Den Himmel berühren: Die Tagebücher von Rafael Chirbes und eine Sonderausgabe seiner Spanien-Trilogie

Rafael Chirbes an seinem Schreibtisch im spanischen Beniarbeig im Jahre 2007. Die Öllampe ist leider nicht im Bild. Foto: Bücheratlas

Eine Öllampe aus Ton steht auf dem Schreibtisch von Rafael Chirbes. Sie ist rund tausend Jahre alt und wurde im Garten seines Großvaters gefunden. Dieses Werk zu berühren, das ein Handwerker vor langer Zeit auf „so schlichte und vollkommene Weise“ erschaffen hat, tröstet den Schriftsteller jedes Mal, wenn er deprimiert ist und sich in einer Sackgasse wähnt. Die Öllampe signalisiert ihm Kontinuität, wenn er nicht mehr weiterweiß: Sie „lässt mich meinen Pessimismus vergessen.“

„Zum Brüllen komisch“

Deprimiert ist Rafael Chirbes (1949-2015) nicht selten. Das bezeugen seine Tagebücher aus den Jahren 1984 bis 2005, die nun erstmals auf Deutsch vorliegen. Gleichwohl begibt man sich als Leser nicht durch eine Steinwüste, sondern wird erfrischt durch einen scharfen und unerbittlichen Blick aufs Ego und auf die Welt. Während es zu Anfang der Aufzeichnungen vor allem um Sex und Liebe unter Homosexuellen geht, schonungslos und direkt, richtet sich der Fokus bald schon mehr und mehr und schließlich vollends auf die Literatur. Auf die eigene und auf die der anderen.

Rafael Chirbes ist ein starker Leser. Viele Werke liest er mehrfach. Und er liebt es, erfahren wir, „ganze Seiten, die mich interessieren, in meinen Notizbüchern festzuhalten.“ Die Leseempfehlungen, die hier beiläufig gegeben werden, sind nicht nur zahlreich, sondern werden prägnant und stimulierend präsentiert. Sie reichen von der heiligen Teresa von Ávila bis zu Michel Houellebecqs „Plattform“: „Ich weiß nicht, ob es ein guter Roman ist, aber Houellebecqs Bosheit ist zum Brüllen komisch.“ Nicht zuletzt wendet sich Rafael Chirbes immer wieder der deutschsprachigen Literatur zu. Eine Beobachtung: „Mit Musil berührt man den Himmel.“

„Grammatik des Erzählens“

Die Bücher haben ihre je eigene Wirkung auf Chirbes als Autor. Mal sind sie erdrückend und mal inspirierend. Zum ersten Band der „Essais“ von Montaigne hält er fest: „Von da aus kann man nur noch absteigen.“ Hingegen schreibt er über die „Recherche“ von Marcel Proust: „’Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘ ist die Grammatik des zeitgenössischen Erzählens. Ein Handbuch der Themen und Schreibweisen, gerade recht, damit wir uns an Variationen machen.“

Einen Einblick in seine Poetik erlaubt er einige Male. Ausdrücklich spricht er sich gegen „thematische“ Literatur aus. Das führt zu der schrillen These, dass man „den Hungernden und Armen“ in der Welt „statt Romanen lieber Waffen schenken“ sollte. Ihm gehe es als Autor darum, „dem Leser – indem man was auch immer erzählt – Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, die ihm helfen, seinem Leben einen Sinn zu geben.“

„Rom – dieses prunkvolle Grab“

Eine ewige Sorge ist für Rafael Chirbes das jeweils nächste Buch. Selbstzweifel sind sein tägliches Brot. Im frühen Notizbuch von 1984 meint er: „Ich denke, ich werde in meinem Leben nichts schreiben, das der Rede wert ist, und ich könnte heulen.“ Und wenn dann ein Aufsatzband mit Reiseerlebnissen nicht im Feuilleton von „El Pais“ besprochen wird, sondern im Reiseteil, dann ist dies ein weiterer Grund für Frustration.

Rafael Chirbes ist viel unterwegs. Zunächst vor allem als Gourmetkritiker – er selbst sagt: Gastronomie-Journalist – für die Zeitschrift „Sobremesa“, später mehr und mehr auf Lesereisen. Die Einlassungen zu den vielen Städten, die er weltweit bereist hat, sind von wunderbarer Leuchtkraft: „Madrid gleicht einer hässlichen Braut, die für nichts gut ist, am Hochzeitstag aber alle Blicke auf sich zieht.“ Oder Rom: „Dieser gewaltige Katafalk, dieses prunkvolle Grab, hält sich nur dank der permanenten Arbeit der Lebenden aufrecht.“

„Ein kommentierter Lebensroman“

Höhepunkt der Tagebücher ist eine Lesereise, auf der so ziemlich alles schiefläuft, was einem die Laune verderben kann. „Kaum Leute“ in Karlsruhe, eine Privatunterkunft unterm Dach in Freiburg, Streit mit einem Schauspieler in Zürich, der den deutschen Text zu einer Montage aus Sätzen zerstückelt hat: „Ich bin Künstler. Ich kann mit Ihrem Text machen, was ich will.“ Es ist eine Groteske, die Rafael Chirbes als Alptraum erlebt hat, die aber uns Außenstehenden ein großes Vergnügen bereitet.  

Die Tagebücher sind allesamt intensiv bearbeitet worden. Chirbes selbst weist darauf hin, wenn er an einigen Stellen von der Arbeit an der Reinschrift spricht. „Im Ergebnis ist dieses sorgfältige Konstrukt“, schreibt Heinrich von Berenberg in seinem ausführlichen Vorwort, „eine Art kommentierter Lebensroman, in dem die Innenwelt eines der ganz großen spanischen Autoren der Nach-Franco-Zeit mit manchmal fast schmerzhafter Helligkeit ausgeleuchtet ist.“

„Der Nerv liegt blank“

Wer sich von der Kraft der Chirbes-Prosa überzeugen will, kann auf ein umfängliches Werkverzeichnis zurückgreifen. Da ist die frühe Novelle „Die schöne Schrift“, von der er im Tagebuch sagt, dass er sie eine Weile täglich, manchmal auch mehrmals täglich unter Tränen gelesen habe: „Ich weiß nicht, welchen Nerv dieses Buch in meinem Inneren berührt hat, aber der liegt nun blank.“ Und da ist der späte Roman „Krematorium“, der 2007 veröffentlich wurde, also nach Abschluss der vorliegenden Tagebücher.

Zu empfehlen sind allerdings auch die zwischendurch erschienenen Romane seiner Spanien-Trilogie, die nun im Verlag Antje Kunstmann im Schuber angeboten werden. „Der lange Marsch“ schildert das Franco-Spanien der 1960er Jahre, „Der Fall von Madrid“ den Tag im Jahre 1975, an dem der Diktator gestorben ist, und „Alte Freunde“ blickt auf das demokratische Spanien der 1990er Jahre. Ein großes Panorama voller Angst und Hoffnung, Aufbruch und Enttäuschung.

Überstehen ist alles. Und Schreiben hilft allemal. „Was für ein seltsamer Drang zu schreiben, ohne dass es wichtig wäre, was man schreibt“, notiert er 1985. „Ich würde sagen, das Schreiben erlaubt dir, auch ohne das Gefühl, dass du irgendwo dazugehörst oder irgendwem angehörst, weiterzuleben.“ Schreiben ist da so tröstend wie das Berühren einer tausend Jahre alten Öllampe.

Martin Oehlen

Rafael Chirbes: „Von Zeit zu Zeit – Tagebücher 1984 – 2005“, dt. von Dagmar Ploetz und Carsten Regling, Verlag Antje Kunstmann, 472 Seiten, 34 Euro. E-Book: 27,99 Euro.

Rafael Chirbes: „Spanien Trilogie – Der lange Marsch, Der Fall von Madrid, Alte Freunde“, dt. von Dagmar Ploetz, 816 Seiten, 39 Euro. E-Book: 31,99 Euro.

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