Der Eifelschatz aus dem Rheinischen Bildarchiv: Heinrich Pieroths Fotografien werden erstmals veröffentlicht

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Heinrich Pieroths Aufnahme von der Kirchescher Höhe bei Langenfeld entstand um 1930. Alle Fotos aus dem Band: Rheinisches Bildarchiv Köln

Es gab das Drinnen und das Draußen. So stellen es Karlheinz und Ulrich Pieroth in den Erinnerungen an ihren Vater, den Fotografen Heinrich Pieroth (1893-1964) dar. Drinnen – das war die „Werkstätte“ in dem Eifelstädtchen Mayen, wo die zahllosen Porträtfotografien entstanden, die dem Fotografen als Existenzgrundlage dienten. Draußen – das waren Aufnahmen von Menschen, Gebäuden, Feldern in und um Mayen. Von hier aus hat er sich, sieht man einmal von den „Wanderjahren“ in Herne und Saarbrücken ab, niemals wegbewegt. Heinrich Pieroth liebte sein Mayen, seine Region – das lässt sich nun dem eindrucksvollen Bildband „In der Eifel“ entnehmen, den Katja Hoffmann bearbeitet hat.

Die Publikation basiert auf der Sammlung Heinrich Pieroth, die seine Söhne dem Rheinischen Bildarchiv im Jahre 2011 geschenkt haben. Es handelt sich um rund 5000 Glasnegative in unterschiedlichen Formaten sowie rund 400 Negativfilme im Mittelformat und einige Diakästen mit Diapositiven, die allesamt zwischen 1920 und 1950 entstanden sind. Erstmals wird nun ein Überblick über die typischen Themenfelder veröffentlicht: Dörfer, Felder, Festlichkeiten sowie Arbeitswelten von der Flachsspinnerin bis zum Grubenarbeiter.

Der Band versteht sich als „wissenschaftliches Fotobuch“, ist sorgfältig ediert, mit technischen Angaben zu allen Bildern versehen, allerdings ohne ein Inhaltsverzeichnis. Im Textteil werden die Glasnegative unbeschnitten gezeigt, also inklusive der Glasränder, während die Aufnahmen für den Bildteil digital bearbeitet worden sind – „beschnitten, ausgefleckt und in den Kontrasten korrigiert“. Die Bildlegenden weisen auf Details hin, die leicht übersehen werden könnten: Der Stromanschluss am Giebel eines alten Hofes deutet den Einzug der Moderne an; die „nachgezeichneten“ Wolken am Himmel über Honerath bei Adenau betonen den „malerischen Ausdruck“ des abgebildeten Kirchhofs.

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Fotograf Heinrich Pieroth auf einem Selbstporträt aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Foto: RBA Köln

Heinrich Pieroth hat in seltenen Fällen seine Bilder retuschiert. Wohl am heftigsten griff er ein beim Foto vom „Schäferhannes“ in seinem Schäferkarren aus dem Jahre 1938. Pieroth hat den Hund, der neben der „Stiefelskar“ wacht, aus einer Aufnahme von 1920 übernommen. Anlass dafür war ein Artikel in der „Trierischen Landeszeitung“, in dem ausdrücklich die Bedeutung des Hundes für den „Eifelschäfer vom Totenmaar“ betont wurde. Pieroth konnte zwar keine Originalaufnahme dieses Duos bieten, aber wusste sich mit der Retusche zu helfen.

Pieroth ist der Augenzeuge mit der Kamera. Seine Aufnahmen seien keine Avantgardekunst mit drastischen Perspektiven, schreibt Katja Hoffmann, sondern zeichneten sich aus durch ihren Reportage-Charakter: „Pieroths Bilder halten die Lebensumstände einer Gesellschaft im Wandel fest.“ Und über seine Porträtaufnahmen im Atelier sagt Susanne Kube, dass diese zwar an den traditionellen Geschmack angelehnt gewesen seien, doch strahlten die Porträtierten eine „Ruhe und Gelassenheit“ aus, die nichts mit der üblichen Anspannung „auf den Visite- und Cabinet-Bildern der Zeit“ zu tun haben. Kube hat im Übrigen über Pieroths Fotokunst eine Magisterarbeit geschrieben, die unter dem Titel „Heimat und Menschen“ als Publikation des Geschichts- und Altertumsvereins für Mayen und Umgebung erscheint.

Heinrich Pieroth, Seifenkistenrennen, 1950, Scan von Film-Negativ 6x6 cm

Kurz vor dem Startschuss: Heinrich Pieroths Aufnahme vom „Großen Preis von Mayen für Seifenkisten“ aus dem Jahre 1950. Foto: RBA Köln

Dass Pieroths Heimatbilder, seine Aufnahmen von Wegkreuzen oder Trachten, den Nationalsozialisten gut ins Konzept passten, wird in dem Band auch erwähnt. Susanne Kube fasst zusammen: „Heinrich Pieroth hielt Distanz, verweigerte die Parteimitgliedschaft, aber nur wenige fotografische Aufträge.“ Als die SA ihn in der Pogromnacht von 1938 weckte, um die brennende Synagoge zu fotografieren, ließ er sich „von seiner Frau als akut erkrankt erklären.“ Am folgenden Tag hat er gleichwohl heimlich Aufnahmen der Verwüstung gemacht, womit er sich in Gefahr gebracht habe, wie es im Text heißt. Abzüge von diesen Negativen habe er nie angefertigt.

Den Weltkrieg überstand Pieroths Sammlung im Felsenbunker unter der Genovevaburg in Mayen. Es ist ein Eifelschatz, der Schönheit und Entbehrung einer vergangenen Zeit vor Augen führt. Bei aller offensichtlichen Mühsal der Arbeit und bei aller Kargheit der Lebensumstände betont Heinrich Pieroth in aller Regel die heiter-lächelnde Seite seiner Motive. Der Band ist ein Dokument der Vergänglichkeit, eine sehenswerte Zeitreise und eine fotografische Feier der Eifel, wie sie einmal war.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

„In der Eifel. Fotografien von Heinrich Pieroth aus den 1920er bis 1950er Jahren“, hrsg. vom Rheinischen Bildarchiv Köln und bearbeitet von Katja Hoffmann, Emons Verlag, 320 Seiten, über 300 Abbildungen, 39,95 Euro.

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