
Der Titel „Die Backstage eines Buches“ klingt merkwürdig. Ist „Backstage“ überhaupt ein Hauptwort? Und dann noch mit dem Artikel „die“? Ja, „das“ Backstage hört sich auch verwegen an; hingegen wirkt „der“ Backstage vertraut, weil er an den „Backstage-Bereich“ erinnert. Aber, aber, aber: Tatsächlich ist der Titel grammatikalisch korrekt. Der Duden befürwortet das Hauptwort mit dem weiblichen Artikel. Womit feststeht: es gibt viel zu klären, wenn es um „Die Backstage eines Buches“ geht. Dincer Gücyeter und Wolfgang Schiffer haben die Anthologie zusammengestellt. Darin erläutern Autorinnen und Autoren ihre ganz persönlichen „Wege und Irrwege literarischen Arbeitens“. Das ist mal ernst, mal amüsant und allemal erhellend.
„Total bescheuerte Idee“
Eine Perle in diesem Collier ist Ulrich Peltzers Erinnerung an die Entstehung seines Romans „Das bessere Leben“. Der Plot war da – aber mehr auch nicht. Stattdessen eine Premiere, die niemand braucht: „An einer bestimmten Stelle in einem Text, sei es eine Erzählung, sei es etwas Theoretisches, festzusitzen, war mir nicht neu, sich einzugestehen, auf dem Holzweg zu sein, und zwar komplett, allerdings schon.“
Hinderlich war vor allem diese „total bescheuerte“ Idee, Hongkong zum Schauplatz zu machen. Es war schlicht der „falsche“ Kontinent. Was Ulrich Peltzer seitdem weiß: „Schreib nicht über Orte, wo du nie gewesen bist.“
„Ich würde es niemandem empfehlen“
Wie fängt man überhaupt an? Marcel Beyer sagt es in schöner Klarheit: „Als ich mit der Arbeit an meinem Roman ‚Flughunde‘ beginne, weiß ich nicht, dass ich mit der Arbeit an meinem Roman ‚Flughunde‘ beginne.“ Zunächst habe er Beobachtungen in dem Kölner Viertel, in dem er damals wohnte, in seinem Notizbuch festgehalten. Doch wohin diese Notizen einmal führen könnten, habe er nicht geahnt. Hätte er all das schon im Vorhinein gewusst, hätte es ihn gar nicht interessiert: „Ich will erkunden, was mich umtreibt, von dem ich vorderhand noch gar nichts Näheres weiß.“
Im Schreiben selbst erfahre er erst, wohin es ihn ziehe. „Ich hätte mir nicht vornehmen können, einen Roman zu schreiben, in dem ein Sammler menschlicher Stimmen zum Mittäter bei sogenannten Menschenversuchen wird und sich mit sechs Kindern anfreundet, die später von ihren Eltern ermordet werden. Ich weiß nicht, ob man sich so etwas vornehmen kann. Ich würde es niemandem empfehlen.“
„Aus purer Bosheit“
Von der Freude auf Erfahrung und Erkenntnis kann auch Ulrike Anna Bleier ein Lied singen – sogar ein sehr lustiges. „Ich schreibe am liebsten über Dinge, von denen ich keine Ahnung habe: wer ich bin, wer die anderen sind, was Sprache ist, was Liebe und was Quantenphysik ist.“ Lesend und schreibend nähere sie sich diesen Fragen (beziehungsweise den Antworten) „immerhin millimeterweise“ an. Auf diese Weise entstand der Roman „Spukhafte Fernwirkung“, der ursprünglich „Konfetti“ heißen sollte.
„Aus purer Bosheit“, bekennt die Autorin, habe sie in den Roman „die Ebene mit den physikalischen Formeln eingezogen: Sie täuschen eine Bedeutung vor, die sie nicht besitzen, ja gar nicht besitzen können. Die meisten dieser Formeln gibt es nämlich gar nicht, ich habe sie erfunden und weil ich in Physik immer eine Fünf hatte, weiß ich nicht einmal mehr, welche echt sind und welche ausgedacht.“
„Sand ins Gesicht“
Den mühsamen Weg vom Schreibzimmer zum Buchmarkt skizziert Berit Glanz. Der Roman „Pixeltänzer“ habe ihr „die Türen zu einem Betrieb geöffnet, dessen Regeln von außen oft schwer durchschaubar sind und der einem immer wieder Sand ins Gesicht wirft.“ Was es mit dem „Sand“ auf sich hat, lesen wir bei Anne Weber. Sie schildert den Widerstand einiger „Verlagsmenschen“ gegen ihr Manuskript „Annette, ein Heldinnenepos“. Offenbar gefiel dem S. Fischer Verlag, bei dem sie bis dahin ihre Bücher veröffentlichte, die gewählte Versform nicht. Das bescherte der Autorin einige Selbstzweifel. Mit der Konsequenz, dass sie den Verlag wechselte. Das „Heldinnenepos“ kam dann bei Matthes & Seitz heraus und gewann 2020 den Deutschen Buchpreis.
Anne Weber hat sich also – Selbstzweifel hin oder her – nicht beirren lassen. Das gefällt gewiss Shida Bazyar („Nachts ist es leise in Teheran“). Sie nämlich versichert, das Wertvollste, was man an einer Schreibschule lernen könne, sei die Beharrlichkeit. Selbst die plausibelste Negativkritik solle man ignorieren und „trotzdem so“ schreiben wie geplant. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, sei dahingestellt, aber als Schreiberfahrung klingt es originell.
„Ich stürzte durch mein eigenes Netz“
Keine fremde Stimme, sondern eine innere Eingebung hat Monika Rinck auf eine neue Bahn gelenkt. Mitten in einer Lesung aus ihrem Lyrikband „zum fernbleiben der umarmung“, auf einem Poesiefestival in Nordmazedonien im Jahre 2009, „stürzte ich durch mein eigenes Netz, es riss und ich fiel.“ Was war das für ein Blitzeinschlag? „Der Text trug nicht mehr“, schreibt sie, „er kam mir klein vor, und ich mir auch, so lächerlich und deplatziert, mutlos und insgesamt kleinschrittig, mit meinen mickrigen, gut durchdachten, weltarmen Gedichten. Das geht so nicht mehr weiter!, dachte ich mir.“
Ihr schwebte anderes vor: „Der lange Atem der lateinamerikanischen Dichter, die Vielgestaltigkeit ihrer Figuren und ihrer Umwelten, Pathos genauso wie Ironie, der Mut zur klaren Aussage, den ich bei der nigerianischen Dichterin gehört hatte, das Jasagen zur Weirdness des poetischen Wortes, das ich glaubte dem usbekischen Dichter abgelauscht zu haben, die Bereitschaft zur Verkörperung des Ungeklärten und dabei großzügig zu sein, keine Scheu vor dem Überdosierten, dem Überorchestrierten zu haben, das Überstülpen einer Gegenwart und viel mehr Welt hineinzugeben, ja, ja, ja!“
„Excuse my tongue“
Und so klackern die Kapitel, wird ein Stein auf den anderen gelegt. Ilija Trojanow („Tausend und ein Morgen“) interviewt sich selbst zu Chancen der Utopie. Anne Rabe („Die Möglichkeit von Glück“) bekennt, dass es jedes Mal eine Überwindung sei, „überhaupt loszuschreiben“. Theres Essmann („Dünnes Eis“) schildert anrührend die Begegnung mit ihrer Protagonistin. Behzad Karim Khani („Hund, Wolf, Schakal“) betreibt ein bisschen Kollegenschelte. Karin Peschka („Dschomba“) lobt die Vorzüge des Mäanderns und empfiehlt „das, excuse my tongue, Vermeiden der Klugscheißerei und des Drangs, gefallen zu wollen.“ Und Lukas Bärfuss erzählt von seiner Schreibmaschine, einer IBM 6781, auf der er fehlerfrei tippen wolle; dabei rede er sich ein, dass sich seine Sorgfalt auch auf die der Leserinnen und Leser übertrage.
Nicht wenige Mitwirkende verweisen auf die Corona-Krise. Yal Inokai („Ein simpler Eingriff“) und Mesut Bayraktar („Aydin“) tun es. Auch Alena Schröder („Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“). Sie erinnert daran, dass in der pandemischen Zeit „viele großartige Bücher“ erschienen seien. Allerdings hätten diese es schwer gehabt, „sich durchzusetzen oder überhaupt wahrgenommen zu werden.“
„Allgemeine Schlussfolgerungen“
Insgesamt 21 Stimmen melden sich zu Wort in dieser Anthologie. Ob sich aus dem Kaleidoskop „allgemeine Schlussfolgerungen“ ziehen lassen? Ulrich Peltzer wirft die Frage in eigener Sache am Ende seines Beitrags auf. Die Antwort wird sich jede Leserin und jeder Leser selbst geben müssen. Fest steht allerdings, dass es sich um ein Lesebuch für alle handelt, denen die Literatur ein Anliegen und ein Vergnügen ist. Eine feine Nahaufnahme vom Schreibtisch der Dichtkunst.
Martin Oehlen
Dincer Gücyeter und Wolfgang Schiffer (Hg.): „Die Backstage eines Buches – Wege und Irrwege literarischen Arbeitens“, Elif Verlag, 204 Seiten, 24 Euro.

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Herzlichen Dank, lieber Martin, fürs feine Aufmerken.
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Sehr gerne geschehen!
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Pingback: Die Backstage eines Buches erscheint im ELIF-Verlag – Ulrike Anna Bleier
Sehr gerne!
Und das Lob für den „immer lesenswerten Bücheratlas“ ist natürlich sehr freundlich und auf jeden Fall einen herzlichen Dank wert.
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