Werner Köhlers Buch der Freundschaft: „Im schwindenden Licht“ lädt ein zu einem emotionalen Wiedersehen auf La Gomera

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Selige Zeiten waren das! Damals auf La Gomera! Im fernen Jahr 1975, als sich acht sehr junge Erwachsene aus Deutschland einen Summer of Love gönnten. Drugs & Rock’n’Roll standen auch auf dem Programm. Zudem jede Menge Polit-Träume und Lebens-Ideale. Schließlich noch Emotionen zwischen Hippie und Punk. Danach verstreute sich die Clique in alle Himmelsrichtungen.

„That’s What Friends Are For“

Fast ein halbes Jahrhundert später treffen sich einige Überlebende auf der Insel wieder. Helmut Bauer, der damals Agricola genannt wurde (wofür man kein Großes Latinum benötigte), hat sie zu einem Revival eingeladen. Flug und Unterkunft gratis. Außerdem liegt der Einladung eine CD mit einer Musikauswahl bei, die für sich spricht – darunter „Yesterday“ von den Beatles, „That’s What Friends Are For“ in der sehr ruhigen Version der Niederländerin Traincha und „Hallelujah“ von Jeff Buckley. Alle machen sich auf den Weg. Kurze Frage: Was ist aus ihnen geworden?

Die deutlich längere Antwort liefert uns Werner Köhler in seinem Roman „Im schwindenden Licht“. Gleichermaßen liebevoll wie ungeschminkt macht er uns mit den Protagonisten bekannt. Mit Christina („Chrissie“), die in Berlin an der Kasse eines Baumarkts sitzt, mit Andreas („Andy“), dem gestressten Küchenchef eines Zwei-Sterne-Restaurants, mit Boromir („Bobo“), der nach einem Unfall (weiter) kiffend im Rollstuhl sitzt, mit Marlene („Lili“), der Ärztin aus Oberbayern – und mit Stefan („Stevie“) Schumacher. Er ist ein Sonderfall. Stefan hatte vor 50 Jahren die gerade volljährig gewordenen Teenager in die Hippiehöhlen des Valle Gran Rey gelockt. Dies gelang ihm, wie im langen Prolog deutlich wird, auf eine ziemlich krumme Tour. Aber Schwamm drüber. Jetzt jedenfalls macht er auf La Gomera viel Geld mit kreativen Geschäftsideen und ist bei Helmuts Wiedersehens-Feier sehr hilfreich.

„Die Magie jener Sommertage“

Allein – es fehlt der Einladende. Wie es um Helmut bestellt ist, lassen wir hier mal weg. Zwar ahnt man sein Schicksal schon früh. Doch offiziell klärt sich das erst auf Seite 257. Dann wird ein Brief verlesen, der die Gruppe schockt und der tatsächlich berührend ist. Er habe noch einmal die Magie der frühen Jahre auferstehen lassen wollen, schreibt er eingangs: „Die Magie jener nicht enden wollenden Sommertage, voller Liebe, voller Schmetterlinge in Bauch und Gemüt, voller Naivität, voller Träume und Erwartungen ans Leben. Die Tage, in denen wir so durchlässig waren wie nie mehr danach.“

Werner Köhler hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter einige Südfrankreich-Krimis unter dem Pseudonym Yann Sola. Zuletzt erschien von ihm der Galapagos-Roman „Die dritte Quelle“. Doch die engste Verbindung knüpft „In schwindendem Licht“ zu seinem Debüt-Roman „Cookys“, der 2004 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Schon damals ging es um Freundschaft (und auch ums Kochen). Und die Melancholie, die darin spürbar war, packt diesmal noch fester zu.

„Das größte anzunehmende Unglück“

Auf der Kanaren-Insel schwelgt die Gruppe nicht nur in Erinnerungen. Vielmehr verleitet der Trip dazu, Bilanz zu ziehen und den eigenen Standort zu fixieren. Das ist schmerzhaft. Aber es schafft auch Klarheit für den weiteren Weg. Ja, jede und jeder erlaubt irgendwann einen Einblick ins seelische Allerheiligste. Die Freunde machen sich nackt – ganz am Ende auch buchstäblich.

„Im schwindenden Licht“ ist ein Buch der Freundschaft. Das ist zugleich wehmütig und lebensbejahend. Keiner aus dem Quartett genießt eine glückliche Beziehung. Und von der helfenden Hand der Familie ist nie die Rede. Im Gegenteil: „Familie“, so heißt es über Stefan, „war für ihn das größte anzunehmende Unglück.“ In solchen Fällen sind es eben die Freundinnen und Freunde, auf die man sich stützt und denen man sich anvertraut. Gestern wie heute. Dafür sind Freunde da. Halleluja.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

finden sich einige Beiträge über Werner Köhler. Zuletzt erschien HIER eine Besprechung seines Romans „Die dritte Quelle“. Außerdem gibt es einen Besuch am Schauplatz der Krimireihe um den Ermittler Perez in Südfrankreich (HIER) sowie die Besprechung des Bandes „Johannisfeuer“ (HIER).

Werner Köhler: „Im schwindenden Licht“, Bielo Verlagsgesellschaft, 408 Seiten, 20 Euro.

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