„Das Lächerliche und Groteske der Welt“: Katalog zur Ausstellung „George Grosz in Berlin“ liegt schon Monate vor der Eröffnung vor

Passage in der Staatsgalerie Stuttgart, wo im November 2022 die George-Grosz-Ausstellung ansteht. Foto: Bücheratlas

So etwas kommt nicht alle Tage vor. Schon gar nicht im internationalen Museumsbetrieb. Da hatte das Metropolitan Museum of Art in New York für das Jahr 2020 eine umfangreiche George-Grosz-Ausstellung geplant, die erste Schau seit fast 70 Jahren, die dem Künstler in den USA gewidmet sein sollte. Doch dann schlug die Corona-Epidemie zu und machte das Projekt zunichte – beinahe zunichte.

Stuttgart statt New York

Zwar ist die Ausstellung „George Grosz in Berlin“ nun nicht in New York zu sehen. Allerdings hat sich die Staatsgalerie Stuttgart kurzfristig bereit erklärt, die von Sabine Rewald kuratierte Ausstellung zu übernehmen. Nicht alle für New York zugesagten Bilder sind nun auch in Stuttgart zu sehen, dafür aber konnten einige bislang nicht verfügbare Werke integriert werden. Auch variiert der Untertitel: „Das unerbittliche Auge“ des MoMA mutiert in der Staatsgalerie zum „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre“.

Die Eröffnung ist für den November 2022 vorgesehen. Doch weil die Konzeption schon lange in trockenen Tüchern ist, liegt bereits jetzt der Katalog vor – auch das alles andere als gewöhnlich.

Hass auf die Deutschen

Sabine Rehwald macht dort vertraut mit der eigenwilligen Persönlichkeit und der bissigen Kunst des George Grosz (1893-1959). Gleich zu Anfang kommt sie auf den Hass des Mannes, der als Georg Ehrenfried Groß geboren und seinen Namen später anglisiert hat, auf die Deutschen zu sprechen. Ein Zitat aus einem Grosz-Brief: „Man fragt sich, wie es möglich ist, dass es Millionen von Menschen gibt, ohne Geist, ohne nüchterne Beachtung des realen Geschehens, Menschen, denen man von klein auf in den Schulen Sand in die dummen wässrigen Augen streute, deren Geist man mit den Attributen verdummender Reaktion vollfüllte wie: Gott, Vaterland, Militarismus.“

Aus diesem Hass heraus entstanden die stärksten, grellsten, am lautesten wütenden Werke des George Grosz. Fratzen allenthalben, Stiernacken ohne Ende, Arm und Reich im heillosen Mit- und Gegeneinander. Es ist eine Welt, die aus den Fugen geraten ist und der unseren so fremd nicht scheint.

„Todeswütige kleine Ameisen“

Seine ersten Zeichnungen und Gemälde habe er „ganz zwecklos“ geschaffen, bekannte Grosz einmal. Es sei ihm allein darum gegangen, sich Luft zu verschaffen und „das Lächerliche und Groteske der mich umgebenden Welt geschäftiger, todeswütiger kleiner Ameisen festzuhalten.“

Erst im Weltkriegsjahr 1916 wurde die Öffentlichkeit aufmerksam auf den Künstler, der sich selbst einen „messerharten Zeichenstil“ attestierte. Sein Freund Theodor Däubler lobte das „futuristische Temperament“, und Wieland Herzfelde veröffentlichte Zeichnungen in seiner Zeitschrift „Die Jugend“. Eine besondere Perle in Sabine Rewalds Darstellung ist, wie sehr sich Grosz zunächst sträubte, seine Kisten mit Zeichnungen für Herzfelde zu öffnen.  

Mal Graf, mal Arzt, mal Lord

George Grosz trat nicht nur als Künstler scharfer Zeichnungen und explosiver Ölgemälde wie „Stützen der Gesellschaft“ und „Sonnenfinsternis“ in Erscheinung. Auch machte er als „Poseur“, wie es Ian Buruma in seinem Katalog-Beitrag sagt, auf sich aufmerksam, allzeit wohl gewandet, zuweilen mit Monokel und Gamaschen. Ein Tanz der Identitäten: Mal war er Graf Ehrenfried und mal der Arzt Dr. William King Thomas, mal Lord Dixon und mal Edgar A. Hußler.

Das Spiel mit den Doppelgängern, gepaart mit dem Hass auf die Mächtigen, machte ihn, so lesen wir es bei Sabine Rewald, „zum idealen Kandidaten für die Dada-Bewegung.“ Grosz erinnerte sich später an die einschlägigen Auftritte: „Als Dadaisten hielten wir ‚Meetings‘ ab, bei denen wir gegen ein paar Mark Eintrittsgeld nichts taten, als den Leuten die Wahrheit zu sagen, das heißt, sie zu beschimpfen.“

Der Künstler vor Gericht

Karl Kraus fand die „Erste Internationale Dada-Schau“ im Berlin des Jahres 1920 nicht bemerkenswert – mit einer Ausnahme. Die Bilder von George Grosz machten auf ihn einen starken Eindruck: „Wenn Zeichnungen töten könnten: das preußische Militär wäre sicherlich tot“, befand er. Kraus empfahl, „das Boxmatch zwischen George Grosz und dem Jahrhundert des Soldaten“ keinesfalls zu versäumen.

Tatsächlich hatte der Künstler George Grosz nicht nur etwas zu sagen, sondern er wurde auch gehört. Nicht zuletzt nahm die Justiz seine Kunst sehr ernst. Dreimal stand George Grosz vor Gericht: Wegen „Beleidigung der Reichswehr“ (1920), „Angriffs auf die öffentliche Moral“ (1923) und „Gotteslästerung“ (1928 bis 1931). Allerdings finden sich in seinem Werk neben aller Wut und Satire und Karikatur auch Bilder der Empathie. Dies gilt für einige Zeichnungen von Kriegsversehrten und zumal für die Porträts seines Freundes Max Hermann-Neisse.  

Emigration in die USA

Im Juni 1932 folgte George Grosz einer Einladung nach New York, um an der Arts Student League zu unterrichten. Anschließend kehrte er für drei Monate nach Berlin zurück, um dann im Januar 1933 in die USA überzusiedeln. Sabine Rewald schreibt: „Seine Entscheidung, nach Amerika zu emigrieren, rettete ihm vermutlich das Leben.“ Denn schon bald nach Hitlers Machtübernahme wurde er als „entarteter Künstler“ verfemt.

Allerdings war George Grosz in New York nicht mehr der kritische Künstler, der er in Berlin gewesen war. „Anstatt seine Kunst als Waffe einzusetzen,“, schreibt Sabine Rewald, „nutzte er sie fortan zur Umarmung.“ Und Ian Buruma konstatiert, dass George Grosz entschlossen war, alles an seiner Wahlheimat Amerika zu mögen: „In den amerikanischen Bildern liegt eine Sentimentalität, aber kein Hass. Die Kunst von George Grosz hat dadurch ihre Wirkmacht eingebüßt.“  

Im Jahre 1959 kehrte George Grosz noch einmal zurück nach Deutschland. Nur wenige Wochen später starb er in Berlin nach einem Treppensturz.

Martin Oehlen

Die Ausstellung

„Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre – George Grosz in Berlin“ läuft in der Staatsgalerie Stuttgart vom 18. 11. 20222 bis zum 26. 3. 2023.

„George Grosz in Berlin – Das unerbittliche Auge“, hrsg. von Sabine Rewald, Hirmer Verlag, 180 Seiten, 38 Euro.

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