„Als wäre ich unter Wasser“: Elizabeth Strout setzt mit dem Pandemie-Roman „Am Meer“ ihre großartige Amgash-Reihe fort

Foto: Bücheratlas

Die Pandemie hat sie wieder zusammengebracht: die Schriftstellerin Lucy Barton und ihren Ex-Mann William. Das Paar ist seit Jahren geschieden, es gibt zwei erwachsene Töchter. Spätere Ehen waren aus mancherlei Gründen nicht von Bestand. Jetzt sind „Button“ und „Pillie“ auf dem Weg von New York nach Maine, wo sie die nächsten Monate in der Sicherheit eines abgeschiedenen Küstenortes verbringen werden.

„Das chinesische Virus“

In New York hat „das chinesische Virus“ die ersten Todesopfer gefordert. Noch ahnen nur wenige Menschen, welches Ausmaß diese erdumspannende Katastrophe annehmen wird. Auch Lucy Barton braucht, anders als William, viele Wochen, um zu begreifen, was mit ihr, was mit ihrer Familie, was mit der Welt geschieht.

Selten nur hebt sie während der TV-Nachrichten den Blick, wenn Bilder von den menschenleeren New Yorker Straßen, von übereinander gestapelten Särgen und überfüllten Notaufnahmen gezeigt werden. „Es war, als wäre da jemand, der mich anlog, und Leuten, die mich belügen, kann ich nicht ins Gesicht sehen. Nicht, dass ich glaubte, in den Nachrichten würden mir Lügen aufgetischt, ich wusste ja, es war alles real; ich will damit nur sagen, dass ich über viele Tage hinweg – die zu Wochen wurden – oft zu Boden blickte, wenn wir die Abendnachrichten sahen. Interessant, welche Durchhaltestrategien die Menschen entwickelt.“

Lucy und William nähern sich an

Lucy Barton, geboren als Arme-Leute-Kind in Amgash, Illinois, gehört zu den bekanntesten Figuren im Kosmos der mehrfach preisgekrönten US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Strout. Wir sind ihr in Romanen wie „Die Unvollkommenheit der Liebe“, „Alles ist möglich“ (eine Besprechung gibt es HIER) und zuletzt 2021 in „Oh, William!“ (HIER) begegnet. „Am Meer“ ist der vierte Band der sogenannten Amgash-Reihe, und wie schon seine Vorgänger besteht er aus vielen kurzen Erzähleinheiten, Gedankenschnipseln gleich, die die Autorin wie nebenbei in einem Notizbuch festgehalten hat.

Aus dem zunächst auf wenige Wochen angelegten Aufenthalt in Maine werden Monate. Die sind geprägt von Angst, Einsamkeit und einer vorsichtigen Wiederannäherung zwischen Lucy und William. Ausgedehnte Spaziergänge strukturieren die langen, ereignislosen Tage. Begegnungen mit den Nachbarn sind nur auf Abstand und mit Gesichtsmaske möglich.

Die Narben aus der Kindheit

Vor allem Lucy leidet unter den Folgen der Pandemie, die sie um Freunde, Verwandte und vor allem um die beiden Töchter bangen lässt. Noch weiß sie nicht, dass sie eine gute Freundin verlieren und ihre New Yorker Wohnung nie wieder betreten wird. „Ich spürte während dieser Zeit eine Art Benommenheit, die nie ganz wich“, fasst sie ihre Empfindungen zusammen. „Als überstiege es meine Kräfte, all das aufzunehmen, was auf der Welt vor sich ging.“ Ja, möchte man bei Sätzen wie diesen sagen. So war das 2020, 2021. Genau so haben sich viele von uns nach dem Ausbruch der Pandemie gefühlt. „Als wäre ich unter Wasser und meine Ohren wären zu.“

Mit „Am Meer“ ist Elizabeth Strout ein weiteres Mal ein kluges Buch über das Leben gelungen, über die verschlungenen Wege der Liebe, über Mütter und Töchter und – natürlich – über die Last der Vergangenheit. Denn Lucy Barton aus Amgash, Illinois, ist eine seelisch Versehrte, die auch mit fast 70 Jahren unter den Erinnerungen an ihre Kindheit leidet. Und das wird sie wohl immer bleiben.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir bereits drei Romane von Elizabeth Strout rezensiert: „Alles ist möglich“ (HIER), „Die langen Abende“ (HIER) und zuletzt „Oh, William!“ (HIER).

Elizabeth Strout: „Am Meer“, dt. von Sabine Roth, Luchterhand, 286 Seiten, 24 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..