Nobelpreisträgerin Herta Müller erzählt vom Widerstand und aus der Werkstatt

IMG_5067 (3)

Raum für große Geschichten – Herta Müller mit Ernest Wichner in der Kulturkirche in Köln Foto: Bücheratlas

Das Thema der sechsten „Poetica“, des „Festivals für Weltliteratur“ in Köln, heißt „Widerstand“. Da war es für den Kurator Jan Wagner geradezu zwingend, Herta Müller einzuladen. Denn wie bei nur wenigen anderen Schriftstellern ist für die Literaturnobelpreisträgerin der Widerstand ein zentrales Lebenselement. Das wurde mehr als einmal deutlich bei ihrem Auftritt in der vollbesetzten Kulturkirche. Konzentriert folgte das Publikum 90 intensive Minuten lang der Autorin, die so lebhaft und detailliert aus ihrem Leben erzählte und so anschaulich über ihr Dichten sprach, als wäre es das erste Mal.

Prügel und Liebe

Moderator Ernest Wichner – selbst Schriftsteller und wie Müller im Banat in Rumänien geboren, beide trennt nur ein Jahr – lenkte das Gespräch erst einmal auf die entbehrungsreiche Kindheit. Da war von Feldarbeit und Melken die Rede, von Alleinsein und Prügel mit Stöcken und Kochlöffeln. Die Mutter habe halt immer gewollt, so sagte es Herta Müller, dass die Tochter die besten Noten in der Schule erzielte und beim Putzen keinen Staubflusen übersah. „Aber meine Mutter hat mich sehr geliebt.“

Die Mutter weinte oft, wenn sie ihrer Herta das Haar kämmte und scheitelte. Da dachte sie, die nach dem Krieg in ein Arbeitslager in der heutigen Ostukraine deportiert worden war, wohl an den Hunger und all die Kahlgeschorenen im Lager. Und wenn die Mutter dann ihre Tränen beim Kämmen vergoss, so Müller, „dann sah mein Haar auch danach aus.“

Spektakulär war dann die Schilderung, wie sich Herta Müller des verhassten Akkordeon-Unterrichts entledigte. Als sie den Druck des Lehrers („das war ein alter Nazi“) nicht mehr aushielt und weil sie mit dem Instrument überhaupt nichts anfangen konnte, warf sie es eines Tages auf dem Heimweg in einen Brunnen. Die Versuche des Großvaters, das durchweichte Erinnerungsstück an seinen verstorbenen Sohn auf dem Ofen wiederzubeleben, führten nur dazu, dass die Tasten herausquollen. Heute lächelt Müller über diese Episode, ehedem freilich war sie alles andere als angenehm für sie.

Schikane und Securitate

Noch viel mehr Mut erforderte in den 70er Jahren der Widerstand gegen den rumänischen Geheimdienst. Herta Müller lehnte die Anwerbe-Versuche der Securitate ab, was dazu führte, dass sie fortan und fortwährend an ihrem Arbeitsplatz in einer Maschinenfabrik schikaniert wurde. Jeden Tag sei sie beim Direktor vorgeladen worden. Schließlich wurde ihr das Büro genommen, in dem sie die Übersetzungen von technischen Angaben für die Arbeiter anfertigte. Sie arbeitete dann auf eine Treppe weiter. Bis sie dann schließlich entlassen wurde.

„Das Leben hatte keine Perspektive, in welche Richtung ich auch dachte – nichts, nichts, nichts, nichts.“ So fing sie das Schreiben an. „Ich wollte mich versichern, dass es mich noch gibt. Dass ich nicht den Verstand verliere. Es ging nicht darum, Literatur zu schreiben.“ Gleichwohl ist daraus ihr erstes Buch entstanden – „Niederungen“.

Schere und Vers

Von ganz anderer Art sind ihre jüngeren Werke, in denen sie ausgeschnittene Wörter zu Gedichten collagiert. Das sei ein eigenes „Genre“ geworden, sagte sie, das einen Suchtfaktor habe. So „besessen“ sei sie davon, dass sie sich Tag für Tag und auch schon mal vor dem Frühstück den Schnipseln zuwende, um Text, Type und Farbe in einen Zusammenhang zu bringen. Alles müsse zusammenpassen, nichts dürfe stolpern.

Einst sollte Herta Müller Schneiderin oder Friseuse werden. Daraus ist nichts geworden. Allerdings ist ihr die Schere heute ein wesentliches Requisit für ihre Kunst. Sie befreie die Wörter, die sie in Illustrierten oder Zeitungen finde, sagt sie, aus dem Kontext: „Die gehören sich dann selbst.“ Viele Schubladen sind gefüllt mit solchen Fundstücken, die – wenn sie zum Einsatz kommen – auf Pappe aufgeklebt werden und dann noch einmal auf eine weitere Pappe, so dass sie erhaben wirken. Beim Einblick in diese Werkstatt wurde deutlich, dass das Finden und Arrangieren den großen Reiz ausmacht, aber nicht das Schneiden und Fixieren. Das sei so ähnlich wie mit dem Putzen: „Ich muss mich dann zusammenreißen und zu mir sagen: So, heute wird geklebt!“

Mittlerweile sind aus dieser schönen Sucht schon einige Bücher und Kalender entstanden. da sind schon die Titel betörend: „Der Wächter nimmt seinen Kamm“ (1993), „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ (2000),  „Vater telefoniert mit den Fliegen“ (2012) und zuletzt „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ (2019). Doch Routine scheint nicht zu drohen: „Je länger ich das mache, desto komplizierter wird es.“

Martin Oehlen

Einen Beitrag über die Eröffnungs-Veranstaltung der Poetica 6 gibt es HIER.

Herta Müller: „Im Heimweh ist ein blauer Saal“, Hanser, 128 Seiten, 22 Euro.

Mueller5

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s