Reclam-Hefte bei Samuel Pepys ganz vorne im Regal

IMG_5005Ganz in Gelb heute (und in diesem Falle mit Reiseschmutzspuren). Elfenbeinfarben in früheren Jahren. Und rosabraun zu Beginn – wobei der Reclam-Verlag selbst vom Farbton „Rosenholz“ spricht. Zwischen  solcherart gefärbten Umschlägen öffnete und öffnet sich seit 150 Jahren die Weite der „Universal-Bibliothek“. Aus Anlass des Jubiläums im November 2017 gab es allerlei Würdigungen. Der nachfolgende Geburtstagsgruß war neben manch anderem im „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu lesen:

„Es gibt tatsächlich Leser, die ein gestörtes Verhältnis zu den Reclam-Heften haben. Die auf die Erwähnung der gelben Werke mit schmerzverzerrtem Gesicht reagieren, als ginge es um eine Magenverstimmung. Dahinter stecken Schultraumata, na klar. Die sind mir auch vertraut. Doch bringe ich diese nicht mit den Reclam-Heften in Verbindung, die eine ‚Universal-Bibliothek‘ sein wollen. Zumal die Büchlein für mich schon lange fester Bestandteil des Reisegepäcks sind – also zum angenehmen Teil des Daseins gehören. Reclam-Hefte bieten literarische Spitzenkost im schmalen Gewand und bei leichtem Gewicht. Ein Traum auf jedem Flug, wenn man einen Mittelsitz erwischt hat; eine Freude im Freien, wo es nicht stört, wenn das Papier feucht wird oder die Seiten vom Sand am Strand durchsetzt sind. Ein ‚Faust‘ passt in jede Hosentasche. Sie tun nicht schön, diese Hefte, sondern stellen den Text ins Zentrum. Das Büchlein, das zuletzt mit auf Reisen war und jetzt ein paar Souvenirfetzen – Fluggepäckschein, Restaurant-Karte – freigibt, war das grandiose Tagebuch des wunderlichen Samuel Pepys. Der sortierte die Bücher seiner Bibliothek nach Größe. Also, wären die Reclam-Hefte nicht erst 150 Jahre alt, sondern schon 350 Jahre – sie stünden bei Pepys ganz vornean. “

Ja, wunderlich auf faszinierende Art war Samuel Pepys (1633-1703) – dieser Tagebuchschreiber, kluge Kopf,  Politiker, einflussreiche Beamte,  Theatersüchtige, argwöhnische Ehemann und eifrige Ehebrecher.  Man kann die Reclam-Übersetzung von Helmut Winter, der im Jahre 1980 auch die Auswahl aus dem weitaus umfangreicheren Original besorgt hat, nahezu überall aufschlagen, um seine Lesefreude zu haben. Aus dem Angestrichenen im Pepys-Tagebuch hier ein paar Fundsachen. Und welches Zitat jetzt das beste von allen ist – das entscheide, wer mag.

1. „Sehr verärgert, weil meine Frau ihren Schal, ihre Weste und ein Nachthemd in der Kutsche liegen ließ, die uns von Westminster zurückbrachte. Muss allerdings zugeben, dass ich auf die Sachen aufpassen sollte.“

2. „Mache mir Sorgen wegen der Unscheinbarkeit meines Hutes, den ich mir geborgt habe, um meine Bibermütze zu schonen.“

3. „Bei strömendem Regen Schutz am Themse-Ufer gesucht. Sah den König in seiner Barkasse vorbeifahren; es verringerte meine Achtung vor ihm, dass er nicht in der Lage zu sein scheint, dem Regen Einhalt zu gebieten.“

Und hier die Zugabe:  „Mittagessen im ‚Delphin‘ mit Kapitän Cooke und seiner Frau, einer Deutschen, die trotzdem sehr schön ist.“

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