
Eigentlich ist es ganz einfach: Der Privatdetektiv Emil Nerz wird im Franz-Kafka-Jahr 2024 beauftragt, einen angeblich verschollenen Text des Schriftstellers ausfindig zu machen. Als Betreiber der „Detektei für Investigative Profanapogryphik“ hat er sich darauf spezialisiert, „unbekannte Texte und Dokumente nur allzu bekannter Autorinnen und Autoren aufzuspüren.“ Also scheint er genau der richtige Mann zu sein, das Werk mit dem ominösen Titel „Kafkas Lippenstift“ ausfindig zu machen.
Jenseits von Zeit und Raum
Tatsächlich ist alles viel komplizierter. Denn Bastian Schneider liebt die literarische Verrätselung. Das hat er auch in seinem Roman „Das Loch in der Innentasche meines Mantels“ vor Augen geführt. Nun lässt er erneut die Literatur-Korken knallen. Mit Wortwitz und Spielwitz.
„Umschreibung“ jongliert mit der Realität. Die Gesetze von Raum und Zeit lösen sich auf; stattdessen öffnen sich parallele Welten und Löcher im Kontinuum. Da mischen sich Vergangenheit und Gegenwart, historische und fiktive Personen, überlieferte und frei fortgeschriebene Literaturfragmente, trifft der Dichter Kafka auf die Kämpferin „Kafka“, die zur Besetzung des real existierenden Computerspiel „Honkai: Star Rail“ gehört. Das Ganze: ein Genre-Mix aus Abenteuerroman, Fanfiction, Literaturliteratur, Science-Fiction und Dystopie.
Die Nationalbibliothek in Buenos Aires
Emil Nerz führt die Suche nach dem Manuskript bis in die Verließe der Nationalbibliothek von Buenos Aires. Bald ist unübersehbar, dass sich hinter dem Auftrag für den Detektiv eine viel größere, weltumspannende Problematik auftut. Der Erzähler selbst deutet es schon frühzeitig an: „Sollte ich der Umschreibung zum Opfer fallen, so will ich hier eines festhalten: Ich, Emil Nerz, bin der letzte Zeuge der alten Weltordnung.“
Was es mit der „Umschreibung“ im Detail auf sich hat, bei der man an Kafkas „Verwandlung“ denken könnte, darf hier nicht verraten werden. Denn aus der allmählichen Aufdeckung dieser totalitären Gehirnwäsche zieht der Roman seine Spannung. Nur soviel sei gesagt: das Jahr 1916 wird zum Wendepunkt. Da nämlich greift die „KI“ ein – nein, nicht jene, die Sie jetzt meinen. Vielmehr handelt es sich um die Abkürzung für die Firma „Kafka Incorporated“, die um die „Verbesserung der Welt mit poetischen Mitteln“ bemüht ist.
Spiel mit Fakes und Fakten
Man muss die jüngere Literaturgeschichte nicht im Detail kennen, um diesem Roman folgen zu können. Aber es schadet nicht, schon mal von Franz Kafka, Jorge Luis Borges und Walter Benjamin gehört zu haben. Und auch von Bastian Schneider. Ja, ein Bastian Schneider kommt ebenfalls in diesem Roman von Bastian Schneider vor – und die Ungewissheit, ob es der Autor selbst ist oder ein Namensvetter, gehört zum Spiel.
Sicher ist: sicher ist wenig. Doch das immerhin lässt sich festhalten: Wer’s gerne vertrackt mag, kommt bei Bastians Schneider „Umschreibung“ auf seine Kosten. Der Roman handelt fintenreich mit Fakes und Fakten. Ein Vexierspiel um die Macht und das Wort.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Bastian Schneiders Roman „Das Loch in der Innentasche meines Mantels“ HIER gewürdigt.
Die neue Kölner Literaturreihe „Lokalrunde“, in der Bastian Schneider mit seinem neuen Roman auftreten wird, haben wir HIER vorgestellt.
Die Lesung
mit Bastian Schneider im Rahmen der „Lokalrunde“ des Literaturhaus Köln, die an diesem Dienstag (14. 4. 2026) in der Karl-Rahner-Akademie in Köln stattfindet, ist ausverkauft.
Bastian Schneider: „Umschreibung“, Sonderzahl, 132 Seiten, 24 Euro.
