Japanische Schönheiten, Stars und Geisterkatzen – Meisterwerke aus der „fließenden Welt“

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Der Künstler Kigugawa Eizan entwarf um 1815 den Holzschnitt „Drei modische Schönheiten suchen die Abendkühle“, der hier in einem Ausschnitt zu sehen ist. – Das Bild am Kopf unseres Beitrags zeigt den Schauspieler Nakamura Nakazo II in einer Theaterrolle; das Porträt – hier ebenfalls ein Ausschnitt – schuf  Katsukawa Shun’ei um 1795.  Fotos: Taschen Verlag

„Die große Welle“ von Katsushika Hokusai ist ziemlich gewiss das bekannteste Kunstwerk, das die Welt mit Japan in Verbindung bringt. Ein Farbholzschnitt voller Dramatik in einer Kunstform, die in Fernost reüssierte wie nirgendwo sonst und die die Malerei weltweit beeinflusste. Die Stars des Kabuki-Theaters mit markanten Grimassen und dicker Schminke waren die beliebtesten Motive. Schöne Frauen mit artistisch aufgesteckten Frisuren, wütende Krieger und Dämonen, „erotische Szenen“ von expliziter Deutlichkeit sowie Sumo-Ringer kamen hinzu. Und dann eben auch die Landschaftsszenen wie die von den Booten in stürmischer See.

Das bunte Themen-Treiben verschaffte der spezifisch japanischen Kunst den Namen „ukiyo-e“, was in der Übersetzung bedeutet: „Bilder der fließenden Welt“. Nun gewährt ein neuer Prachtband aus dem Taschen-Verlag einen faszinierenden Einblick in dieses poppig bunte Panorama: „Der japanische Holzschnitt in 200 Meisterwerken“, wie an einer Perlenschnur chronologisch aneinandergereiht von 1680 bis 1938.

Was es da nicht alles zu sehen gibt. Und zu lernen. Denn jedem großartig reproduzierten Holzschnitt ist eine (wie so oft bei den großen Bänden des Verlags) dreisprachige Erläuterung beigefügt. So erfahren wir beispielsweise anhand eines berühmten Werks von Suzuki Harunobu aus dem Jahre 1766/67, dass es im Japanischen für Liebespaare, die sich einen Schirm teilen, einen eignen Begriff gibt: aigasa. In diesem Falle wandelt das Paar mit schneebedecktem Schirm durch die Kälte. Aber wenn’s im Inneren glüht, spielen die Außentemperaturen sicherlich keine Rolle.

Zuweilen sind die Bildnisse um Gedichtzeilen ergänzt. Auf Kitagawa Utamaros Porträt der Serviererin Okita on 1793, die eine Berühmtheit war, steht der Vers am linken Rand: „Im Teehaus des Bezirks Naniwaya rasten, wie unzählige Schilfrohre in der Bucht von Naniwa, jene, die seinem Namen entgegeneilen und nicht anders können, als Halt zu machen.“ Noch ein weiteres Werk von Utamaro hat es unter die 200 Meisterwerke geschafft: Das Bildnis einer Frau von 1795/96, die sich den Hals pudert. Das weiße Pulver war einst mit Metallpigmenten nachgebildet worden, die im Laufe der Zeit oxydiert sind, so dass aus Weiß dunkles Grau geworden ist – was aber das Porträt nur noch reizvoller macht.

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„Der Tempel Zojoji in Shiba“ von Kawasa Hasui stammt aus dem Jahr 1925. Foto: Taschen Verlag

Der japanische Holzschnitt war seit dem Ende des 17. Jahrhunderts populär. Er machte das Kunstsammeln für viele möglich. Denn es handelte sich nicht um Unikate, was den Preis in die Höhe getrieben hätte. Vielmehr wurden die Werke in einer Auflage von jeweils 200 Exemplaren unters Volk gebracht. Bei anhaltender Nachfrage folgten weitere Abzüge. Wenn darüber der Block zuschanden ging und die Fans immer noch keine Ruhe gaben, wurde ein neuer Holzschnitt nach alter Vorlage erstellt. Im Prinzip waren jeweils mindestens vier Personen an so einer Auflage beteiligt: Der Verleger als Auftraggeber, der Künstler, dessen Entwurf dem Holzschneider zugeleitet wurde, und schließlich der Drucker. Auf diese Weise entstand ein betörender Bilderreigen aus Poesie und Dramatik, aus Schönheit und Grusel und so mancher Geisterkatze.

„Der Boom im Holzschnittgewerbe“, schreibt Autor Andreas Marks, „weckte Befürchtungen beim Shogunat, die öffentliche Ordnung und Moral könnten bedroht sein.“ Daher wurde auch einmal ein Erlass herausgegeben, wonach alle Entwürfe eine offizielle Billigung einholen sollten. „Eindämmen konnte die Zensur das verbreitete Interesse an Holzschnitten trotzdem nicht, sodass auch weiterhin Jahr für Jahr Hunderte von neuen Entwürfen auf den Markt kamen.“

Das „Goldene Zeitalter“ des japanischen Holzschnitts war das späte 18. Jahrhundert. Damals wirkte unter anderem der schon erwähne Katsushika Hokusai, dessen „Große Welle“ zu den „36 Ansichten des Berges Fuji“ gehört. Weil diese Serie so ungemein erfolgreich war, erreichten die Öffentlichkeit am Ende sogar 46 Ansichten des Vulkans, der auch mal tiefrot im Abendlicht leuchtet.

Herausragend ist in jener Zeit zudem das Werk von Utagawa Hiroshige, dessen tiefe Blautöne unverkennbar sind. Sein Top-Thema waren die stimmungsvollen Szenen von der Fernstraße Tokaido, die Edo (das heutige Tokio) mit Kyoto verband. Auch seine „Hundert berühmten Ansichten von Edo“ waren so sehr begehrt, dass er am Ende 118 Drucke entworfen hat. Insgesamt hat Hiroshige rund 5000 Druckvorlagen kreiert. Eine stattliche Zahl. Doch sein Kollege Utagawa Kunisada kam auf über 16.000 Holzschnitte.

Da mag man ahnen, wie reich der Bilderfundus ist. Allein das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst besitzt 2000 Drucke; wer das eine oder andere Original besichtigen möchte, ist dort am rechten Platz (einen Beitrag dazu gibt es HIER). Ja, dieser schöne, hilfreiche, mit 17 Ausklappseiten punktende Highlight-Band macht Lust auf mehr Bilder aus der fließenden Welt.

Martin Oehlen

Andreas Marks: „Japanische Holzschnitte“, Taschen, dreisprachig, 622 Seiten, 150 Euro.

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