Zwischen Kirschgarten und KGB: Victoria Belim lüftet in „Rote Sirenen“ einige Geheimnisse ihrer ukrainischen Familie

Victoria Belim im Kirschgarten ihrer Großmutter in der Ukraine – aufgenommen vor dem jüngsten russischen Überfall. Foto/Copyright: Victoria Belim / Aufbau Verlag

Victoria Belim erzählt eine Familiengeschichte aus der Ukraine. Mit den Recherchen hat sie begonnen, als Russland im Jahr 2014 die Krim annektierte, und als sie 2022 das Manuskript abschloss, stand Russlands Armee abermals auf ukrainischem Territorium. Auch wenn im Buch selbst der aktuelle Krieg nur im Nachwort auftaucht, lesen wir den Text selbstverständlich vor dem Hintergrund der täglichen Nachrichten über Angriff und Verteidigung. Und wir stellen fest, dass „Rote Sirenen“ einen tiefen Einblick in die Seele der Ukrainerinnen und Ukrainer ermöglicht. Kein Wunder, dass der autobiographische Band der Journalistin, Übersetzerin (aus dem Persischen) und ausgebildeten Parfümeurin jetzt in 15 Ländern erscheint.

Die Kunst der Weißstickerei

Im Jahre 2014 also reist die Ukrainerin von Brüssel aus in ihre alte Heimat. Mit 15 Jahren hatte sie das Land verlassen und war in die USA gegangen. Von da aus zog sie 20 Jahre später in die belgische Hauptstadt. Bei der Heimkehr nach Bereh in der Zentralukraine bemerkt Victoria, mit welcher Inbrunst Großmutter Valentina allen Fährnissen zum Trotz ihren Kirschgarten pflegt – weil dieses Stückchen Land ihr gehört und immer noch auf jeden Winter ein Frühling folgt.

Auch freundet sie sich an mit Pani Olga, deren Mission es ist, die Tradition der Weißstickerei zu dokumentieren und für alle Zeiten festzuhalten. Der Einsatz für den Obstgarten und der Einsatz für das Kunsthandwerk sind Varianten eines kernigen Überlebenswillen, den man auch im ukrainischen Widerstand gegen die aktuellen russischen Attacken zu erkennen vermag.

Suche nach Vater und Urgroßonkel

Zwar kümmert sich Victoria bei ihren Besuchen in der Heimat, die nun recht regelmäßig stattfinden, auch um den Garten und um die Stickerei. Doch vor allem macht sie sich auf eine zweifache Spurensuche. Zum einen will sie wissen, warum ihr Vater in den USA Selbstmord begangen hat. Und zum anderen sucht sie nach Hinweisen auf ihren Urgroßonkel Nikodim, der in den 1930er Jahren gestorben ist und dessen Schicksal „totgeschwiegen“ wird. Die Großmutter möchte an dieses Tabu nicht rühren. Doch Victoria bricht das Beschweigen auf. Sie will genauer wissen, woher sie kommt.

Aufklärung erfährt sie in beiden Fällen. Aber der Weg ist mühsam. Zum einen ist die Kommunikation mit Onkel Wladimir, der in Israel wohnt und Informationen über den Vater bereithält, aus unterschiedlichen Gründen schwierig – seine Sowjetnostalgie gehört dazu. Und dass Victoria das „Hahnenhaus“ in Poltawa aufsuchen muss, in dem einst der sowjetische Geheimdienst KGB ein Quartier hatte, sorgt für einige Beklemmung. Aber anschließend sieht sie klarer, wie und warum Nikodim ums Leben gekommen ist.

Das Innenleben eines gebeutelten Landes

Die Familiengeheimnisse, die hier gelüftet werden, sind eng verbunden mit der Geschichte des Landes. Victoria Belim erzählt davon mit Gefühl, ohne pathetisch zu werden, und in einem Tempo, das die Erzählung zügig voranschreiten lässt. Es ist eine Reise, die auch nach Kiew („prachtvoll“) und nach Charkiw (mit einem „eigenen Charme“) führt, aber vor allem ins Innenleben eines gebeutelten Landes. Hier werden keine Sensationen enthüllt, sondern die ganz normalen Tragödien.

Selbst jene Schicksalsschläge, die sich in stalinistischer Terrorzeit zugetragen haben, wirken fort bis in die Gegenwart. Die Angst und der Verlustschmerz sind eingebrannt in der Psyche. Und so ist es nur eine Binsenweisheit, dass Russlands aktueller Krieg in der Ukraine die nachwachsenden Generationen noch betreffen wird, selbst wenn er bald schon Vergangenheit sein sollte.

Martin Oehlen

Lesungen

mit Victoria Belim sind geplant in Berlin (26. 4. 2023) und auf der Leipziger Buchmesse (27. bis 30. 4. 2023).

Victoria Belim: „Rote Sirenen – Geschichte meiner ukrainischen Familie“, dt. von Ekaterina Pavlova, Aufbau, 352 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

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