„Was für ein Glück, Bücher schreiben zu dürfen“: Hausbesuch bei Krimiautorin Hannelore Hippe alias Hannah O’Brien alias Hanne H. Kvandal

Hannelore Hippe Foto: dtv/Heike Bogenberger

Hannelore Hippes Wohnung in der Kölner Südstadt erzählt von einer innigen Verbundenheit ihrer Bewohnerin mit dem geschriebenen Wort. Durch die schmale Diele zieht sich ein meterlanges Bücherregal. Längst ist jedwede Ordnung, ob nach Autoren oder nach dem Alphabet, außer Kraft gesetzt. Die Bücher stehen eng gereiht, weitere sind darauf gestapelt oder mit Kraft dazwischengeschoben, um auch ja jeden Zentimeter Platz im Regal auszunutzen.

Ein Buch pro Jahr

Einige von ihnen stammen aus Hannelore Hippes Feder. Zwölf Romane, die Mehrzahl davon Krimis, hat die Kölner Autorin und Hörfunkjournalistin in knapp 30 Jahren verfasst. Ein weiteres Werk ist in Arbeit, ein 14. bereits angedacht. „Ich bin sehr fleißig und arbeite jeden Tag etwa sechs Stunden“, sagt Hannelore Hippe. Ein Buch pro Jahr, das sei ihr Schnitt, seit sie sich allein auf das Schreiben konzentrieren könne. Wir sitzen inzwischen im Wohnzimmer. Eine gemütliche Sitzecke, Bücher auch hier.

Geboren wurde Hannelore Hippe 1951 in Frankfurt, ein Flüchtlingskind, dessen Eltern sich aus dem schlesischen Breslau an den Main retteten. Aufgewachsen ist sie in Köln, wohin die Mutter nach dem Scheitern der Ehe mit ihr und dem kleinen Bruder zog. Das Schicksal der Mutter inspirierte Hannelore Hippe zu ihrem 2021 erschienenen autobiografisch gefärbten Roman „Die Geschichte einer unerhörten Frau“, ihrem persönlichsten und wichtigsten, wie sie sagt.

„Das Mädchen Eva, das bin ich“

Darin erzählt sie von dem schweren Weg der Mutter als Alleinerziehende in den 1950er und 1960er Jahren. „Das Mädchen Eva, das bin ich“, ein toughes Kind, das ebenfalls das Zeug hat, seinen Weg zu machen. Das Buch sei für sie jedoch nicht primär eine Familiengeschichte, sondern der Versuch, die Leser in diese Zeit zurückzuführen und dabei so genau wie möglich zu sein, sagt sie. „Wie sprach man damals, wie verhielt man sich untereinander, wie roch es, wie sah es aus und und und.“ Derzeit sitzt sie an der Fortsetzung der Familiengeschichte. „Jetzt kommen die Jahre 1965 bis 1975, die Frauen- und die Studentenbewegung.“

Auch hier kann Hannelore Hippe auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. In Marburg und Heidelberg studierte sie Germanistik, Philosophie und Politische Wissenschaften, machte 1976 ihren Magisterabschluss. Es folgten zehn Jahre in England und Irland, die ihre Liebe zur grünen Insel begründeten und Hannelore Hippe zu inzwischen fünf – bei dtv erschienenen – Irland-Krimis inspirierten.

„Schreib doch selber einen Krimi“

Dafür schlüpfte sie in das Pseudonym Hannah O’Brien – und erfüllte sich damit einen langgehegten Wunsch. „Ich wollte schon immer einen irischen Namen haben.“ Außerdem sei der Nachname eine Hommage an ihren Lieblingsschriftsteller Flann O’Brian. Der hatte im wahren Leben Brian O’Nolan geheißen, also selbst auf ein Pseudonym zurückgegriffen habe.

Ihren ersten Kriminalroman („Niedere Frequenzen“) veröffentlichte Hannelore Hippe bereits 1994. „Schreib doch selber einen Krimi“, habe ihr damaliger Ehemann geraten, als sie im Urlaub über die mitgebrachte Lektüre maulte. „Also schrieb ich über das, was ich am besten kannte: Über den Westdeutschen Rundfunk.“ Es folgten zwei weitere Krimis („Der Friedhofsgärtner“, 1997, „Die Hexe an der Wand“, 1998).

Irland ist Schauplatz zahlreicher Kriminalromane von Hannelore Hippe alias Hannah O’Brien. Foto: Bücheratlas

„Irisches Verhängnis“

Dann war erst einmal Schluss mit dem Schreiben. Hannelore Hippe, inzwischen Mutter einer Tochter und frisch geschieden, konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ihre journalistische Arbeit. Arbeitete für die Hörfunksender der ARD, schrieb Radiofeatures und Hörspiele. „Abends war ich viel zu müde, um mich noch einmal an den Schreibtisch zu setzen und einen Krimi zu schreiben.“

Erst 2015 meldet sie sich als Hannah O’Brien mit „Irisches Verhängnis“, dem ersten Band ihrer Irland-Reihe, zurück in der Krimiszene. Im Mittelpunkt der Reihe steht die ehrgeizige Polizistin Grace O’Malley, die das Morddezernat in Galway übernimmt und als erstes den Mord an einer jungen Studentin aufklären muss. Pech, dass zwei der drei Verdächtigen ebenfalls bald tot sind.

Im äußersten Norden Europas

Entstanden sei das Buch größtenteils bei Auslandseinsätzen in Kirgisistan und Tadschikistan. Damals, erzählt Hannelore Hippe, habe sie für die Deutsche Welle Journalisten vorrangig in den ehemaligen Staaten der Sowjetunion ausgebildet. „Um 16 Uhr war der Unterricht zu Ende, und ich saß in irgendwelchen Hotels und Pensionen herum. So ging das wieder los.“

Seitdem hat Hannelore Hippe eine weitere Krimireihe gestartet – und aus gutem Grund erneut ihren Namen gewechselt. Ihre beiden jüngsten Krimis „78 Grad – Tödliche Breite“ (2021) und „13 Grad – Tödlicher Sommer“ (2022) spielen im äußersten Norden Europas, im Örtchen Longyearbyen auf Spitzbergen. Damit bot sich ein skandinavischer Autorenname an, und aus Hannelore Hippe alias Hannah O’Brian wurde Hanne H. Kvandal.

„Mein Körper ist komplett durcheinandergekommen“   

Ihren Protagonisten, Ex-Kommissar Trond Lie aus Bergen, hat es aus privaten Gründen nach Spitzbergen verschlagen. Doch wenn es Tote gibt in Longyearbyen, ist bei der örtlichen Polizei seine Expertise gefragt, und der Rentner beginnt zu ermitteln wie in alten Zeiten.   

„Ich mag abgelegene Gegenden und habe eine große Affinität zu Eis und Schnee“, erklärt Hannelore Hippe die Wahl des ungewöhnlichen Schauplatzes. Sechs Mal war sie, die seit vielen Jahren mit einem Norweger liiert ist (und sich von ihm das Pseudonym Kvandal lieh), bereits auf Spitzbergen. Sie kennt die nicht enden wollenden Kernpolarnächte, in denen man die Hand nicht vor den Augen sieht. „Es ist völlig schwarz, 24 Stunden am Tag. Das hat etwas sehr Faszinierendes, aber auch Bedrohliches.“ Wie Trond Lie litt auch sie bei ihrem Besuch im Winter unter der fortwährenden Dunkelheit. „Mein Körper ist komplett durcheinandergekommen.“   

In den blauen Stunden

Was sie darüber hinaus an Spitzbergen fasziniert: „Diese Gesellschaft da oben. Longyearbyen hat etwa 2300 Einwohner aus 47 Nationen. Die Menschen bleiben im Schnitt zwei Jahre. Die eine Hälfte ist im Tourismus tätig, die andere Hälfte sind Wissenschaftler. Es gibt eine große Anzahl von Thais, deren Anwesenheit keiner genauer erklären kann. Dann die Geisterstadt Pyramiden, die von den Russen verlassen wurde, und natürlich der Spitzbergenvertrag, der besagt, dass jeder ohne Asylantrag dort leben kann, sofern er sich allein ernähren kann. Alle Menschen dort haben die gleichen Rechte.“

In ihren Spitzbergenkrimis – der erste wird demnächst verfilmt, der dritte ist in Planung – ist all das ein Thema. Da geht es im ersten Band „um das Hauen und Stechen um den Spitzbergenvertrag“, im zweiten um illegale Zuwanderung und Menschenhandel. „Die Leser sollen sich mitgenommen fühlen und etwas lernen bei der Lektüre“, sagte Hannelore Hippe. Der nächste Krimi werde vermutlich in den „blauen Stunden“ spielen, wenn die Winterdunkelheit allmählich weicht und die zurückkehrende Helligkeit Spitzbergen für kurze Zeit in ein milchig-blaues Licht taucht.

Sie hoffe, dass sie noch ein paar weitere Bücher schreiben könne, sagt Hannelore Hippe. „Ich habe noch so viele Gedanken und Ideen. Manchmal kneife ich mich und denke, was für ein großes Privileg und Glück es ist, dass ich nach dem Ende meines Berufslebens als Journalistin Bücher schreiben darf und davon leben kann.“

Petra Pluwatsch

  • Leseprobe

    Der Anfang aus „13 Grad – Tödlicher Sommer“

    „Niko, beeil dich! Sie werden in der nächsten halben Stunde hier sein“, brüllte Shyudin durch den Korridor im sowjetischen Teil des Hotels, der mit rotgoldenen Intarsien verziert war. Hier gab es einen sowjetischen Teil, der noch wie früher aussah, seit der Gründung des Hotels vor fünfzig Jahren, und der liebevoll restauriert worden war, und einen „westlichen“, der vorgab, wie in allen Hotels der Welt zu sein, weil der Westen ja praktisch überall war. Shyudin rief es selbstverständlich auf Russisch durch den Korridor. Es hallte mehrfach nach oder so schien es ihm zumindest. Genau wie alles hier in dem leeren Hotel Tulipan verhallten musste, solange es geschlossen war. Er würde erst in drei Tagen wieder öffnen, für die kürzeste Saison der Welt von drei Wochen im Sommer.      

Biografie

Hannelore Hippe wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Köln auf. Nach dem Studium lebte sie mehrere Jahre in England und Irland, unterrichtete an verschiedenen Universitäten, heiratete und wurde Mutter einer Tochter. Ende 1984 zog sie mit ihrer Familie nach Köln und begann, für den ARD-Hörfunk zu arbeiten. Sie schrieb Hörspiele, Kurzgeschichten und mehr als 100 Radiofeatures. 1994 erschien ihr erster Krimi „Niedere Frequenzen“. Seitdem hat sie unter ihrem eigenen Namen und zwei Pseudonymen elf weitere Romane veröffentlicht. 

Bibliografie

Hannelore Hippe: „Niedere Frequenzen“, Wiener Frauenverlag, Wien 1994.

Hannelore Hippe: „Der Friedhofsgärtner“, Milena-Verlag, Wien 1997.

Hannelore Hippe: „Die Hexe an der Wand“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998.

Hannah O’Brien: „Irisches Verhängnis“, dtv, München 2015.

Hannah O’Brien: „Irisches Roulette“, dtv, München 2016.

Hannah O’Brien: „Irische Nacht“, dtv, München 2017.

Hannah O’Brien: „Irisches Erbe“, dtv, München 2018.

Hannelore Hippe: „Die verlorenen Töchter“, dtv, München 2018.

Hannah O’Brien: „Irische Totenwache“, dtv, München 2019.

Hanne H. Kvandal: „78 Grad – Tödliche Breite. Ein Spitzbergen-Krimi“, dtv, München 2021.

Hannelore Hippe: „Die Geschichte einer unerhörten Frau“, Goldmann, München 2021.

Zuletzt ist im Jahr 2022 erschienen:

Hanne H. Kvandal: „13 Grad – Tödlicher Sommer. Ein Spitzbergen-Krimi“, dtv, 320 Seiten, 10,95 Euro. E-Book: 9,99 Euro.

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