Auf der Sprintstrecke mit Julien Gracq, Michael Köhlmeier und Jochen Schmidt: drei Sammlungen voller Begeisterungen, Bildschirmfreuden und Lebensknoten

Lauter kleine Köstlichkeiten Foto: Bücheratlas

Die kleine Form kommt nicht selten ganz groß raus. Drei frische Beispiele legen wir hier vor. Lesefreundlich sind diese Werke zunächst einmal, weil die einzelnen Segmente zwischen zwei Straßenbahn-Stationen passen, aber auch lässig eine Bundesbahn-Fahrt von Köln nach München (ohne Verspätung) ausfüllen können. Lesefreundlich sind sie vor allem, weil das Vergnügen erheblich ist, das sie bereiten. Jedes in seiner eigenen Tonlage.

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Michael Köhlmeier: „Das Schöne – 59 Begeisterungen“

Michael Köhlmeier zu lesen ist immer ein Gewinn. Das gilt für die Srint- wie für die Marathonstrecke – sein Roman „Matou“, den wir auf diesem Blog HIER besprochen haben, kam immerhin auf 960 Seiten.

Der Band über „Das Schöne“ versammelt nun – wie es der Untertitel korrekt angibt – „59 Begeisterungen“. Einige sind bereits an anderer Stelle, in Magazinen oder Zeitungen, veröffentlicht worden. Dass es nicht 50 oder 60 „Begeisterungen“ sind, sondern dass es bei dieser ganz und gar nicht runden Anzahl bleibt, weist schon daraufhin, dass wir in dieser Sammlung auf Überraschungen zählen dürfen.

Der Reiz des Bandes besteht gerade darin, dass sein Autor mit scharfem Auge in viele Himmelsrichtungen schaut. Dabei sind ihm Kategorien wie E und U nicht geheuer.  Allemal sind es so konzentrierte wie kenntnisreiche Beiträge. Liebeserklärungen en masse. Von Mozart bis zu den Rolling Stones, von Erika Fuchs zu „Mr. Tambourine Man“, von Homer zu Johannes Mario Simmel. Ja, die Literatur steht im Zentrum der Begeisterung. Über Thomas Manns „Zauberberg“ heißt es, es sei „ein Zauberbuch. und als ich über der Hälfte war, sah ich mit bangem Herzen, wie die rechte Hälfte vor mir immer dünner wurde.“

Und was hat es mit der Begeisterung auf sich? „Begeisterung ist Teilhabe“, schreibt Michael Köhlmeier in einem Beitrag über „Keith Richard’s linken Unterarm“, als er gerade auf Goethe zu sprechen gekommen war. Und er fährt fort: „Wenn wir uns begeistern, haben wir an etwas teil, was über uns hinausweist.“ Sein Buch „Das Schöne“ ist ein Potpourri, das selbst immer wieder Anlass bietet zur Begeisterung.

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Jochen Schmidt: „Zu Hause an den Bildschirmen“

Jochen Schmidt ist Jochen Schmidt ist Jochen Schmidt! Wer sich auf den Berliner einlässt, weiß, dass es bei ihm recht kurzweilig und verspielt zugeht, wenngleich ein sanft melancholischer Touch nicht zu überlesen ist. Der Band „Zu Hause an den Bildschirmen – Schmidt sieht fern“ präsentiert einschlägige Kolumnen aus der F.A.S. Die Zwei-Seiten-Texte verbinden Kulturkritik und Alltagsbewältigung und liefern Pointen am Schnürchen.

Jochen Schmidt schaut (und schaute) offensichtlich „alles“. Klar, Fußball muss sein. Die „Tagesschau“ ist auch gesetzt. Aber wieso das Testbild, den Rosenmontagszug oder „Germany’s Next Top Model“? Da wollen wir nicht zuviel verraten. Nur so viel zur Heidi-Klum-Show: Die Sendung wird von der Tochter verfolgt, die dabei selbstverständlich den pädagogischen Beistand der Eltern benötigt, was diesen ein dünnes Deckmäntelchen ist, um die eigene Neugier zu kaschieren.

Herrlich sind auch Schmidts Erinnerungen an den TV-Konsum zu DDR-Zeiten. Damals mutmaßte mancher, lesen wir, ARD und ZDF, also „das Westfernsehen“, würden nach dem offiziellen Sendeschluss (den gab es einst tatsächlich), pornographische Filme ausstrahlen. Leider war nicht bekannt, wann genau im Laufe der Nacht dies der Fall sein könnte – da sah wohl mancher am nächsten Morgen ganz schön müde aus. Auch erfreut, dass Schmidt in Ernie vom Duo Ernie und Bert sein Alter Ego erkennt: „Ernie denkt nicht vorausschauend und handelt irrational, wird dafür aber vom Schicksal immer wieder belohnt…“ Wäre Schmidts Fernsehkunde ein TV-Angebot, hätte sie das Zeug zum Straßenfeger.

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Julien Gracq: „Lebensknoten“

Einen skeptischen, zuweilen spöttischen, auf jeden Fall kulturkritischen Ton schlägt Julien Gracq an. Der Franzose wurde 1910 als Louis Poirier in Saint-Florent-le-Vieil geboren und ist 2007 in Angers gestorben, nicht weit von seinem Geburtsort entfernt. Der Band „Lebensknoten“ versammelt eine Reihe von scharfen und auch scharfzüngigen Beobachtungen, die in vier Kapitel geordnet sind: „Wege und Straßen“, „Augenblicke“, „Lesen“ und „Schreiben“.

Harmlos klingt diese Ordnung. Doch was sich dahinter verbirgt, hat es in sich. Viele stimulierende Vignetten sind zu genießen. Von den Gemüsegärten, die den Kleinstädten abhandenkommen, über die Frostbeulen der Kindheit zum Somnambulismus des „Sitzkriegs“ (Drôle de guerre). Zumal der Literaturbetrieb, nicht zuletzt Julien Gracqs Kolleginnen und Kollegen sind ein ergiebiger Gegenstand der Betrachtung. „Es ist für einen Schriftsteller heute ein Glücksfall, nie in Mode gewesen zu sein,“ schreibt Julien Gracq und tut dies gewiss im Blick auf seinen eigenen Lebensweg. Es sei für einen Autor besser, „in einer Zone des Rückzugs und des Halbschattens verweilt zu haben, wo ihn nur jene aufsuchten, die wirklich Lust hatten, ihm zu begegnen.“ Denn „das verzehrende Licht zeitgenössischer Aktualität“ zerfresse jedes Werk – „unabhängig von seinem wahren Wert“.

Bernhild Boie verweist im Vorwort darauf, dass sich Julien Gracq keine Illusionen über die irdischen Verhältnisse machte. Wie wahr! Beim Betrachten der Landschaft vor seinem Fenster in Saint-Florent hält er fest: „Der Augenblick ist nah, da der Mensch im Grunde nur noch sich selbst gegenübersteht in einer Welt, die ausschließlich von seiner Hand nach seiner Vorstellung gestaltet ist – und ich bezweifle, dass er sich dann ausruhen, sein Werk genießen und es für gut befinden kann.“ Mit lakonischer Klarsicht kommt er, lange vor den Klimadebatten der Gegenwart, zu dem Ergebnis: „Die Erde hat ihre Belastbarkeit und Widerstandskraft verloren.“  

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir zahlreiche Beiträge von und über Michael Köhlmeier veröffentlicht, die sich alle auffinden lassen, wenn der Autorenname in die Suchmaske eingegeben wird. Zuletzt haben wir HIER den Roman „Frankie“ besprochen und davor HIER den Roman „Matou“.

Jochen Schmidts „Ich weiß noch, wie King Kong starb – Ein Florilegium“ haben wir HIER besprochen. Außerdem gibt es Beiträge zu „Ein Auftrag für Otto Kwant“ (HIER) und „Gebrauchsanweisung fürs Laufen“ (HIER).  

Julien Gracq: „Lebensknoten“, dt. von Gernot Krämer, Friedenauer Presse, 176 Seiten, 20 Euro.

Michael Köhlmeier: „Das Schöne – 59 Begeisterungen“, Hanser, 240 Seiten, 23 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Jochen Schmidt: „Zu Hause an den Bildschirmen – Schmidt sieht fern“, C. H. Beck, 286 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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