
Die Begrüßung fällt stürmisch aus. Rajin, der Donnergott, tobt zum Auftakt der neu arrangierten Japan-Ausstellung im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln. Mit funkelnden Augen und zu Berge stehenden Haaren zeigt er, dass es ihm an nichts fehlt, um die Großwetterlage zu beeinflussen. Bei der Skulptur handelt es sich um eine Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert. Das 600 Jahre ältere Original steht im buddhistischen Sanjusangendo-Tempel in Kyoto. Aber auch die naturgetreue Kopie macht Eindruck.
Luftig platzierte Attraktionen
Das gilt für die gesamte Präsentation, die Kurator Bas Verberk arrangiert hat. Ein Neustart ist dies, der nur wenige Tage vor dem offiziellen Amtsantritt von Shao-Lan Hertel als neue Direktorin des MOK erfolgt. Die Nachfolgerin von Adele Schlombs, die 2022 nach über drei Jahrzehnten an der Spitze des Hauses in den Ruhestand gegangen ist, vertrat zuletzt den Lehrstuhl für Ostasiatische Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin.
Bas Verberk hat einen spannend-entspannten Parcours abgesteckt. Der Weg führt vorbei an luftig platzierten Attraktionen der Sammlung, die da und dort schöne Allianzen eingehen. Bei abgedimmter Beleuchtung und deutlicher Klimaanlagen-Kühlung stehen Götter und Geister, Menschen und Zeichen im Zentrum. Auf diese Weise werden einige Schlaglichter auf Kunst und Glaube in Japan geworfen, auf die starke Prägung durch Shintoismus und Zen-Buddhismus.


Geister treiben ihr Unwesen
Einen Akzent legt die Dauerausstellung auf die Totengeister. Sie schwirren im Zwischenreich von Diesseits und Jenseits: Die Totengeister sind nicht mehr ganz hier und noch nicht ganz dort. Welches Problem haben sie?
Werden die Totenriten vernachlässigt, so lesen wir in der Ausstellung, kann der Geist des Verstorbenen die Familie als Gespenst heimsuchen und Unglück über sie bringen. Aber auch unbefriedigte Gefühle wie Liebe, Hass, Rache und Eifersucht können den Toten an die diesseitige Welt fesseln: „Als Geist sucht er den Verursacher oder den Ort seines Leidens unablässig heim, bis er durch den Tod des Peinigers oder durch Exorzismus von seiner Obsession erlöst wird.“ Und das auch noch: „Es sind immer die Unterdrückten und Opfer, die zu Geistern werden, darunter vielfach Frauen, die als weibliche Totengeister (yùrei) ihr Unwesen treiben.“
Zweischwänzige Katzen
Nicht minder munter sind die Yokai. Dabei handelt es sich, so heißt es, um Lebewesen mit magischen Kräften. Nicht zuletzt wird Tieren viel Verwandlungskunst zugetraut. Katzen entpuppen sich als Vampire, nachdem sie „schöne Frauen“ ermordet und deren Gestalt angenommen haben. Hingegen stehen „alte Frauen“ im Verdacht, ihrerseits „zweischwänzige Katzen (nekomata)“ zu sein. So oder so: Vorsicht ist geboten, wenn Katzen in der Nähe sind!
Ein Blick ins ausgestellte Buch fördert die Vorstellungskraft, wer alles als Geist unterwegs ist. Von den drei Bänden „100 Geister spuken in der Nacht“ aus dem 18. Jahrhundert, ausgestattet mit ganzseitigen Abbildungen, sind zwei Bände aufgeschlagen. Auf der einen Doppelseite genießt eine alte Frau in der Klosterküche die Gesellschaft einer Katze, während sich der „Schlamm-Reisfeld-Priester“ Dorotabo genau dort abrackert – im Reisfeldschlamm. Er trotzt dem Regen und der Mühsal zum Wohle seiner Nachkommen. Eine weitere Doppelseite zeigt im beunruhigenden Schwarz-Weiß eine gehörnte Regenfrau und ein weibliches Gespenst mit Lampe.


„Bilder der fließenden Welt“
Deutlich freundlicher wirken die „Bilder der fließenden Welt“ (ukiyo-e), wie die auf Holzschnitten und Gemälden fixierten Szenen des süßen Lebens in Edo (dem heutigen Tokyo) genannt werden. Auf einer Hängerolle ist eine „Schöne nach dem Bad“ zu sehen, die versonnen ihr Handtuch auswringt, gleich daneben drei Frauen beim Schmücken eines Bambus für das Sternen-Fest und schließlich eine „Schönheit in Weiß“, die sich für das Hassaku-Fest chic gemacht hat. Alle drei Werke aus dem 18. Jahrhundert stammen aus der Sammlung von Adolf Fischer, der gemeinsam mit Ehefrau Frieda vor über 100 Jahren das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln initiiert hat.
Besucherinnen und Besucher treten vollends in die Entspannungsphase ein, sobald sie sich der Zen-Malerei nähern. Die ist von imponierender Schlichtheit, ganz und gar konzentriert auf Papier, Tusche und Pinselschwung. So hat der Kalligraph Ikeda Harumasa (1750-1818) das Zeichen „En“ mit kraftvollem Strich zu Papier gebracht. „En“ bedeutet Kreis und ist Sinnbild einerseits von Vollkommenheit und andererseits von Gleichheit aller Lebewesen. Wie intensiv die Schreibkunst bis in unsere Gegenwart fortwirkt, zeigen Arbeiten von Inoue Yuichi (1916-1985) und Morita Shiryu (1912-1998).
So wandelt das Publikum zwischen Sturm und Stille. Vom Donnergott bis in die Vollkommenheit. Danach ist es hinlänglich gefestigt, um die Reise im Museum für Ostasiatische Kunst fortzusetzen. Denn hier locken auch noch China und Korea. Ein feiner Trip.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir zahlreiche Beiträge veröffentlicht, die sich mit Japan befassen. Am besten mal schnell den Begriff „Japan“ in die Suchmaske eingeben – schon gibt es einen Überblick. An dieser Stelle sei nur auf zwei Bildband-Besprechungen zum japanischen Holzschnitt (HIER) und zu Hokusais „36 Ansichten vom Berg Fuji“ (HIER) verwiesen.
Das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln
ist von Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt: 9,50 Euro, erm. 5,50 Euro. Adresse: Universitätsstraße 100, 50674 Köln.