Der Sommer nach dem Krieg: Petra Reateguis historischer Kriminalroman „Kalt fließt die Mosel“ bietet spannende Zeitgeschichte

Foto: Bücheratlas

Es ist im August 1945: Eine junge Frau wird schwer verletzt an einem Berghang gefunden. In ihren Armen hält sie ein neugeborenes Kind. Nur wenige Stunden später stirbt sie, ohne ihren Namen genannt zu haben, und Ello, die Hebamme von Alken an der Mosel, wohin man Mutter und Kind gebracht hat, steht vor einem Rätsel. Wer war diese Frau, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im nahen Kloster Kühr Zuflucht gesucht hat? Und was wird aus dem Kind, dem „Hummelchen“ mit den merkwürdigen dunklen Flecken über dem Steißbein?

Blütezeit des Schmuggels

Die Kölner Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Petra Reategui taucht in ihrem berührenden Roman „Kalt fließt die Mosel“ tief ein in die unmittelbare Nachkriegszeit. Deutschlands Städte liegen in Trümmer. Diejenigen, die – an der Front oder daheim – die Schrecken des Zweiten Weltkriegs überlebt haben, kämpfen sich durch einen von Hunger und Not geprägten Alltag. Lebensmittel sind knapp, und in der französisch besetzten Region blüht der Schmuggel. Banden von ehemaligen Zwangsarbeitern machen die Gegend zusätzlich unsicher. Bald gibt es einen zweiten Toten. Ein Unbekannter wird erschossen in einer abgelegenen Schlucht aufgefunden, und Hilfsgendarm Buchheim hat – für schlappe fünf Reichsmark Hilfspolizistenvergütung pro Tag – einen weiteren ungeklärten Todesfall auf dem Tisch.   

Der Krieg hat auch in den Seelen der Menschen tiefe Wunden hinterlassen. Behutsam thematisiert Petra Reategui die psychischen Blessuren einer vom Krieg gezeichneten Gesellschaft, die erst allmählich realisiert, was ihr sechs Jahre Krieg angetan haben. Hebamme Ello hat die Eltern während des sogenannten Peter-und-Paul-Angriffs auf Köln im Juni 1943 verloren. Nur ein Sakko des Vaters, das Notköfferchen der Mutter, ein Fotoalbum und zwei silberne Serviettenringe sind der jungen Frau geblieben. Noch mehr als zwei Jahre später wird sie von Albträumen heimgesucht und fährt Nacht für Nacht schweißgebadet aus dem Schlaf hoch.

Ein Kalmücke in der deutschen Fremde

Sanan, ein junger Kalmücke, der während des Krieges für die Deutschen gearbeitet hat, hat seine Heimat und seine Familie verloren. In einem deutschen Auffanglager wartet er auf seine Ausreise zu Verwandten in Frankreich, ein Wurzelloser, auf den eine ungewisse Zukunft in der Fremde wartet. Ganz zu schweigen vom Schicksal der unbekannten Toten, deren tragische Geschichte nach und nach ans Tageslicht kommt.

„Kalt fließt die Mosel“ ist Petra Reateguis sechster historischer Kriminalroman, und wie ihre bisherigen Bücher ist er bestens recherchiert und so unterhaltsam geschrieben, dass man mit großem Bedauern die letzte Seite umschlägt. Könnte es nicht noch ein wenig weitergehen mit Sanan, Ello und dem Herrn Aushilfspolizisten? Der Autorin gelingt es auch dieses Mal wieder, ihren Figuren mit nur wenigen Sätzen Leben einzuhauchen und die Handlung zu einem spannenden und lehrreichen Stück Zeitgeschichte zu machen.

Petra Pluwatsch

Auf diesem Blog

haben wir Petra Reateguis Roman „Der Grenadier und der stille Tod“ HIER vorgestellt und der Autorin einige Fragen gestellt.

Lesungen

in Pulheim am 16. April 2023 um 18 Uhr in der Reihe „Literatur im Herrenhaus – Krimiabend“, Rittergut Orr, Orrer Straße 3; in Köln am 25. April 2023 um 19 Uhr in einer Lesung des Verbandes deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen („Vergangenheit wirft Schatten“) in der Stadtteilbibliothek Haus Balchem, Severinstraße 15; in Alken am 25. Mai um 19 Uhr in der Sankt Michaels-Kapelle, Von-Wiltberg-Straße 18. 

Petra Reategui: „Kalt fließt die Mosel“, Emons, 270 Seiten, 14,99 Euro. E-Book: 10,99 Euro.

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