Poetica, das Kölner Festival der Weltliteratur, auf der Suche nach dem Widerstand

poetica1 (2)

Auftaktveranstaltung zur sechsten Poetica in der Kölner Universität Foto: Bücheratlas

Das Speeddating zum Auftakt der „Poetica“ brachte sieben Lyriker auf die Bühne der Aula der Kölner Universität. Und Jan Wagner obendrein. Der Büchnerpreisträger des Jahres 2017 ist in diesem Jahr Kurator des „Festivals der Weltliteratur“, das zum sechsten Mal vom Kolleg Morphomata und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgerichtet und von vielen Kooperationspartnern unterstützt wird. Nicht zuletzt die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung macht es möglich, dass diesmal insgesamt zehn Autoren aus drei Kontinenten in zehn Veranstaltungen über „Widerstand – The Art of Resistance“ sprechen.

Nicht zufällig, darauf machte Herta Müller bei der Eröffnung aufmerksam, kommen viele Teilnehmer aus Ländern, in denen diktatorische Verhältnisse die Frage nach dem Widerstand unabweisbar mach(t)en. Jan Wagner sagte: „Dass die Poesie sich stets die Freiheit nimmt, Dinge anders zu sehen und zu fassen, Unmögliches zu versuchen, dass ein Gedicht also eine Kapsel voller Freiheit ist und seine Leser einlädt, es ihm gleich zu tun und die Welt anders zu denken, haben Autokraten ihm immer schon übelgenommen.“ Seiner Auffassung zufolge sei jedes gelungene Gedicht „eine Zumutung im besten Sinne“.

Dann ging es los mit dem Schaulaufen der Autoren. Gereicht wurden jeweils ein Gedicht, dann bei Bedarf die Übersetzung und schließlich ein kurzes Gespräch mit dem sehr gewandten, bestens präparierten, charmanten, witzigen und manchmal etwas zu ausführlich fragenden Kurator.

Der Chinese Xi Chuan betonte zum Start, dass ein Poet stets gegen alle Klischees andichten müsse. Überraschender war freilich seine Erläuterung, dass chinesische Autoren in der Regel einen angenommenen Schriftsteller-Namen tragen. Xi Chuan beispielsweise bedeute „Westlicher Fluss“. Sein Geburtsname hingegen habe auf die Armee verwiesen, in der sein Vater tätig gewesen sei. Sechs seiner Freunde hätten denselben Namen getragen. Da bestand dann Handlungsbedarf.

Herta Müller verstand es, innerhalb kürzester Zeit einen ziemlich tiefen Einblick in ihr Dichten zu geben. Ins Formale und ins Inhaltliche. Der Reim, sagte sie, tue so, als ob er brav sei, aber er verhalte sich in Wahrheit unberechenbar. „Denn wenn man reimen will, kommt man auch dorthin, wo man gar nicht hinwollte.“ Mit anderen Worten: „Die Sache selbst weiß, was sie will.“ Die Power sei enorm: „Der Reim kann so klein sein und trägt doch so weit.“ Manchmal über mehrere Verse hinweg. Dann dies zum Inhaltlichen: „Ich habe Literatur nie als Spiel verstanden – ich komme ja aus einer Diktatur.“ Im kommunistischen Rumänien, aus dem sie stammt, seien Dichter verehrt worden: „Wer nicht beten konnte, der hatte seine Gedichte.“

Die albanische Dichterin Luljeta Lleshanku weiß nur zu gut, wovon Müller da sprach. Ihre Familie stand lange unter Hausarrest, da sie Gegner der kommunistischen Diktatur Enver Hoxhas war. Ihr Gedicht handelte von einer Matroschka-Puppe – und das lyrische Ich will keine von denen sein, die immer wieder aufgebrochen werden, um eine weitere Puppe freizugeben, sondern sie will die letzte Figur sein, diejenige, die nicht mehr gebrochen wird. Tatsächlich sei die Kindheit ein Reservoir für ihr Schreiben, sagte sie. Dass dies keine Blümchenwiesen-Kindheit war, sondern eine in der Diktatur, erwähnte sie nur kurz.

Der Ukrainer Serhij Zhadan kann mit seinen Gedichten wahre Jubelstürme auslösen. So sagte es jedenfalls Jan Wagner, der Zeuge war, als bei einer Lesung in der Ukraine nach jedem Gedicht der Applaus losdonnerte: Da seien die Motten aus den alten Plüschsesseln im Vortragssaal aufgestiegen. Es sind Gedichte vom Krieg und von der Heimat – Zhadan kommt aus der umkämpften Ostukraine.

Agi Mishol sollte bereits im vergangenen Jahr aus Israel nach Köln kommen, aber hatte sich kurz vor dem Abflug einen Arm gebrochen. Nun äußerte sie sich nicht zur Euphorie, dem Thema der Poetica 5, sondern eben zum Widerstand.

Der Argentinier Sergio Raimondi hatte die längste Anreise zu überstehen. Er plädierte dafür, Gedichte ernst zu nehmen, aber auch nicht zu überhöhen, wie es die Romantiker getan hätten. So zeichnen das Gedicht über einen Gärtner, das er vortrug, drei lange Schnarch-Geräusche aus.

Der Pole Tadeusz Dabrowski schließlich stellte klar, dass Gedichte wie Katzen sind: „Sie kommen, wenn sie wollen, und nicht, wenn wir sie rufen.“

Auffallend bei den geladenen Autoren ist, dass die meisten in den literarischen Betrieb verwoben sind. Als Festivalleiter, Herausgeber einer Zeitschrift, Schreibschul-Leiterin, Dozentin für Kreatives Schreiben oder Hochschullehrer. Dichten allein reicht eben nicht zum Leben.

Die Autorinnen und Autoren – hinzu kommen noch Erik Linder aus den Niederlanden und Helen Mort aus Großbritannien, die bei der Eröffnung fehlten – lesen in dieser Woche in Köln – in der Kunsthochschule für Medien, in der Kulturkirche, im Literaturhaus, im Kolleg Morphomata, in der Zentralbibliothek, im Alten Pfandhaus und im Schauspiel.

Martin Oehlen

http://www.poetica.uni-koeln.de

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s