„Die große Marie Marcks“: Prachtausgabe des Verlags Antje Kunstmann würdigt die Karikaturistin, die vor 100 Jahren geboren wurde

Zwei Bände voller Witz und Ernst Foto: Bücheratlas

Vieles ist im Bild festgehalten. Auch der Weg, den Marie Marcks (1922-2014) gehen musste, um ihre Karikaturen in einem Verlag unterzubringen. Die zwölfteilige Bilderfolge zeigt die Künstlerin auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1973. Da wandert sie mit ihrer blauen Mappe von Stand zu Stand und wird allemal freundlich abgewiesen: „Versuchen Sie’s doch mal nebenan.“ Demonstrativ werden die Verlagsnamen genannt: Beltz & Gelberg, DuMont, S. Fischer, Rowohlt, Suhrkamp, Diogenes, Schwarze Botinnen, Prestel – und dann der Hinweis: „etc., etc., etc.“ War’s das?

„Beginn einer wunderbaren Freundschaft“

Nein. Denn dann stößt die wütende Marie Marcks („Alles Arschlöcher!“) auf eine junge Mitarbeiterin des Raith-Verlags, die sich interessiert zeigte. Das war und ist Antje Kunstmann, die tatsächlich im folgenden Jahr, also 1974, das erste Marie-Marcks-Buch herausbrachte: „Weißt du, dass du schön bist?“. Diese Kooperation hatte Folgen. Bis heute, fast ein halbes Jahrhundert später. Denn die Künstlerin und die Verlegerin gingen fortan gemeinsam voran – vom Raith-Verlag über den Frauenbuchverlag bis zum Verlag Antje Kunstmann. Und weil das eine so tolle Geschichte ist, hat Marie Marcks ihre Buchmessen-Bilderfolge „Für Antje“ genannt und lässt sie im finalen Panel enden mit dem „Casablanca“-Satz: „Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.

Am heutigen Donnerstag hätte Marie Marcks 100 Jahre alt werden können. Aus diesem Grund gibt Antje Kunstmann in ihrem Verlag eine zweibändige Ausgabe heraus. Im blauen Leineinband – es ist das Blau der Mappe von 1973 – geht es um „Karikaturen und Bildergeschichten“ sowie um „Autobiografische AufZeichnungen 1922-1968“. Ergänzt werden die Bilder und Texte durch ein Vorwort von F. W. Bernstein und ein Nachwort der Herausgeberin. Außerdem findet sich darin noch ein Interview mit Marie Marcks aus dem Jahre 2010, in dem sie nach einem „Rat“ für einen Menschen gefragt wird, der sich wie sie auf politische Karikaturen einlassen möchte: „Nur den einen: hartnäckig sein. Auch wenn man lange, lange nichts zu erreichen scheint – irgendwann bewegt man doch etwas.“

„Erstaunlich gegenwärtig“

Marie Marcks, die Heidelbergerin aus Berlin, hat vieles bewegt und viel bewegt. Das bezeugt dieser Doppelband. Immer noch sind ihre Karikaturen erstaunlich aktuell – solche zum Geschlechterverhältnis in Beruf und Familie, zum Schutz der Umwelt und zur Warnung vor Rechtsradikalismus. Antje Kunstmann sagt es in ihrem Nachwort mit diesen Worten: „Viele ihrer Karikaturen sind Klassiker und ins kollektive Bewusstsein der Deutschen eingegangen. Sie sind erstaunlich gegenwärtig.“

Mindestens ebenso beeindruckend ist das Gesamtkunstwerk aus Zeichnung und Handschrift, das sie ihrer ersten Lebenshälfte widmet – vom Zwischenkriegsjahr 1922 bis zur Hippie-Herrlichkeit von 1968. Zumal die Szenen aus Nazi-Deutschland sind bannend – nicht zuletzt wegen der Offenheit, mit der sie sich als Jugendliche schildert inmitten von Führerwahn, Judenverfolgung und totaler Zerstörung. Aber auch der ganz „normale“ Berliner Alltag wird sehr anschaulich geschildert – mit freundlichem Leierkastenmann und miesepetrigem Hausmeister, mit „knickebeinigen“ Pferden, geklauten Kirschen und kindlicher Begeisterung für Winnetou und weitere Apachen.

Modell für den Bildhauer Gerhard Marcks

Zudem wird in dieser sehr besonderen Autobiografie offenbart, dass Marie Marcks dem Onkel Gerhard Marcks gerne Modell gestanden habe. Die Zeichnung zeigt sie nackt im hohen Raum neben einem kleinen Heizstrahler stehend: „Von der einen Seite vereist, von der anderen gegrillt.“ Die Plastik habe der Künstler „die Berlinerin“ genannt. Dazu ihr Kommentar: „Ich stehe im Hof des museum of modern art in New York und friere immer noch, jedenfalls im Winter.“ Mittlerweile muss die Skulptur verrückt worden sein – jedenfalls findet sich im digitalen MoMA kein Hinweis mehr auf diese Arbeit.

Eine Skulptur von ganz eigener Qualität ist diese liebevoll gestaltete Prachtausgabe aus dem Kunstmann Verlag! Sie macht aufs Schönste vertraut mit einer kritischen Persönlichkeit, einer genauen Menschenbeobachterin und einer herausragenden Karikaturistin. Ein buchgewordenes Denkmal für eine Frau, von der es auf dem Schuberdeckel heißt: „Die große Marie Marcks“.

Martin Oehlen

Randbemerkung:

Auf der Suche nach dem Raith Verlag, in dem Marie Marcks‘ erstes Buch erschienen ist, fand sich dieser erstklassige Nachruf von Thomas Schmid auf Werner Raith: https://bit.ly/3wpIM5n .

„Die große Marie Marcks“, hrsg. von Antje Kunstmann, Verlag Antje Kunstmann, zwei Bände im Schuber, zusammen 434 Seiten, 58 Euro.

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