Mustafa Khalifas Roman „Das Schneckenhaus“ erzählt vom Überleben in der Folterhölle

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Der Protagonist will sich vor dem Terror im Gefängnis schützen, indem er sich ins  Schneckenhaus zurückzieht. Aber will soll das inmitten der Folter gelingen? Foto: Bücheratlas

Ein Tagebuch aus der Hölle –  das ist „Das Schneckenhaus“ von Mustafa Khalifa. Dass es sich hierbei um einen Roman handelt, muss mit Nachdruck betont werden. Denn der Leser ist geneigt, hier einen autobiographischen Text zu vermuten. Was schlicht daran liegt, dass der Autor den Folterterror in einem syrischen Gefängnis der 80er Jahre mit solch peitschender Intensität zu schildern vermag, dass es einen ein ums andere Mal schaudert. Tatsächlich kennt Khalifa leider sehr genau die Missstände vor Ort. Wegen seiner oppositionellen Haltung saß er erstmals 1979 für ein Jahr ein und dann noch einmal von 1982 bis 1994. Das Land verlassen durfte er erst 2006. Mittlerweile lebt er in Frankreich.

Der Roman erschien 2007 zunächst auf Französisch und im Jahr darauf auf Arabisch. Larissa Bender, die ihn ins Deutsche übertragen hat, schreibt im Nachwort, dass „Das Schneckenhaus“ als das „meistgelesene Buch in Syrien“ und als „Evangelium der syrischen Revolution“ bezeichnet worden sei. Auch habe ihr Khalifa, 1948 im syrischen Dscharabulus geboren, im Gespräch erläutert, dass es sich bei diesem „Kopftagebuch“ um eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und denen eines christlichen Freundes handele.

Khalifas Romanheld ist ein in Frankreich lebender Regisseur, der eines Tages beschließt, nach Syrien heimzukehren. Die Wiedersehensfreude mit dem Land seiner Eltern währt allerdings nicht lange. Schon auf dem Flughafen von Damaskus wird er verhaftet und dem Geheimdienst übergeben. Der Protagonist ist zwar Christ, aber wird dennoch als vermeintlicher Angehöriger der Muslimbruderschaft – hier passt die Vokabel – eingelocht. Was dann folgt, ist eine empörende Leidensgeschichte voller Erniedrigungen, Torturen, Morde.

Dass sich der Erzähler erst auf seinen Glauben beruft und dann auf seinen Atheismus, verbessert seine Lage in dem berüchtigten Wüstengefängnis Tadmor (die arabische Bezeichnung für Palmyra) überhaupt nicht. Nun muss er nicht nur versuchen, den dauerschlagenden Wärtern auszuweichen. Auch ist er in der Zelle in Gefahr, von religionsfanatischen Mitgefangenen getötet zu werden. Der Erzähler zieht sich in sein Schneckenhaus zurück.

Khalifa erzählt gleichermaßen schonungslos wie einfühlsam von dieser jahrelangen Existenz am Abgrund. Er schildert die unvorstellbare Verrohung des Gefängnispersonals, die Momente von Solidarität unter den Gefangenen, die Folterschmerzen auf dem „Deutschen Stuhl“ oder dem „Fliegenden Teppich“ und die Empfindung, wenn man selbst gerade nicht gefoltert wird, aber den Schreien anderer Opfer nicht ausweichen kann. So dick ist kein Schneckenhaus.  

„Ein schmerzhafter Roman, der nach Leben schreit, ein gewaltsamer Roman, der um Gnade bittet.“ sagt Rafik Schami über dieses Werk. Und der Weidle-Verlag zitiert Khalifas Landsmann weiter mit dem Votum, dass dies „ein einzigartiger Roman, eine grandiose schöpferische Leistung“ sei.

Der Roman hat eine Kraft, die packt. Und wenn man sich über die Naivität des Protagonisten wundert, der sich blauäugig auf diese Reise nach Syrien begeben hat, dann ist dies allenfalls eine Lappalie. Fast möchte man sagen, dass einem der Schrecken der Diktatur hautnah vermittelt werde, wäre dies nicht eine Respektlosigkeit angesichts der tatsächlichen Leiden der Folteropfer. „Das Schneckenhaus“ ist ein Roman gewordenes Zeitdokument. Herausfordernd, verstörend, lehrreich.

Martin Oehlen

Premierenlesung am Sonntag, 14. April 2019, um 20 Uhr im Theater der Keller in Köln, Kleingedankstraße 6. Mit Mustafa Khalifa und Larissa Bender. Den deutschen Text liest Wolfgang Schiffer.

Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus“, aus dem Arabischen von Larissa Bender, Weidle, 312 Seiten, 23 Euro.

Khalifa

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