Luft und Liebe: Aris Fioretos erzählt von Nelly B., der ersten Pilotin in Deutschland

Fioretos

Nelly B. ist sehr gut darin, sich selbst zu beobachten. Foto: Bücheratlas

„Mein voller Name lautet Ruth Cornelia Becker-Boulard. Ich bin Bildhauerin, Eisseglerin und Aviatikerin gewesen. Sowie, bis vor Kurzem, eine treue Gattin.“ So stellt sich Nelly, die Zentralgestalt in Aris Fioretos Roman „Nelly B.s Herz“, im Berlin der 20er Jahre vor. Allerdings fehlt in dieser Kurzbeschreibung eine entscheidende Angabe: Nelly ist überdies verliebt in die deutlich jüngere Irma Maak. Diese Irma ist angestellt in einer Werbeagentur und beim Kennenlernen befasst mit einer Reklamekampagne für „Wrigley’s Spearmint“. Der Spruch soll möglicherweise lauten: „Sealed tight, kept right, the flavor lasts“. Also – wenn das Kaugummi-Päckchen dicht verschlossen und richtig gelagert werde, bleibe der Geschmack erhalten. Ob das auch für die Liebe der beiden Frauen gilt?

Wie sich ihre Beziehung entwickelt, schildert Aris Fioretos in 101 Kapiteln. Der Autor weist im Nachwort darauf hin, dass einige Aspekte seiner Heldin „mit dem Leben und Werk der deutschen Pilotin Melli Beese übereinstimmen“. Auf Beese (1886-1925) aufmerksam zu machen, ist allemal eine gute Tat. Sie war die erste Frau in Deutschland, die eine Flugzeugführerlizenz erworben hat, 1911 in Johannisthal bei Berlin. Allerdings betont Fioretos, dass sein Werk eine Fiktion sei und keine „biografische Treue“ beanspruche. Nachdem der Autor zuletzt in „Mary“ das Schicksal einer Frau während der griechischen Militärdiktatur erzählt hat, wagt er sich nun erneut an eine weibliche Perspektive.

Der Roman steigt ein, als Nelly die Fliegerei auf Anraten der Ärzte aufgibt. Die gebürtige Dresdnerin leidet an einer Herzinsuffizienz. Die Medikamente, die sie nimmt, können süchtig machen. Fioretos legt seine ganze psychologische Sensibilität in Nellys Liebeswirren. Es ist bemerkenswert, wieviel Energie er darauf verwendet, Nellys Stimmungen zu erfassen, das Zweifeln und das Jubilieren. Ein ums andere Mal lässt er sie ihren Beziehungsstatus analysieren. Doch bei aller Finesse in den Variationen – es kommt der Moment, da sich der Leser wünscht, dass die Geschichte von der Stelle komme und nicht länger von einer Drehung zur nächsten kreisele.

Als der Roman wieder Fahrt aufnimmt, nämlich sobald Nelly und Irma gemeinsam in die Luft gehen und nach Warschau fliegen, ist dies gleich wieder eine ganz andere, farbige, fesselnde Geschichte. Deshalb mag man es bedauern, dass der spannende Lebensabschnitt, in dem sich Nelly – ganz so wie ihr historisches Vorbild Melli Beese – gegen Mobbing und Sabotage-Aktionen in der Männerwelt durchsetzt und zur anerkannten Pilotin wird, nur in den Erinnerungen der Ich-Erzählerin vorkommt.

Das Tagespolitische wird nicht ausdrücklich thematisiert. Nelly liest zwar Zeitung, aber scheint sich vorzugsweise dem Lösen des darin platzierten Kreuzworträtsels zu widmen. Gleichwohl schimmern Erster Weltkrieg und Weimarer Republik auf. Auch das Szene-Berlin der 20er Jahre, dessen Flair derzeit so populär ist, wird sichtbar. Mit Bauhausvase, Frauen-Nachtclubs, Drogen und Kinogrößen wie Murnau und Jannings. Allerdings gibt es hier keinen verklärenden Glamour, sondern einen eher sachlichen Blick auf die Metropole. 

Aris Fioretos, der schwedische Schriftsteller von griechisch-österreichischer Herkunft, ist ein Ästhet der Sprache. Einer, der die besondere Formulierung sucht. Da singt das Blut und sind die Sterne Kreidekrümel am Himmel, da gibt es Sonnenschaum und verströmt Ehemann Paul eine heuartige Ruhe. Was das alles auf Schwedisch heißt, wissen wir nicht, aber wir sind sicher, dass Paul Berf dafür der perfekte Übersetzer ist.

„Nelly B.s Herz“ ist der Roman einer emanzipierten Frau. Dabei geht es ihr nicht um Frauenrechte, wie sie sagt, sondern um Menschenrechte. Sie sieht eine neue Zeit in den Geschlechterbeziehungen aufkommen: „Früher war alles steife Röcke und Etikette; heute verhalten sich die Leute ein bisschen, wie sie wollen. Frauen müssen zwar mit ungebetener Aufmerksamkeit rechnen, aber die jungen haben gelernt, sich zur Wehr zu setzen.“

Gleichwohl steht Nelly nicht mit beiden Beinen fest im Leben. Zwar ist die Technik-Expertin erfolgreich im Beruf, aber andererseits auf der Suche nach der eigenen Identität. Sie wünscht sich, dass Irma ihr zeige, „wer ich sein kann“. Doch dann muss Nelly erfahren, wer Irma sein kann.

Martin Oehlen

Aris Fioretos: „Nelly B.s Herz“, dt. von Paul Berf, Hanser, 334 Seiten, 24 Euros.

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