Das Doppelleben eines Schriftstellers: Arno Geiger lüftet in seiner autobiographischen Erzählung „Das glückliche Geheimnis“

Mit dem Rad drehte Arno Geiger seine Runden. Und aus den Fundstücken kreiert(e) er Neues. Foto: Bücheratlas

Nach manchem, was ich gefunden habe“, sagt Arno Geiger, „hätte auch Gustave Flaubert sich gebückt.“ Der Österreicher selbst hat sich sehr lange und sehr oft gebückt. Er lüftet sein „Geheimnis“ gleich im zweiten Satz seiner autobiographischen Erzählung: „Mein glückliches Geheimnis bestand fünfundzwanzig Jahre lang darin, dass ich in Wien ausgedehnte Streifzüge machte und die an den Straßen stehenden, für Altpapier vorgesehenen Behältnisse erkundete auf der Suche nach für mich Interessantem.“ Dass dieses Stöbern nach Büchern und Briefen, die andere Menschen weggeworfen hatten, eine durchaus ungewöhnliche Beschäftigung ist, wird unumwunden zugegeben. Wie überhaupt dieses Buch kaum ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn man das so sagen darf.

Im Müll wohnt die Wahrheit

Die Erkundungsfahrten zu den rot-grünen Altpapier-Behältern, die er mittlerweile eingestellt hat, waren äußerst förderlich. Für einen Schreibtischmenschen ist der sportliche Aspekt, der mit dem Radeln und mit dem Eintauchen in die Containertiefen verbunden ist, überhaupt nicht zu unterschätzen. Auch hat sich manche Briefmarkensammlung und mancher Bücherstapel auf dem Flohmarkt verticken lassen. Aber das sind nur Randaspekte. Vor allem war die Lektüre fremder Tagebücher, Schriftsätze und Briefe hilfreich für Wesen und Werk: „Meine Runden haben mich als Mensch so sehr geprägt, wie sie mich als Schriftsteller geprägt haben.“

So entdeckt Geiger in den Papiercontainern Material für die eigenen Geschichten. Die Kunst des Schriftstellers besteht dann darin, die Partikel in Verbindung zu bringen: „Es braucht eine literarische Verwandlung, eine Form, eine Sprache. Und es braucht soziales Gespür, die Fähigkeit, manche Lücken zu füllen und andere zu lassen.“ Im Müll wohne die Wahrheit. „Für Archäologen sind ehemalige Stadtgräben, die mit Abfall aufgefüllt wurden, Goldadern.“ Denn sie wissen: „Das Erledigte verkörpert eine Epoche so gut wie das bedeutendste Kunstwerk.“

„Kraftvoller“ als Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“

Und es ist nicht nur der „Stoff“, sondern auch dessen Aufbereitung, die ihn literarisch bereichert hat. Es ist eine Poetik aus der Abfalltonne. Das erklärt er so: „In vielen Briefen stieß ich auf eine beiläufige Offenheit, die mir gefiel, eine gänzlich unverkrampfte Direktheit, die mich zuerst beeindruckte, dann beeinflusste und schließlich mein Schreiben veränderte.“

Man müsste mehr Zweitrangiges und Verworfenes lesen, schreibt er. „Das Alltägliche und Beiläufige zeigt uns tendenziell eher so, wie wir sind, nicht so, wie wir gerne wären.“ Da kann dann auch Marcel Proust nicht mehr richtig mithalten. Das größte Tagebuchkonvolut, das er je gefunden hat, bestand aus 35 Bänden. Er habe diese „subjektiv mit mehr Gewinn“ gelesen als „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“: „Ich empfand es als kraftvoller, intensiver, wenn auch weniger reflektiert und stilistisch weit entfernt von Prousts grandios gelassener Prosa.“

„Durchbrennende Sicherungen“

Die „beiläufige Offenheit“ ist geradezu ein Stilprinzip in „Das glückliche Geheimnis“. Der Autor schont sich ganz und gar nicht. Das führt zu vielen aufschlussreichen Passagen. Da sehen wir gleich vier Schwerpunkte. Erstens: Arno Geiger spricht unumwunden über Seelennöte, „durchbrennende Sicherungen“ in Berlin, Sorgen um Vater und Mutter und Liebesbeziehungen zu M. und L. und O. Und vor allem zu K. wie Katrin, seiner Ehefrau, der das Buch gewidmet ist. Zweitens: Ergiebig sind – nicht nur für Germanisten – die vielen Hinweise auf die Hintergründe seiner Werke („Im Stillen hielt auch ich ‚Irrlichterloh‘ für kein besonders gelungenes Buch.“). Drittens: Creative-Writing-Kurse finden in dem schmalen Band eine praxisnahe Einführung ins Schreiben und ins Leben mit dem Schreiben (Dies für die männlichen Kursteilnehmer: „Als Schriftsteller ist man bei den wenigsten Frauen von vornherein chancenlos, das ist einer der Vorteile des Berufs.“). Und dann viertens die Erfahrungen mit dem Hausverlag.

Verblüffend unverhohlen geht Arno Geiger, von dem zuletzt der Roman „Unter der Drachenwand“ (2018) erschienen ist, auf seine Krisenjahre bei Hanser ein. Allerdings ist das Ziel seiner Kritik nicht das gegenwärtige Verlagshaus. Vielmehr beklagt der Autor, dass er in der Ära des ruhmreichen Ex-Verlagschefs Michael Krüger zunächst einen schweren Stand gehabt habe. Sein Roman „Schöne Freunde“ wurde ein ums andere Mal verschoben, ehe er dann 2002 erschienen ist. Geiger deutete das als Versuch, ihn loszuwerden: „Im Verlag empfanden sie mich als so entbehrlich wie den Dreck auf der Stiege.“ Einzig sein Lektor Wolfgang Matz habe Einspruch erhoben, doch den habe man ignoriert so gut es ging.

„Ich dachte, am Ende foppt er mich“

Diese Erfahrung habe sich beim Roman „Es geht uns gut“ (2005) wiederholt. Erst als Geiger „in München verlauten ließ, dass ich die Möglichkeit hatte, zu Rowohlt zu wechseln, klappte es auf einmal, da lenkten sie ein.“ Sein Kommentar: So sei das Leben, „immer ein wenig seicht.“ Und voller Überraschungen ist es auch.

Denn ausgerechnet der zunächst offenbar verschmähte Roman wurde mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet – und zwar bei dessen erstmaliger Vergabe. Unmittelbar vor der Bekanntgabe des Siegerbuches habe der neben ihm sitzende Verleger geflüstert, dass es mit dem Preis „geklappt“ habe. Doch der Autor traute dem Hinweis nicht: „Der Verleger und ich waren nicht immer nur Freunde gewesen, ich dachte, am Ende foppt er mich.“ Hat er aber nicht. Danach gibt es dann keine Klagen mehr über den Verlag. Jedenfalls keine, die hier fixiert sind.

Durfte er das?

Auf eine erhebliche Frage geht Arno Geiger erst ganz am Schluss ein. Sie lautet: Durfte er das? Durfte er private Aufzeichnungen aus den Papiercontainern klauben, lesen und auswerten? Er selbst führt die Anonymität als Rechtfertigung an. Er wisse nicht, um wen es sich bei diesem Brief oder jenem Tagebuch handele: „Heimlich das Tagebuch des Bruders zu lesen, ist grausam. Aber das Tagebuch von jemand Unbekanntem zu lesen, versachlicht das Geschriebene.“ Auch sei die Vorstellung schwer hinnehmbar, wenn – er wählt dieses extrem starke Beispiel – „das 1940 von einem jüdischen Wiener Mädchen auf der Überfahrt von Stockholm nach San Francisco geführte Tagebuch nach Kilopreis Altpapier gewogen und eingestampft wird“.

Arno Geiger zeigt sich „ehrlich erleichtert, dass ich nie ein zwingendes Argument gegen meine Runden gefunden habe.“ Ist das so? Das Argument wäre, dass er ohne Einwilligung Einblick in das Privatleben der Anderen nimmt. Die jeweiligen Verfasser von Briefen und Tagebüchern, mögen sie auch anonym sein, wollten gewiss in aller Regel nicht, dass „fremde“ Augen Einblick erhalten. Und diejenigen, die sich für die „Entsorgung“ von privaten Texten entschieden haben, wohl auch nicht. Sollte man dies nicht im Grundsatz respektieren? Geiger ist auf Kritik gefasst. So schreibt er es. Doch sei er mittlerweile hart im Nehmen.

Wunsch nach einem Doppelleben

Als ausgefuchster Literat greift er nicht nur der möglichen Rezeption seines Werks vor („ein bisschen rau, stellenweise ungehobelt, als Ausdruck meiner selbst“). Auch lässt er Ehefrau K. sagen, weshalb „Das glückliche Geheimnis“ auf Zuspruch stoßen könnte: „Fast alle fühlen sich angesprochen, wenn es bei jemandem eine unbekannte Seite gibt, etwas, von dem man nichts wusste und das man so nicht erwartet hätte. Warum? Vielleicht, weil die meisten Menschen sich insgeheim ein Doppelleben wünschen, weil die meisten Menschen spüren, dass sie das Potenzial dazu hätten.“

Für Arno Geiger hat sich das Abtauchen in die Papiercontainer, wie gesagt, mittlerweile erledigt. Es ist nun, da dieses so plausible wie reichhaltige Buch vorliegt, auch kein Geheimnis mehr. Der Autor muss sich ein neues Doppelleben suchen.

Martin Oehlen

Lesungen

mit Arno Geiger im Wiener Akademietheater (17. 1. 2023), im Literarischen Colloquium in Berlin (23. 1.), im Literaturhaus Stuttgart (26. 1.), im Literaturhaus Frankfurt am Main (1. 2.), im Literaturhaus München (2. 2.), im Literaturhaus Salzburg (3. 2.), im Literaturhaus Graz (14. 2.), im Oberösterreichischen Literaturhaus in Linz (2. 3. ), in der Alten Feuerwache in Mannheim (6. 3.), bei der lit.Cologne in der Kölner Volksbühne (7. 3.), im Literaturhaus Hannover (8. 3.), im Theater Koblenz (19. 3.), in der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe (20. 3.), im Literaturhaus Freiburg (21. 3.) und im Literaturhaus Basel (22. 3. 2023).

Arno Geiger: „Das glückliche Geheimnis“, Hanser, 240 Seiten, 25 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

2 Gedanken zu “Das Doppelleben eines Schriftstellers: Arno Geiger lüftet in seiner autobiographischen Erzählung „Das glückliche Geheimnis“

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