Eine Frau wie Rusty: „In der Hitze eines Sommers“ ist das fabelhafte Krimidebüt von Emma Flint

Foto: Bücheratlas

Ruth Malone ist ein Hingucker. Rote Haare, Wespentaille. Ein Augenaufschlag, der keinen Mann kalt lässt. Und: Sie ist eine Frau, die mehr vom Leben erwartet als einen treuen Ehemann und ein Spießerleben in der Bronx. Ruth Malone, die ihre vielen Freunde „Rusty“ nennen, hat sich von ihrem Mann, einem Langweiler vor dem Herrn, getrennt. Sie raucht zu viel, sie trinkt zu viel. Ihre Röcke sind zu kurz, ihre Blusen zu eng. Und: Sie hat zu viel Sex mit zu vielen Männern.  Doch ist sie deswegen auch eine schlechte Mutter, womöglich eine skrupellose Mörderin?

Für Sergeant Devlin vom New York Police Department besteht daran kein Zweifel: Mrs. Melone ist wahlweise eine „Schlampe“, eine „Nutte“, eine „Hure“, die aus Eigennutz ihre eigenen Kinder umgebracht hat. Mehr als zwei Jahre ermittelt er gegen die alleinerziehende Mutter, nachdem deren Nachwuchs eines Nachts spurlos aus dem Kinderzimmer verschwunden ist. Einen Tag später wird auf einer Müllkippe die Leiche der vierjährigen Cindy entdeckt. Das Mädchen ist erwürgt worden. Die Todesursache des fünfjährigen Frankie, den man erst eine knappe Woche nach seinem Verschwinden findet, kann nicht mehr festgestellt werden.  Ermordet jedenfalls wurde auch er.

Emma Flint hat in ihrem fabelhaften Debütroman „In der Hitze des Sommers“ einen realen Fall verarbeitet, der seinerzeit in den USA hohe Wellen schlug.  Im Mai 1965 verschwinden in New York am helllichten Tag die Kinder der alleinerziehenden Alice Crimmins, einer lebenslustigen Bardame mit einer verhängnisvollen Neigung zu auffälligen Lidstrichen und kunstvoll toupierten Frisuren. Schnell wird die rothaarige junge Frau, die sich so unverhohlen sexy gibt, zu einer Reizfigur für sämtliche Heuchler und Frömmler der USA.

Für die New Yorker Polizei steht ihre Schuld von Anfang an außer Frage. Drei Jahre nach dem Tod der Kinder wird die End-Zwanzigerin wegen Mordes zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, doch Zweifel an ihrer Schuld bleiben. Heute ist Alice Crimmins 81 Jahre alt und soll nach wie vor zwei Fotos ihrer Kinder in der Brieftasche bei sich tragen.

Emma Flint gelingt es hervorragend, die moralinsaure Atmosphäre jener Zeit einzufangen, in der eine Frau schon allein deswegen schuldig ist, weil sie nicht den Vorstellungen der Polizei von einer trauernden Mutter entspricht. Die Autorin erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und schürt dabei geschickt Zweifel an der Lauterkeit ihrer Protagonistin. Ruth Malone trägt schwer an ihrer frühen Mutterschaft, die ihr den Weg in ein anderes, in ein freies Leben verbaut hat. Doch ist sie deswegen eine Kindsmörderin?

Die Lösung des Falles, die Emma Flint letztendlich anbietet, ist nicht überraschend. Ja, so könnte es gewesen sein. Oder aber auch nicht.

Petra Pluwatsch

Emma Flint: „In der Hitze einer Sommers“, dt. von Susanne Keller, Piper, 416 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 12,99 Euro.

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