Volker Kutschers „Marlow“ im Berlin des Nazi-Jahres 1935

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Brisante Post – wohin damit? Foto: Bücheratlas

Gereon Rath steckt in der Klemme. Was anfangen mit den brisanten Papieren, die er in einem verunglückten Taxi gefunden hat? Deren Besitzer ist tot, der Inhalt des Umschlags, den er bei sich trug, offensichtlich streng geheim. Oberkommissar Rath tut, was ihm in Zeiten wie diesen geboten scheint. Er entsorgt das brandgefährliche Material im nächsten Briefkasten. Und bringt sich damit erst recht in die Bredouille.

„Marlow“, so lautet der Titel von Volker Kutschers jüngstem Kriminalroman, der nicht wie bisher bei Kiepenheuer & Witsch, sondern bei Piper erscheint. Kutscher folgt damit seinem Lektor Olaf Petersenn von Köln nach München. Das über 500 Seiten starke Werk ist der siebte Band der hochgelobten Reihe um Oberkommissar Rath, den es 1929 aus dem Rheinland nach Berlin verschlägt. Der erste Band „Der kalte Fisch“ (2007) ist vor zwei Jahren von Tom Tykwer unter dem Titel „Babylon Berlin“ verfilmt worden. Die 16-teilige Serie läuft noch bis zum 8. November in der ARD.

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Briefmarke aus dem Nazi-Deutschland des Jahres 1935, in dem Volker Kutschers neuer Gereon-Rath-Krimi spielt.  Foto: Bücheratlas

Mit „Marlow“ ist die auf neun Teile angelegte Romanreihe im Jahr 1935 angekommen. Hunderttausende jubeln dem „Führer“ auf dem Nürnberger Reichsparteitag zu, wenn er durch die Straßen paradiert. Die SS etabliert sich mehr und mehr zu einer gefürchteten Ordnungsmacht im Deutschen Reich. Und auch Gereon Rath, ein Mann, der sich gern aus allem heraushält, gerät zunehmend ins Visier der braunen Machthaber. Der Verunglückte, bei dem er die Geheimpapiere gefunden hat, war Mitglied der SS und sollte offenbar Reichsminister Hermann Göring ausspionieren. Auch Raths alter Widersacher Johann Marlow – das offenbaren die Papiere – macht mit den Nazis Geschäfte. Schlimmer noch: Marlow ist in den einige Jahre zurückliegenden Tod von Raths Schwiegervater verwickelt, was den Fall für den Oberkommissar schnell zu einer sehr persönlichen Sache werden lässt.

Kutscher skizziert ein Land, das dem Abgrund entgegentaumelt. Militärparaden demonstrieren das Erstarken der deutschen Wehrmacht, die drei Jahre später Polen überrennen wird. Jüdische Geschäftsbesitzer werden gezwungen, ihr Eigentum zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Selbst ein unpolitischer Mann wie Rath muss erkennen, dass das Deutsche Reich von Politikern regiert wird, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben scheinen.

Kutscher, der Historiker, der versierte Rechercheur, kennt sich aus in jenen unheilschwangeren Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Schon als Kind habe er sich für die ausgehenden 1920er Jahre interessiert und die Romane Erich Kästners verschlungen, sagt er 2017 in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Seine Serie beginnt im Jahr 1929, und sie wird nach jetziger Planung 1936 mit den Olympischen Spielen enden. Er schreibe unter anderem, um zu verstehen, wie sich die Menschen in jener Zeit gefühlt haben, sagt Kutscher. „Wie fühlt es sich an, wenn eine Demokratie, die hätte funktionieren können, nach wenigen Jahren den Bach heruntergeht? Wie konnte es überhaupt zu Hitlers »Machtergreifung« kommen?“ Fragen, die sich auch Raths Ehefrau Charly zunehmend stellt.

Zwei Bücher sollen diesem siebten Band noch folgen. Dann soll Schluss sein mit Gereon Rath. Selbst der könne 1936 nicht länger die Augen davor verschließen, dass die Herrschaft der Nazis länger andauere als gedacht, sagt Kutscher. „Raths Lernprozess ist abgeschlossen“, was aus Lesersicht höchst bedauerlich ist. Beweist „Marlow“ doch ein weiteres Mal, was für ein guter und kundiger Erzähler Volker Kutscher ist.

Petra Pluwatsch

http://www.ksta.de

Das erwähnte Interview gibt es hier: https://www.ksta.de/kultur/interview-mit-krimiautor-volker-kutscher–wir-leben-auf-einer-insel-der-seligen–28462528

Volker Kutscher: „Marlow“, Piper, 528 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Kutscher

Lesungen mit Volker Kutscher

in Dortmund am 3. November um 20 Uhr im Theater im Depot;

in Erwitte am 4. November um 18 Uhr in der Festhalle;

in Berlin am 6. November um 20 Uhr in der Backfabrik Clinker Lounge;

in Schwerin am 9. November um 20 Uhr in der Volkshochschule „Ehm Welk“ (Aula);

in Hamburg am 10. November um 19 Uhr im Kampnagel;

in München am 11. November um 18 Uhr im Sektionshörsaal der Anatomischen Anstalt;

in Köln am 13. November um 19 Uhrin der Buchhandlung Ludwig (im Bahnhof) . Die Veranstaltung ist ausverkauft.

in Berlin am 22. November um 20 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

in Berlin am 23. November um 20 Uhr in der Schmargendorfer Buchhandlung;

in Berlin am 24. November um 19 Uhr im Rathaus Reinickendorf;

in Brühl am 26. November um 19.30 Uhr im Begegnungszentrum Margaretas;  Vorverkauf in der Buchhandlung Karola Brockmann in Brühl.

Weitere Termine im Dezember und Januar.

 

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