„Holy City“ ist das beeindruckende Krimi-Debüt von Henry Wise: Auf nach Virginia, dem US-Staat „voller verwirrender Verbrechen“

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Holy City“, heilige Stadt, so heißt der erste Roman des US-amerikanischen Literaturprofessors und Lyrikers Henry Wise. Erschienen ist er 2023 – ein „Country noir“, ein Krimi aus dem ländlichen Virginia, wo die Landschaft „hart, rau und dornig“ ist und die Menschen die Hoffnung auf ein Leben ohne Armut, Alkohol und Drogen längst aufgegeben haben.

Stimme aus der Dunkelheit

Deputy Will Seems hat seine Heimat vor zehn Jahren verlassen, um in Richmond, der „Holy City“, sein Glück zu finden. Nun ist er nach Euphoria, ein elendes Nest mitten im Nirgendwo, zurückgekehrt und arbeitet für den alten Sheriff Mills.

Nacht für Nacht fährt er ziellos durch die Dunkelheit. Vorbei an verblichenen Häusern, „von Kudzu oder von Liguster und Efeu überwuchert, blätternde Farbe, und aus der holzvertäfelten Dunkelheit erklang die dunkle, väterliche, vertraute Stimme, freundschaftlich und nach Gewalt und Arglist klingend, die Stimme glattrasiert, streng schneidend und erwartungsvoll, irgendein lokaler Prediger in einem Landstrich voller verwirrender Verbrechen.“

Täglicher Kampf ums Überleben

Sheriff Mills hat seinen Bezirk fest im Griff und kennt genug Geheimnisse, um jede und jeden im County, der sich ihm in den Weg stellt, unter Druck zu setzten. Als in einem brennenden Haus der ehemalige Footballspieler Tom Janders erstochen aufgefunden wird, steht für ihn der Schuldige schnell fest: Der schwarze Nachbar war’s: Zeke Hathom. Er wurde am Tatort gesehen, und er schuldete dem Toten angeblich Geld. Allein Will Seems hat Zweifel an der Täterschaft des alten Mannes und ermittelt weiter.

Doch der Mord an Janders rückt schon bald in den Hintergrund dieses bemerkenswerten Romans. Der Autor, selbst in den Südstaaten geboren, stellt stattdessen die Menschen dieses geschundenen Landstrichs in den Vordergrund. Er schildert ihre Träume und enttäuschten Hoffnungen, ihre Armut und ihren täglichen Kampf ums Überleben.

Da draußen lauert der Rest des Saates

„Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt“, schreibt er. „Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei.“ Man könne denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, „aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes.“   

Auch Will Seems, niedergedrückt von einer alten Schuld, gehört zu jener „Schar der Verlorenen und Versprengten“, die sich resigniert ihrem Schicksal fügen. Vergeblich kämpft er gegen die Dämonen der Vergangenheit, die in Nacht für Nacht hinaustreiben in die Dunkelheit. Henry Wise, der bereits an seinem zweiten Roman schreibt, ist mit „Holy City“ ein beeindruckendes, sprachlich überzeugendes Debüt gelungen.

Petra Pluwatsch

Henry Wise: „Holy City“, dt. von Karen Witthun, Polar, 344 Seiten, 26 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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