Reise ans Ende der Welt (2): Das Glücksversprechen der Eule von Dijon

Dies ist eine Reise ans Ende der Welt und wieder zurück. Durchs Elsaß, Burgund, die Auvergne und Aquitanien, durch  Spaniens starken Norden übers Baskenland und Galicien bis nach Finis terrae, dann zurück über die Provence und den Kanton Freiburg. Sächliches und Nebensächliches in loser Folge.

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Eine architektonische Rarität ist die Fassade von Notre Dame in Dijon. Foto: Bücheratlas

Dijon wirkt überraschend jung. Was wohl am hohen Anteil der Studierenden liegt. Aber es ist selbstverständlich auch eine schöne alte Stadt. Um 1400 war sie Sitz der  mächtigen Herzöge von Burgund. Die Grabmäler von Philipp dem Kühnen und Johann Ohnefurcht sind lohnende Besichtigungsziele. Ihr Palast ist es ebenso. Zudem das Musée des Beaux Arts (wenn es nach dem Umbau wiedereröffnet sein wird), die Markthalle (erbaut von Gustave Eiffel, der 1832 in Dijon geboren wurde), die Kathedrale, die Plätze, die Gassen, der Senf und der Wein.

Was uns am meisten beeindruckt hat? Die Kirche Notre-Dame aus dem 13. Jahrhundert.  Aus zwei sehr unterschiedlichen Gründen. Zum einen ist da diese fulminante Frontansicht, eine hoch aufragende Steilwand mit drei Reihen dicht an dicht hockender Wasserspeier (die allerdings kein Wasser speien, sondern nur so tun als ob). Einzigartig. Überhaupt finden sich für die technische Kühnheit der Architektur viele Lobeshymnen.

Und dann der andere Grund: Ein Portal, bei dem man unwillkürlich erschrickt. Denn radikal abgemeißelt ist dessen Figurenschmuck. Das Tympanon stellte vermutlich die Krönung Mariens dar. Aber das lässt sich nur ahnen. Eine Barbarei der französischen Revolutionäre, ein historisches Dokument der Verrohung aus dem Jahre 1794.

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Zerhauen – das Tympanon von Notre-Dame. Foto: Bücheratlas

Die Geschichte ist voll von Bilderstürmereien. Furchtbar ist zu sehen, wie viele Kartuschen, Reliefs, Statuen aus der Zeit der Pharaonen in Ägypten zerstört worden sind. Systematisch von Andersgläubigen. Und diese Tumbheit stirbt nicht aus. Da erinnere man sich nur an die Sprengung der weltgrößten Buddha-Statuen durch die Taliban in Bamiyan in Afghanistan. Oder an die  islamistischen Zerstörungen in Palmyra.

Die kleine Eulen-Skulptur an der Außenfassade der Notre-Dame von Dijon ist ein beliebter Glücksbringer. Wer sie mit der linken Hand berührt, dessen Wunsch wird erfüllt.  Egal, was man von Glaube oder Aberglaube hält – klar ist, was davon zu halten ist, dass diese Figur 2001 zielgerichtet beschädigt worden ist. Da steckte  kein politisch-ideologisches Motiv dahinter, sondern die Lust am Vandalismus.

Die Anziehungskraft wurde freilich nicht zerstört. Immer noch vertrauen Menschen auf die Eule. Oft dokumentieren sie das Handauflegen per Smartphone. Vielleicht kann man ja bei Nichterfüllung reklamieren.

Auch das noch

Der Bildhauer François Rude (1784-1855) wurde in Dijon geboren. Im kleinen Museum ihm zu Ehren, in der ehemaligen Kirche Saint-Etienne,  ist unter anderem ein Gipsabdruck seines berühmtesten Werkes zu sehen: „Der Abmarsch der Freiwilligen von 1792“, bekannt als „La Marseillaise“ und im Original zu besichtigen am Arc de Triomphe in Paris. Viel patriotischer Furor ist da in den Stein gehauen worden, um der Schlacht von Valmy zu gedenken, bei der Revolutionäre auf königliche Koalitionäre stießen. Obenauf eine zum Kampf aufrufende Frauengestalt mit den Gesichtszügen von Rudes Ehefrau Sophie, einer Malerin. Der Eintritt ins Musée Rude ist frei.

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„Le Départ des volontaires de 1792“ im Musée Rude

Übernachten

* Das Hotel Odalys City Dijon Les Cordeliers – also das Odalys – ist unmittelbar am Zugang zur Altstadt gelegen. Von hier aus ist alles fußläufig zu erreichen. Es handelt sich um ein ehemaliges Klostergebäude und hat einen schönen Innenhof mit Kreuzgang-Spuren. Die  Zimmer sind okay, aber uninspiriert eingerichtet. So auch der baulich außergewöhnliche, weil historisch hallige Frühstücksraum, der mit einigen Modernismen – Live-TV inklusive – missbraucht wird. Freundliche Aufnahme. Parkplatz in der Nebenstraße gegen Gebühr („Payant“) oder im Parkhaus .

Alle Übernachtungs-Tipps sind ohne Kenntnis oder gar Unterstützung der betroffenen Unterkünfte recherchiert und verfasst worden. Die Wohlfühl-Sterne: * ordentlich ** gut *** sehr gut **** überragend ***** außergewöhnlich.
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Innenhof des Odalys mit Kreuzgang  Foto: Bücheratlas

Martin Oehlen

Teil 1 (Straßburg) gibt es HIER.

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