Jochen Schmidts groteske Exkursion mit Otto Kwant durchs wilde Urfustan

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Urfustan steckt voller Fallen. Wird Otto Kwant entkommen können. Dieses Sortiment an Mausefallen haben wir nicht in Urfustan entdeckt, aber gleichwohl auf einem Markt eines postsowjetischen Staates. Foto: Bücheratlas

Nach Urfustan? Otto Kwant ist überrascht. Um das mindeste zu sagen. Auf die Idee, in die ehemalige Sowjetrepublik zu reisen, wäre er so schnell nicht gekommen. Überhaupt ist Otto Kwant, Sohn des bekannten Baumeisters Nepomuk Kwant, von defensivem Wesen. Eher Oblomow als Marco Polo. Auch leidet er unter Darmkrämpfen. Immerzu. Aber dann sitzt er bereits mit dem renommierten Architekten Holm Löb vom ebenso renommierten Architekturbüro „Himmels)s(turm“ im Flugzeug Richtung Mangana, der geliebten Hauptstadt in asiatischer Wüste.

Was folgt, erzählt Jochen Schmidt als eine Odyssee in die Groteske. Otto, der in Köln lebt und in Berlin arbeitet, würde am liebsten an seinem Konzept für eine neue Spielplatzgestaltung weiterwerkeln. Doch nun erhält er von Staatschef Zültan Tantal, dem „Architekten des Vaterlands“,  den Auftrag, einen „Palast der Demokratie“ zu entwerfen. Möglichst innerhalb einer Woche. Dafür bekomme er ein Dorf. Wie bitte? Eine Assistentin erklärt: Ein Dorf solle „befreit“, also in die Stadt umgesiedelt werden, um die notwendigen Arbeitskräfte zu gewinnen. Was für ein schöner Auftrag,  möchte man womöglich meinen. Aber das meint man nur, solange man nicht weiß, welcher Irrsinn in Urfustan zuhause ist. Kein Trost ist es da, dass es im Nachbarland Baristan noch viel schlimmer zugehen soll.

Die urfische Diktatur, die sich kühn eine Demokratie nennt, ist ein El Dorado für Architekten. Was immer man sich ausdenken mag, hat in Urfustan eine theoretische Chance. Leider mangelt es an Fachkräften. Aber das soll ja nicht die Umsetzung eines Plans verhindern. Schließlich will die Staatsmacht zeigen, wie modern und westlich orientiert sie ist. Otto stößt im Präsidentenpalast nicht nur auf eine Vitrine mit Maurerkellen, sondern entdeckt auch eine Glückwunschkarte von Gerhard Schröder: „Meinem Freund Zültan zum 60. Geburtstag, Dein Gerhard“.

Otto will nur noch weg. Nach Hause. Doch als er an einem der örtlichen Flughäfen ankommt, ist mit dessen Bau noch nicht begonnen worden. Er hatte die falsche U-Bahn gewählt. Und dann widerfährt es ihm, dass er sich auf dem Rasen des Präsidentenparks erleichtern muss. Eine Straftat: „Wenn das alle machen würden, würde es hier irgendwann wie in Amsterdam aussehen, die gesamte Innenstadt voller Engländer, die betrunken in die Rabatten pinkeln.“

Otto fällt in Ungnade. Er wird in die Staatliche Bewusstseinsschule verwiesen, wo er sich eines Tages so glücklich übergeben muss, dass ihm die Flucht gelingt. Aber wie weit kommt man in so einem Land? Otto findet mal ein Kamel und dann Achim, den Karpatenbär, der ihm einen Fisch überlässt.  Die Speise kommt bei Walter in die Pfanne, einem Angehörigen der deutschen Minderheit, der sich über den „Laundsmoun“ freut. Gar nicht erfreut ist dann auf dem weiteren Fluchtweg eine deutsche Rentnerreisegruppe. Die will keine Scherereien. Daher muss sich Otto den Zutritt in den Bus erzwingen – das gelingt ihm, weil er einer älteren Dame den Insulin-Pen hatte entwenden können.  Der Alptraum lässt nicht locker.

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Jochen Schmidt Foto: Bücheratlas

Schmidt – von dem zuletzt „Zuckersand“ erschienen ist – erzählt hier mehr als nur eine abgedrehte Abenteuergeschichte. Der postsowjetische Machtmissbrauch wird fein durchdekliniert. Korruption und Putschplanung inklusive. Und die kommunistischen Spuren werden benannt – vom Gulag-Außenlager bis zur ökologischen Zerstörung mit chemischem Dünger und weggepflügten Grasnarben. Auch ist der Roman ein Plädoyer für sorgsames Bauen und für eine behutsame Entwicklung der Stadtlandschaft.  Und bei alledem erweist sich der Autor abermals als feiner Beobachter des scheinbar Nebensächlichen (wozu das Ausknipsen einer Steckdosenleiste mit dem Zeh, also ohne Hausschuh gehört).

Jochen Schmidts Groteske mündet in eine Tragödie. Wer nach all den Kapriolen erwartet hätte, dass der Roman in einem Konfettiregen endet, sieht sich düpiert. Und das ist gut so. Am Ende weiß Otto sogar, dass man eine Obstfliege achten muss. Wie es dazu kommt, ist ein Spaß, der es ernst meint.

Martin Oehlen

http://www.ksta.de

Jochen Schmidt: „Ein Auftrag für Otto Kwant“, C. H. Beck, 348 Seiten, 23 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

Schmidt

 

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