„Ingeborg wird im Stich gelassen“: Fleur Jaeggis Erinnerung an die letzten Tage von Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmanns letzte Wohnung, in der sie sich die schweren Brandverletzungen zuzog, befand sich im Palazzo Sacchetti in der Via Giulia 66 in Rom. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Nachdem Ingeborg Bachmann am 26. September 1973 mit schweren Brandverletzungen ins Krankenhaus Sant‘ Eugenio in Rom eingeliefert worden war, begann ein merkwürdiger Wettstreit unter den Besucherinnen und Besuchern. So schildert es Ina Hartwig in ihrer 2017 bei S. Fischer erschienenen Biografie „Wer war Ingeborg Bachmann?“. Das Krankenhaus als Bühne für ein Theaterstück „mit menschlich, allzu menschlichen Zwischentönen“: „Verhandelt wird das Leben und Sterben einer großen Dichterin, deren Geist schon halb entrückt ist, während die irdischen Freunde und die Familie sich eifersüchtig in Fragen des Ruhms und Nachruhms, der Deutungshoheit, beäugen.“

Feuer in der Via Giulia

Fleur Jaeggi, die in Mailand lebende Freundin und Schweizer Schriftstellerin, eilte ebenfalls ins Ospedale. Sie war zu jenem Zeitpunkt mit Roberto Calasso verheiratet, der Ingeborg Bachmanns Werke in Italien verlegte. Was sie über „Die letzten Tage von Ingeborg“ öffentlich mitteilen möchte, ist nun in dem gleichnamigen Suhrkamp-Band zu lesen. Es ist ein schmales Buch, dessen 44 Seiten großzügig bedruckt sind.

Vorneweg: Auch Fleur Jaeggi weiß nicht, was genau in der Wohnung in der Via Giulia 66 in Rom geschehen ist, in der sich Ingeborg Bachmann die schweren Verbrennungen zugezogen hat. Mutmaßlich hatte eine brennende Zigarette den Wohnungsbrand ausgelöst. Doch ansonsten nimmt die Autorin kein Blatt vor dem Mund.

„Es ist kriminell, zu schweigen“

Fleur Jaeggi ist der Ansicht, „dass man Ingeborg hätte retten können“. Damals seien die Informationen viel zu langsam geflossen. Diesen Vorwurf macht sie zumal Ingeborg Bachmanns Schwester und der Haushälterin. Fleur Jaeggi beklagt, dass sie selbst erst mit fünf Tagen Verspätung von dem Unfall erfahren habe. Wäre sie früher informiert worden, hätte sie sich eher um Verbandsmaterial für Brandverletzte kümmern können, an dem es offenbar im Krankenhaus mangelte. Überhaupt zieht sie das Krankenhaus in Zweifel: „Nicht besonders sauber. Als ich ging, flogen Fliegen umher.“

Auch dass den Ärzten zunächst nicht mitgeteilt wurde, dass die Bachmann von Psychopharmaka abhängig war, weshalb sie zusätzlich zu den Brandwunden unter dem Entzug litt, schimmert in der Anklage durch. Fleur Jaeggi schreibt: „Es ist kriminell, zu schweigen. Es ist kriminell, die Ärzte nicht zu verständigen. Es ist kriminell, sich nicht zu informieren. Ingeborg wurde im Stich gelassen. Dieses Schweigen ist nicht zu erklären. Ein Schweigen, das den Tod bringt.“

Italo Calvino sagt „Äh … hem“

Fleur Jaeggi liefert Einblicke einer Zeitzeugin. Sie tut dies scharf im Urteil und kühl im Ton. Das gilt auch für einige wenige Anekdoten jenseits des Krankenhauses. Da erinnert sich Fleur Jaeggi an einen Ferienaufenthalt mit Ingeborg Bachmann im toskanischen Küstenort Poveromo-Forte dei Marmi. Einmal sei Italo Calvino zu Besuch gekommen. „Wir hatten vereinbart: Wenn er nicht spricht, schweigen wir ebenfalls.“ Und tatsächlich hüllte sich der große Autor eine Weile in Schweigen. Nach vielleicht einer Viertelsunde habe er gesagt: „Äh … hem“. Daraufhin sei eine „kleine, karge Konversation“ in Gang gekommen.

Und an einem der folgenden Tage seien Ingeborg Bachmann und sie selbst beim Verleger Gottfried Bermann Fischer eingeladen gewesen. Der wohnte rund 20 Kilometer entfernt. Die Eheleute Calvino waren auch unter den Gästen. Der Verleger des S. Fischer Verlags habe sich durchaus „tatkräftig“ gezeigt: „Als er Chichita Calvino die Hand drückte, zerbrach ihr Ring mit dem Opal.“

„Ich habe sie geliebt“

Von Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren wurde, wird in den nächsten Wochen noch einige Male die Rede sein. Neue Biografien liefern Andrea Stoll Ende April bei Piper („Zwei Menschen sind in mir“) und Dieter Burdorf bei C. H. Beck Mitte Mai („Dieses unruhige Ich“). Zudem folgt im Juni im Rahmen der Salzburger Edition die kommentierte Ausgabe des Bachmann-Romans „Malina“. Und pünktlich zum 100. Geburtstag der Autorin startet Regina Schillings Filmporträt „Jemand, der einmal ich war“. In der Rolle der charismatischen Schriftstellerin: Sandra Hüller.

Ingeborg Bachmann ist am 17. Oktober 1973 gestorben, drei Wochen nach dem Unfall. Fleur Jaeggi schreibt: „Ich habe sie geliebt.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir uns schon mehrfach mit Ingeborg Bachmann befasst! Da gibt es Beiträge zu ihren Briefwechseln mit Heinrich Böll (HIER), Max Frisch (HIER) und Hans Magnus Enzensberger (HIER), zum Erinnerungsbuch ihres Bruders Heinz Bachmann und zu einer Wiener Ausstellung nebst Katalog (HIER), schließlich auch zu Ina Hartwigs Biografie der Autorin (HIER).  

Fleur Jaeggi: „Die letzten Tage von Ingeborg“, deutsch von Barbara Schaden, Suhrkamp, 44 Seiten, 16 Euro. E-Book: 13, 99 Euro.

3 Gedanken zu “„Ingeborg wird im Stich gelassen“: Fleur Jaeggis Erinnerung an die letzten Tage von Ingeborg Bachmann

  1. Lieber Martin Oehlen, heute habe ich mal eine Frage: In Ihrem Bücheratlas-Artikel über die Erinnerungen von Heinz Bachmann und die Ausstellung gibt es ein sehr schönes Foto, s.u.

    Ob ich dieses Foto nutzen darf, um es während eines Vortrags über Ingeborg Bachmann im Bucerius Forum in Hamburg zeigen zu können? Ich möchte nämlich gerne mindestens ein Foto zeigen, weiß aber noch nicht, ob der Veranstalter mir das Budget dafür gibt, denn die Familie möchte 100 Euro pro Foto haben. Es gibt ein Wikipediafoto, das gemeinfrei ist, das finde ich auch gar nicht so schlecht, aber als ich heute bei Ihnen stöberte, fand ich dieses Foto und dachte ich frag einfach mal.

    Herzliche Grüße von Maren Gottschalk

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