Begegnung mit Benedikt Gollhardt, dessen Romandebüt in die Welt des rechten Terrors führt

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Wald in der Eifel  Foto: Bücheratlas

Zu behaupten, dass Benedikt Gollhardt ein pingeliger Mensch sei, wäre sicher nicht übertrieben. „Wenn ich im Buch einen Reiher herumfliegen lasse, schaue ich mir vorher Videos an, um zu sehen, wie die Vögel fliegen und landen“, sagt er. Und grinst selber über seinen Hang zu Akkuratesse. Gollhardts erster Kriminalroman „Westwall“ allerdings profitiert genau davon. Von der genauen Beobachtungsgabe des Autors und von einer exzellenten Recherchearbeit. Zwei Jahre hat der Kölner Drehbuchschreiber an seinem Romandebüt gesessen, aus dem er im September im Rahmen des Festivals Crime Cologne lesen wird. Die Hälfte der Zeit, erzählt er, sei für die Recherche draufgegangen.

Denn einen einfachen Stoff hat sich Gollhardt nicht ausgesucht für seinen Start als Thrillerautor: „Westwall“ erzählt die Geschichte von Julia, einer jungen Polizeianwärterin mit der Liebe zu Motorrädern. Sie wird ohne ihr Wissen als Köder missbraucht, um eine Gruppe von Rechtsextremen auffliegen zu lassen. Die hat ihr Quartier in der Eifel in der Nähe des ehemaligen Westwalls aufgeschlagen und bereitet sich in einem alten Haus auf eine Serie von Anschlägen vor. Das titelgebende, mehr als 600 Kilometer lange Verteidigungssystem aus der NS-Zeit sollte das Deutsche Reich vor Angriffen aus dem Westen schützen. Viele der Bunker, Stollen und Panzersperren sind noch heute erhalten und ein Anziehungspunkt für Rechtsradikale.

Gollhard schildert in seinem mitreißenden Thriller ein Deutschland, dessen Behörden infiltriert sind von alten Nazis und Neuen Rechten – fast so, als habe das „Dritte Reich“ lediglich eine kleine Verschnaufpause eingelegt und sei nun zu neuem Leben erwacht. Der alte Ungeist ist hier quicklebendig und findet gerade unter den Jungen zahlreiche Anhänger. Vor allem beim Verfassungsschutz und bei der Kriminalpolizei fällt das braune Gedankengut auf fruchtbaren Boden.

Fiktion oder Wirklichkeit? Eine Frage, die sich auch der Autor während seiner Recherche immer wieder stellte. Inspiriert zu dem Stoff habe ihn der langjährige NSU-Prozess, erzählt Gollhardt. Bis dahin hatte der gebürtige Kölner sein Geld mit Drehbüchern für Anwaltsserien wie „Edel & Starck“ und „Danni Lowinski“ verdient. Auch an der ersten Staffel von „Türkisch für Anfänger“ arbeitete er mit – ein Projekt, an das er noch heute gern zurückdenkt. „Trotzdem wollte ich irgendwann auch einmal einen politischen Stoff schreiben“, sagt er. Im Rahmen der Anwaltsserien sei das nur „im Kleinen“ möglich gewesen.

Das Gerichtsverfahren um die rechtsradikale Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ habe ihm klargemacht, dass man als Autor auch „extremere Sachverhalte“ erzählen könne, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. „Der Prozess hat meine fiktive Realität erweitert.“ Sprich: Die Realität hatte sich als noch verrückter, noch bedrohlicher entpuppt als jedwede Fiktion. „Plötzlich waren Dinge möglich und denkbar, die mir vorher kein Mensch abgekauft hätte. Dass der Verfassungsschutz aufs Aberwitzigste versagt und die rechten Zellen regelrecht unterstützt hat. Dass die Polizei dermaßen schlampig gearbeitet hat.“

Gollhardt schwebt zunächst eine sechsteilige Streaming-Serie über „Bedrohung, rechten Terror, Verfassungsschutz, Polizei und innere Sicherheit im weitesten Sinne“ vor. Doch das 40-seitige Konzept verkauft sich nicht auf Anhieb. „Also habe ich ein Buch aus dem Stoff gemacht.“ Gollhardt verwirklicht sich damit einen alten Traum. Und stellt fest, dass ihm die Arbeit an seinem ersten Roman zu Freiheiten verhilft, die er als Drehbuchautor nie hatte. „Plötzlich konnte ich in das Innenleben der Figuren hineingucken, wann immer ich wollte. Ich konnte mit Stimmen und Träumen spielen und Rückblicke einbauen, was im Filmbusiness ein bisschen verpönt ist.“

Seine Recherchen führen Gollhardt in die Ausbildungsstätten der Polizei und hinter die Türen des Verfassungsschutzes. „Zwischendurch hatte ich Angst, dass mich die Realität überholt und ich ihr hinterher schreibe“, sagt er. Seine Angst ist nicht unberechtigt. In Chemnitz wird eine rechtsextreme Gruppe ausgehoben, die Anschläge gegen „Linksparasiten, Merkel-Zombies, Mediendiktatur und deren Sklaven“ geplant hat. Der damalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen bestreitet, dass es bei rechtsradikalen Ausschreitungen „Hetzjagden“ auf Ausländer gegeben habe. Was Gollhardts Verdacht, beim Verfassungsschutz herrsche „teilweise ein etwas verquerer Geist“, bestätigt. „Der Roman ist durch diese Vorfälle noch plausibler, als er es vor zwei Jahren gewesen wäre“, sagt er. „Ich habe die Realität lediglich fiktiv erhöht.“

Natürlich machten ihm die Umtriebe der Rechtsradikalen Angst, sagt Gollhardt. „Sie machen jedem Angst, der auf der richtigen Seite steht.“ Gerade deshalb sei es umso wichtiger, die Dinge beim Namen zu nennen. „Wir kommen mit diesen Problemen nur zurecht, wenn wir sie offen angehen.“

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Benedikt Gollhardt: „Westwall“, Penguin, 496 Seiten, 15 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

Gollhardt-cover

Lesungen mit dem Autor im Rahmen der Crime Cologne in Köln am Samstag, 28. September, um 15 und 19 Uhr im Atombunker Kalk, Kalker Hauptstraße 103.

 

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