Michael Köhlmeiers neuer Roman über „Bruder und Schwester Lenobel“

 

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Michael Köhlmeier an seinem Schreibtisch in Hohenems Foto: Bücheratlas

Dr. Robert Lenobel (55) ist verschwunden. Der Psychoanalytiker aus Wien hat keine Nachricht hinterlassen, warum oder wohin. Muss man sich Sorgen machen? Ehefrau Hanna alarmiert ihre Schwägerin Jetti in Irland. Die eilt nach Wien. Doch mehr als ein paar Psychokämpfe zwischen den Frauen kommt dabei erst einmal nicht heraus. Hanna beklagt das „Lenobeltum“, das für sie, wie es heißt, die Quelle allen Übels sei. Ein Beispiel: Hanna meint, ihr Bruder sei immer vergesslich, „jedenfalls bei Angelegenheiten, die ihn nicht betreffen.“ Darauf triumphiert Hanna: „Lenobeltum, pures, unverdünntes Lenobeltum.“

Michael Köhlmeier erzählt die Geschichte von „Bruder und Schwester Lenobel“, die aus einer jüdischen Familie stammen, mit langem Atem. Was die „KZ-Oma“ und der „KZ-Opa“ als Opfer des Holocaust erlitten haben, wird nicht breit ausgeführt. Dass aber diese Erfahrungen Spuren auch in den nachfolgenden Generationen hinterlassen haben, weiß nicht zuletzt die Psychoanalyse, welche Robert praktiziert. So wuchsen die Geschwister ohne Vater und mit einer depressiven Mutter auf.

Für Michael Köhlmeier ist diese Familien-Konstellation eine neuerliche Gelegenheit, seiner Erzählfreude freien Lauf zu lassen. Ja, da reicht ihm nicht einmal mehr der Roman alter Ordnung aus. Der Autor, der schon durch 1001 Sagen und Märchen gestiegen ist, als Nacherzähler wie als Interpret, stellt hier auch noch jedem der 13 Kapitel ein Märchen voran. Und es sind Knallermärchen, wenn man das so sagen darf. Wild und radikal, poetisch und unerhört. Da taucht der wütende Teufel unter dem Fell eines Flohs hervor oder steckt sich ein neidischer Arzt einen Käfer in die Nase, weil – ach, das sind tolle Geschichten. Zuweilen meint man gar, die Märchen könnten der zentralen Geschichte die Show stehlen. Aber dann begreift der Leser selbstverständlich, dass sich das eine auf das andere bezieht.

Mag sein, dass Robert Lukasser diese Märchen zuzuschreiben sind. Der Schriftsteller, der schon aus anderen Köhlmeier-Romanen bekannt ist, tritt hier in einer sehr aktiven Rolle auf – als Freund von Robert, Jetti und Hanna und auch als Vater von David. Robert erzählt, er wolle nun Märchen schreiben. Denn er sei überzeugt, „dass dem Bösen in der Welt besser auf dem Umweg über das Märchen auf die Schliche zu kommen sei als über die Theologie oder die Soziologie oder die Seelenforschung.“ Der Teufel trete nämlich manchmal als Witzbold oder als Politiker oder als kleiner Angestellter bei der Post auf – im Märchen aber könne er sich, „wenn überhaupt, nur für eine kleine Zeit verstellen.“

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Wien ist der Schauplatz des neuen Romans von Michael Köhlmeier. Foto: Bücheratlas

Das Geflecht aus Lügen und Liebeserklärungen, aus Wortklaubereien und ungeschminkt vorgetragenen Wahrheiten, das die Personen verbindet, vermag Köhlmeier auf herausragende Weise zu fixieren. Ebenso dieses Bermuda-Dreieck aus Sehnen, Suchen und Verpassen, in dem ein Leben untergehen kann. Da wird der Schriftsteller zum Psychoanalytiker (und ja: Sigmund Freud wird auch zitiert). Köhlmeier ist der sensible Zuhörer und Beobachter und der kluge Analyst: „Von der Dorotheergasse bis in die Garnisongasse ging Jetti hinter Hanna her. Was Trotz bedeutete. Wäre sie vor ihr gegangen, hätte es Arroganz bedeutet.“ Köhlmeier bringt auf fast jeder Seite so eine Originalität hervor (und der Roman ist 540 Seiten dick): „Wenn sie in Dublin war, hatte sie kein Heimweh. Als sie in München lebte, hatte sie keines gehabt, und überall sonst auch nicht. Jetzt, mitten in Wien, hatte sie Heimweh nach Wien.“

Jetti ist es dann, die die erste Nachricht von Robert nach dessen Verschwinden erhält. Er schreibt eine Mail: „Ich bin in Israel, dem Land der Väter. Aber an die Väter denke ich nicht. Und an Gott denke ich auch nicht. An unseren Vater denke ich und an unsere Mutter. Und an Dich denke ich, meine liebe Schwester, meine Jetti.“

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Nach Israel, ins „Land der Väter“, reist Dr. Lenobel. Er lehnt sich an die Klagemauer, schläft ein – und als er erwachte, schreibt Michael Köhlmeier, rieb er sich „die Krümel der Klagemauer von der Stirn“. Fotos: Bücheratlas

Das klingt wie ein Schlusspunkt – aber da ist der Roman noch lange nicht am Ende. Denn es muss ja noch erzählt werden, dass sich Robert in die 20 Jahre jüngere Patientin Bess verliebt hatte, sich dann aber aus einer Art Eifersucht oder Verstörung heraus von ihr getrennt hat – und damit nicht klarkommt. Im Antiquariats-Buchhandel besorgt er sich, als wäre er eine Woody-Allen-Filmfigur, zwei Selbstmörder-Bücher. Freund Robert fragt: „Braucht der Mensch ein Buch, um sich umzubringen?“ Robert ist irritiert. Ja, was brauche denn der Mensch dazu? „Verzweiflung genügt, denke ich, und eine Waffe oder einen Strick oder Tabletten.“ Nein, Robert ist kein Fall für einen Selbstmord. Die Frage „Wozu leben?“ ist gleichwohl eine, die ihm nicht fremd ist: „Wird der Mensch jemals lernen, mit der Gewissheit zu leben, dass nichts einen Sinn hat – außer dieses Ich?“

Bruder und Schwester spiegeln einander in diesem Roman. Den Reiz, sich auf ein solches Duo einzulassen – auf ein „double tale“, wie es in dem Roman heißt –, hat Köhlmeier schon in seinem Roman „Zwei Herren am Strand“ vor Augen geführt. Hier ist freilich nicht wie bei Churchill und Chaplin die Depression das verbindende Band, sondern das Erwachsenwerden ohne Eltern.

Mitten im Roman bekennt Robert seiner Schwester, dass er „wirklich gern“ ein Buch schreiben würde. „Es ist so etwas Sinnvolles, etwas Gutes!“ sagt er. „Große Dichtung lässt uns unseren eigenen Reichtum fühlen.“ Er denke da an Stendhal, an Proust und an Thomas Mann. Das stimmt. Aber auch der Kosmos, den uns Michael Köhlmeier erschließt, ist groß und weit und hoch und tief.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Michael Köhlmeier:  „Bruder und Schwester Lenobel“, Hanser, 540 Seiten, 26 Euro.

Koehlmeier

Lesung mit Michael Köhlmeier am 4. Oktober 2018 um 19.30 Uhr im Alten Pfandhaus in Köln (Kartäuserwall 20). Dies ist eine Veranstaltung des Literaturhaus Köln

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