Eva Menasse über die spektakuläre Wirkung der Doderer-Lektüre auf Herz und Hirn

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Eva Menasse (links) und Senta Berger auf ihrer Mission für Heimito von Doderer. Foto: Bücheratlas

Immer noch ist Franz Carl Heimito Ritter von Doderer (1896-1966) einer der großen Unbekannten der modernen Literatur. Dabei hat er namhafte Fürsprecher, ja, Fans unter den zeitgenössischen Autoren. Sybille Lewitscharoff, Daniel Kehlmann und Martin Mosebach gehören dazu. Und selbstverständlich Eva Menasse. Schon vor drei Jahren hat die österreichische Schriftstellerin mit dem Wohnsitz in Berlin ihre Begeisterung in einem Essay, erschienen im Deutschen Kunstverlag, zu Papier gebracht. Sie weiß: „Heimito von Doderer war ein Schrull, ein Kauz, ein wahrlich in mancher Hinsicht unsympathischer Zeitgenosse. Aber Doderer ist ein Gott der Literatur.“

Wenn es um einen Gott geht, braucht man keinen äußeren, womöglich kalendarischen  Anlass, ihn zu preisen. So setzte sie nun ihr Missionswerk auf der lit.Cologne fort. Im Sendesaal des WDR trat sie gemeinsam mit Senta Berger auf – mit dem klaren Ziel, neue Mitglieder für die Gemeinde der Heimetisten zu werben. Zugleich sollte dieser Abend eine Anleitung sein für all die vielen, die noch nie ein Doderer-Werk gelesen haben. Denn  diese Handreichung sei notwendig, so sagte es die Autorin, um auf dem Doderer-Kontinent nicht zu stolpern und zu scheitern.

Es ist tatsächlich so, dass sie vor dem Autor auch ein wenig warnt. Er sei komplex, die Texte lang, das Werk vielschichtig. Seine Prosa funktioniere „nicht wie Pop-Musik“, bei der man nach wenigen Takten mitwippen könne. Hier gehe es eher um Strukturen der klassischen Musik. Weit sei das Repertoire der Töne. Und was er nicht alles vermag: Plastisch gezeichnete Figuren, schnelle und treffende Dialoge, eindrucksvolle Atmosphären und Landschaftsbeschreibungen, zumal solche von Stadtlandschaften.

Warnung vor der „Strudlhofstiege“

Auf keinen Fall, so sagte es Menasse (wie weiland Helmut Qualtinger), sollte die Doderer-Lektüre mit der „Strudlhofstiege“ (1951) begonnen werden. Sein bekanntester Roman sei ein Wunderwerk, doch gebe es viele, zumal in Deutschland, die das Buch nach 100 oder 200 Seiten an die Wand feuerten. Das breche ihr nahezu ihr Doderer-Herz. Wien sei „nicht nur Kulisse, sondern die Bedingung des Romans.“ Worum es darin gehe? Da wolle sie Doderer selbst zu Wort kommen lassen, der – allerdings ganz allgemein – festgestellt habe: „Ein Werk der Erzählkunst ist es umso mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann.“ Immerhin sagt Menasse so viel: Es handele sich um eine Fülle von Geschichten und Geschichtchen, die die Welt darstellen sollen. Doderer sei vom Schlage solcher Schriftsteller gewesen, die das Ganze zeigen wollten.

Der zweitbeste Einstiegsroman sei sein erster: „Ein Mord den jeder begeht“ (1938). Und der beste, der perfekte Roman für Anfänger sei sein letzter: „Die Wasserfälle von Slunj“ (1963). Da habe man die „reine Essenz“ seines literarischen Kosmos. Ein „herbstgoldener Abgesang auf Wien“. Es sollte der erste Teil einer Tetralogie mit dem Titel „Roman No. 7“ sein – Doderer dachte da wohl an Beethovens sinfonisches Schaffen. Für eine schöne Doderer-Neuausgabe des Verlags C. H. Beck hat Menasse das Nachwort zu den „Wasserfällen“ geschrieben.

Zwischendrin veröffentlichte Doderer noch „Die Dämonen“ (1956), an denen er 30 Jahre gearbeitet hatte und die als sein Hauptwerk gelten. Zudem die überaus amüsanten „Merowinger“ (1962), wenngleich sich an deren groteskem Witz die Feingeister scheiden. Eva Menasse findet den Text – anders als ihr Bruder Robert Menasse, wie sie sagte – „rasend komisch und verrückt, man könnte sagen: abgedreht“.

Doderers neunschwänzige Samtpeitsche

Doderers Generalthema? Die Wut. Und die Familie. Menasse, die mit „Vienna“ selbst einen großen Familienroman vorgelegt hat, zitiert Doderer: „Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um.“ Doderer selbst hatte keine Kinder. Er war zweimal verheiratet, aber lebte mit den Ehefrauen jeweils nur ein paar Wochen unter einem Dach. Manches, was in seinen Texten „crazy“ klinge, so Menasse, sei autobiographischer als man meinen möchte. Doderer war jähzornig und  besaß eine neunschwänzige Samtpeitsche. Er geriet sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft. Zwischendurch war er wenig erfolgreich: „Es gab Zeiten, da war er öfter im Pfandhaus als im Kaffeehaus.“

Da war auch „ein kurzes Liebäugeln mit den Nazis“, von denen er sich Vorteile für seine Karriere erhoffte. So trat er in die NSDAP ein, doch interessierten sich die Nazis offenbar nicht für sein „unangenehmes Anbiedern“. Menasse fasst zusammen: „Im Grunde war er ein vollkommen unpolitischer Mensch. Trotzdem – er war ein Mitläufer, keinesfalls ein Widerstandskämpfer.“ Dass er den Literatur-Nobelpreis dann doch nicht bekommen habe, für den er im Gespräch gewesen sei, versteht Menasse als „gerechte Strafe“. Möglicherweise habe Elias Canetti diese Ehrung verhindert, aber Genaues wisse man nicht. Was wichtig sei: Rassismus oder Nazismus spielten in Doderers Werk keine Rolle. „Sie brauchen als Leser keine antifaschistischen Schutzhandschuhe, um sich mit Doderer zu befassen.“

Erkenntnis der Dummheit

Ausverkauft war diese Veranstaltung. Warum? Auch wegen Doderer. Gewiss wegen Eva Menasse, die in Köln den Böllpreis erhalten hat und deren Roman „Vienna“ 2018 das „Buch für die Stadt“ gewesen ist. Und gewiss nicht zuletzt kamen die Besucher, um Senta Berger zu erleben. Sie sei die „Grande Dame“ der lit.Cologne, stellte Regina Schilling vom Veranstalter-Team zu Beginn fest. Tatsächlich ist die Schauspielerin schon bei der ersten Gala der lit.Cologne aufgetreten.

Im Publikum saß auch Henner Löffler, der einst den Doderer-Preis ausgelobt hatte, der von 1998 bis 2010 in Köln verliehen worden ist. Von ihm stammt das „Doderer-ABC – Ein Lexikon für Heimetisten“ (C. H. Beck). Die Einleitung aus dem Jahr 2000 beginnt mit diesem Satz: „Das Werk des österreichischen Dichters Heimito von Doderer fordert viel vom Leser.“

Aber je mehr solcher Warnhinweise aufgestellt werden, desto größer wird die Neugier. Zumal Menasse prognostizierte, dass die Auswirkungen der Lektüre auf Herz und Hirn „spektakulär“ seien. Und wie könnte man einen Autor ignorieren, der in einem seiner „Neunzehn Lebensläufe“(1966) erklärt: „Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes, nicht aus Prosa oder Vers: sondern in der Erkenntnis meiner Dummheit.“

Martin Oehlen

Eva Menasse: „Heimito von Doderer“, erschienen in der Reihe „Leben in Bildern“, Deutscher Kunstverlag, 88 Seiten, 22 Euro.

DoMenasse

Heimito von Doderer: „Die Wasserfälle von Slunj“, mit einem Nachwort von Eva Menasse, C. H. Beck, 406 Seiten, 24 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

DoSlunj

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Eva Menasse über die spektakuläre Wirkung der Doderer-Lektüre auf Herz und Hirn

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