Der Jahresauftakt ist fest in österreichischer Hand: Raphaela Edelbauer erzählt in „Die Inkommensurablen“ vom Vorabend des Ersten Weltkriegs in Wien

Foto: Bücheratlas

Der literarische Jahresauftakt ist fest in österreichischer Hand. Jedenfalls dann, wenn man sich auf die deutschsprachigen Neuerscheinungen konzentriert. Wie das? Vermutlich hat die Leipziger Buchmesse die Programmplanung einiger Verlage inspiriert. Denn Österreich ist vom 21. bis zum 27. April Gastland der Frühjahrsmesse. Das Motto lautet: „meaoiswiamia“ (tendenziell: „mehr als wir“). Oder wie der Lateiner sagt: Tu felix Austria.

Ein Wiener Wahnsinnswalzer

Arno Geiger setzte soeben mit seiner autobiographischen Erzählung „Das glückliche Geheimnis“ (die wie HIER besprochen haben) das erste dicke Ausrufezeichen. Vielfach wurde nach diesem Köder geschnappt. Und der nächste folgt schon bald. In zehn Tagen, genau genommen am 23. Januar, erscheint „Frankie“ von Michael Köhlmeier. Den Roman – zumindest dieser Hinweis sei schon jetzt erlaubt – sollte man sich nicht entgehen lassen. Am selben Tag kommt zudem „Einsteins Hirn“ von Franzobel heraus und gleich danach „Tage im Mai“ von Marlene Streeruwitz. Im Februar bescheren uns Clemens J. Setz „Monde vor der Landung“ und Teresa Präauer „Kochen im falschen Jahrhundert“, im März folgen Ursula Poznanski und Monika Helfer. Und das sind nur die Autorinnen und Autoren, die uns aufgefallen sind.  

Fehlt jemand? Genau! Mittendrin in diesem rotweißen Buchwirbel widmet sich Raphaela Edelbauer einem Wiener Wahnsinnswalzer. Ihr Roman „Die Inkommensurablen“, der an diesem Samstag bei Klett-Cotta erscheint, erzählt vom 31. Juli 1914 in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie. Es ist der Vorabend zur österreichischen Generalmobilmachung und zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg.

Psychoanalyse ist „der reinste Mumpitz“

Die Autorin stellt uns vier Zentralgestalten vor. Da sind zunächst der Pferdeknecht Hans Ranftler aus Tirol, der Adelsspross und Musiker Adam Jesensky sowie die Feministin und Mathematikerin Klara Nemec. Klara – das sollte wegen des Titels sogleich festgehalten werden – befasst sich mit Irrationalzahlen, auch Inkommensurablen genannt, die keine Gemeinsamkeit mit reellen Zahlen haben. Diese Sonderstellung auf die Hauptpersonen des Romans zu übertragen, ist sicher eine Option. Das Quartett wird komplettiert von der Psychoanalytikerin Helene Cheresch, die gegen Ende sagen wird, dass die Psychoanalyse „der reinste Mumpitz“ sei.

Der Clou der Viererbande ist eine Art übersinnliches Geheimwissen. Hans sieht es als seine „Gabe“ an, Gedanken zu haben, bevor andere sie aussprechen. Adam schein Militärerlebnisse seines Vaters als eigene zu erinnern. Klara träumt gemeinsam mit weiteren Personen immer denselben Traum – von einem Dorf, einer Villa und einem Kronleuchter. Und Helene befasst sich professionell und privat mit „parapsychologischen Affekten“.

Christopher Clarks „Schlafwandler“

„Schlafwandler waren sie“, lesen wir einmal. Und „Die Schlafwandler“ heißt bekanntlich die viel beachtete Untersuchung von Christopher Clark, der 2012 beschrieben hat, „wie Europa in den Ersten Weltkrieg“ gezogen ist. Der Historiker verweist darauf, dass mancher Zeitgenosse glaubte, träumend oder ahnend den Ereignissen voraus gewesen zu sein. Der Dramatiker Arthur Schnitzler hat vier Wochen vor dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo geträumt, dass er selbst den Auftrag zum Doppelmord erhalten habe. Leon Bilinski, Finanzminister von Österreich-Ungarn, will den „Schock der Neuigkeit“ bereits verspürt haben, noch ehe sie bei ihm eingetroffen war. Und in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ markiert Christopher Clark die Aussage von Leutnant Trotta, dass ihm die Unglücksbotschaft wie „die Verwirklichung einer oft vorgeträumten Begebenheit“ vorgekommen sei.

Raphaela Edelbauer, die 2021 mit „Dave“ Gewinnerin des Österreichischen Buchpreises war, hat sich an einen attraktiven Stoff gewagt. Der Roman beginnt fulminant mit dem Einzug des Tiroler Bauernknechts Hans in die Metropole Wien. Diese Überwältigung aus Dichte und Geschwindigkeit, aus Lärm und Bewegung und dem „babylonischem Wirrwarr“ des österreichisch-ungarischen Multikulturalismus ist plastisch geschildert. Ein Rausch, der bestens nachzuvollziehen ist.

Ein Exzess nach dem anderen

Doch der Schwung des Anfangs verliert schnell an Kraft. Bald schon wird es zäh. Zumal den gedrechselten Dialogen, die mühsam Informationen zur Zeit- und Kulturgeschichte transportieren, mangelt es an Lebendigkeit. Sei es beim Tischgespräch mit Polit-Experten oder beim Gedankenaustausch mit Ganoven.

Als wäre der Roman ein Schnittmuster, das möglichst viele Stofffetzen vernähen muss, finden hier Bauernjunge und Adelsspross zusammen, Kunst und Mathematik, Arnold Schönberg und C. G. Jung, Keilerei und Kokain, Musikakademie und Suffragettenclub. Das Programm für den letzten Friedenstag beschert dem Terzett einen Exzess nach dem anderen: auf der Bühne, in den Clubs, mit den Familien. Dass Klara die Nacht durchmacht, obgleich sie am nächsten Morgen zum Rigorosum in der Universität antreten soll, ist nur eine von mehreren Unglaubwürdigkeiten.

Verstörende Bereitschaft zum Kriegsdienst

Allerlei hätte sorgfältiger gearbeitet werden müssen. Auch der eine oder andere Satz. Damit nicht auf einen „lockeren Dutt“ verwiesen wird, aus dem sich „einige Strähnen gelockert“ haben. Aber wir wollen jetzt nicht weiter mäkeln. Hier kommt noch was Positives.

Die komplexe politische Lage zwischen Belgrad, Berlin, London, Paris, St. Petersburg und Wien wird zwar nur gestreift. Aber die verstörende, irrwitzige und fast allumfassende Bereitschaft der Masse zum Kriegsdienst wird ansprechend in Szene gesetzt. Menschen, die bis dahin routiniert und leicht sediert ihrer Lebenswege gingen, wirken plötzlich wie aufgeweckt vom Schrillen des Nationalismus, von der gemeinsamen Zielrichtung und der Aussicht auf eine grundstürzende Neuerung der Verhältnisse. Bei alledem gehen sie selbstverständlich nur vom Besten für sich selbst aus und nicht von Tod, Verlust und Zerstörung in den eigenen Reihen. Allesamt Träumer. Im Grunde ein Fall für die Psychoanalytikerin Helene Cheresch, zu deren Fachgebiet die „Massenhysterien“ zählen.

Martin Oehlen

Lesungen

mit Raphaela Edelbauer im Literaturhaus Wien (19. 1. 2023), im Literaturhaus Graz (24. 1.), im Literaturhaus Salzburg (22. 2.), im Literaturhaus Hamburg (1. 3.), im Literaturhaus Köln (29. 3.), im Theater Koblenz (30. 3.), auf der Leipziger Buchmesse (27. 4.), im Literaturhaus am Inn in Innsbruck (15. 6.), auf dem Spielboden in Dornbirn (29. 6.) und im Oberösterreichischen Literaturhaus in Linz (4. 7. 2023).

Raphaela Edelbauer: „Die Inkommensurablen“, Klett-Cotta, 352 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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