Die „Musketiere“ aus der Hippiezeit müssen noch eine Sache klären: Richard Russos „Jenseits der Erwartungen“

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Links rum oder rechts rum? Die Wege des Schicksals sind zuweilen „Jenseits der Erwartungen“. Foto: Bücheratlas

Sie galten als die vier Musketiere: Lincoln, Teddy, Mickey – und Jacy. Als 1971 der Hippietraum blühte und der Vietnamkrieg wütete, waren sie scheinbar unzertrennlich. Alle für einen und einer für alle. Aber auch: Alle für eine. Denn in Jacy – sozusagen die D’Artagnienne in dem Quartett – waren die drei Jungs vom Minerva College an der Küste von Connecticut gleichermaßen verliebt. Als dann die Trennung anstand, der Aufbruch aus der Studentenzeit in ein neues Lebenskapitel, feiern die Vier ein letztes Mal zusammen in Martha’s Vineyard. Es ist genau jene „Sekunde“, von der The Killers in ihrem Song „Miss Atomic Bomb“ singen. Die Zeilen sind dem Roman als Motto vorangestellt: „For a second there we won. / Yeah, we were innocent and young.“ Der perfekte Augenblick.

Dann der nächste Morgen: Jacy ist verschwunden. Sie hinterlässt nur einen Zettel. Und scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Kein Lebenszeichen, nirgends. Die Frage, die Richard Russos Roman „Jenseits der Erwartungen“ zugrundeliegt, lautet also: Was ist aus der umschwärmten Frau geworden? Ist sie gestorben, gar ermordet worden oder lebt sie womöglich noch?

Eine Antwort gibt es in diesem Roman, das sei verraten. Denn auf eine Klärung läuft das Treffen hinaus, zu dem sich der Immobilienmakler Lincoln, der Kleinverleger Teddy und der Rockmusiker Mickey im Jahre 2015 an alter Stätte wiedersehen. Im Laufe des Wochenendes werden die sehr unterschiedlichen Biografien dieser „weißen alten Männer“ offenbart. Diese sind gespickt mit enttäuschten Erwartungen, vertanen Chancen, gegenwärtigen Sorgen, mit Erinnerungslücken und Lebenslügen.

Auch ist von den Zufällen des Lebens die Rede. Mit ihnen beginnt sogar der Roman, der im Original „Chances are…“ heißt (und einen Songtitel zitiert). Als sich in den USA nicht genügend Freiwillige für den Kriegsdienst in Vietnam meldeten, entschied eine nationale Lotterie, wer eingezogen wurde. Ein Glücksspiel, das über Leben und Tod entscheiden konnte, live übertragen im Fernsehen und im Radio. Mickey erwischte dabei ein ungünstiges Los.

Vor allem aber umkreisen die drei Freunde bei ihrem Wiedersehen in immer engeren Bahnen den Fall Jacy. Was war da los nach jenem Memorial-Day-Wochenende vor über 40 Jahren? Apropos Memorial! Ein Geschichts-Professor am College hatte die Studenten einst gelehrt: Je tiefer und länger etwas im Gedächtnis vergraben sei, umso mehr dränge es irgendwann an die Oberfläche. Jetzt ist für das Trio die Zeit gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen. Und es zeigt sich, dass sie so gut einander doch nicht kannten.

Richard Russo entwirrt das Knäuel aus Spekulationen und Verdächtigungen mit Finesse und Leichtigkeit. Großartig nicht nur die drei alten Kumpels, die eben nicht mehr die frischen Kerle von ehedem sind, wenngleich der Altrocker Mickey immer noch in einer Band spielt und ein schweres Motorrad fährt (das allerdings umkippt, als er zum Treffen vorfährt). Auch die Nebenfiguren haben eine fabelhafte Charaktertiefe – der ehemalige Polizist Coffin, der sich an die Ermittlungen nach Jacys Verschwinden erinnert, und Jacys Mutter, die der Tochter ihren wahren Vater lange verheimlicht hat und dafür Gründe nennt.

Monika Köpfer hat diesen Text in eine flüssige deutsche Fassung übertragen. Die Vokabel „Bäckersdutzend“, die sie in Zusammenhang mit dem US-Wahlkampf anführt, ist eine schöne Würdigung einer in Vergessenheit geratenen Bezeichnung. Und der Kandidat Donald Trump, auf den dabei kurz die Rede kommt, ist in dieser Erzählung noch eine unwahrscheinliche Option für das Präsidentenamt. So einer soll ins Weiße Haus einziehen? No way! Das ist einfach „jenseits der Erwartungen“.

So steht es in diesem fesselnden wie bewegenden Roman. Einmal mehr beeindruckt Richard Russo mit psychologischem Gespür und feinem Humor. Da bleibt sich der US-Autor treu. Und wieder spielt sein Roman unter ganz „gewöhnlichen“ Menschen im kleinstädtischen Ambiente. Die leichte Melancholie, die über der Geschichte liegt, korrespondiert mit einem trotzigen Optimismus. Es ist nicht alles gut, gewiss nicht, aber noch geben wir nicht auf – das könnte das Motto der drei Musketiere sein. Sie sind alt geworden. Doch ihre Gläser sind noch nicht geleert.

Martin Oehlen

Richard Russo: „Jenseits der Erwartungen“, dt. von Monika Köpfer, DuMont, 432 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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