu tauschen. Ein bargeldloses Geschäft, bei dem der Händler an Bord den  Preis bestimmt. Mit der Folge, dass die Schulden der Fischersleute im Kassenbuch immer größer werden.

Doch Ada und Everett, die am Anfang neun und elf Jahre alt sind, wollen nicht wegziehen in den nächsten, sicheren  Hafen, nach Mockbeggar. Dort sind sie noch nie gewesen, kennen nur die Hebamme, die ihre verstorbene Schwester Martha auf die Welt geholt hat. Auch lehnen die Waisen eine Taufe ab, die ihnen der Priester an Bord anempfiehlt.

Schreckensschiff im gefrorenen Meer

Bruder und Schwester wollen sich in ihrer Isolation behaupten – trotz Kälte, Hunger, harter Arbeit. Sie trocknen den Kabeljau, weichen den Bären aus, jagen – meist vergeblich – Robben, wenn das Packeis kommt. Einmal zünden sie ihre Anlegestelle an, um ein vorbeifahrendes Schiff zur Hilfe zu rufen. Regelmäßig spricht Ada mit ihrer toten Schwester. Manchmal gibt es Fichtenbier. Als sie ein eingefrorenes Wrack entdecken, keimt die Hoffnung,  sich dort – wie einst Robinson Crusoe – mit Vorräten und Gerätschaften versorgen zu können. Doch dann ist dies ein Schiff des Schreckens.

Ada und Evered wissen sehr wenig von der Welt außerhalb ihrer Bucht. Dass man lesen lernen kann, diese Fähigkeit also nicht angeboren ist, erfährt Ada nur per Zufall. Die Eltern haben in der kurzen Zeit, die sie mit ihren Kindern verbracht haben, wenig zur Bildung beigetragen. Und so verwundert es auch nicht, dass Ada und Everett völlig verwirrt sind, als sie in die Pubertät kommen. Was da mit ihren Körpern passiert, versucht jeder für sich zu behalten. Aber das fällt so leicht nicht, wenn man sich im Bett gegenseitig wärmen muss, weil der Frost überall beißt.

„Die Unschuldigen“ ist ein Roman voller Archaik und Poesie, Verzweiflung und Hoffnung. Crummey erzählt geradeheraus, mal aus Adas und mal aus Evereds Sicht. Dabei schöpft der 1965 geborene Autor aus einem reich gefüllten Geschichten-Reservoir. Es ist eine lohnende Mischung aus Nature Writing und historischem Roman – mit Links zu den ausbeuterischen Großhändlern und der Vertreibung der Ureinwohner. Vor allem aber ist es ein packendes Drama – so rau und faszinierend wie die Küste Neufundlands.

Martin Oehlen

Michael Crummey: „Die Unschuldigen“, dt. von Ute Leibmann, Eichborn, 350 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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