Zwischen Eiche und Atommeiler: Die Netzwerke „Literatur Rheinland“ und „Literaturszene Köln“ mit neuen Initiativen

Bereit für den Gang auf die Bühne: Jürgen Nendza und Sabine Schiffner im Literaturhaus Köln. Foto: Bücheratlas

Mehr Sichtbarkeit – das ist ein feines Ziel für viele Personen und Einrichtungen im Kulturleben. Auch für die Literaturszene. Oder gerade für die Literaturszene. Denn es gibt nicht wenige, die der Ansicht sind, dass andere Sparten deutlich eifriger und effektiver sind bei der Vertretung und Verbreitung der je eigenen Sache.

Sabine Schiffner und Jürgen Nendza in Köln

Um mehr Sichtbarkeit geht es auch dem „Netzwerk Literatur Rheinland“, das sich an alle Akteurinnen und Akteure des literarischen Lebens in der Region richtet. Es wurde zwar schon 2019 gegründet, tritt aber erst jetzt so recht an die Öffentlichkeit. Sie wissen schon: die Pandemie! Mit einem „großen Lesewochenende zwischen Bonn und Kleve“ präsentierte sich am 11. und 12. Juni das Netzwerk, das vom Land NRW gefördert wird und das in Trägerschaft des „Literaturbüro NRW“ in Düsseldorf steht.

Auf seiner Vorstellungsrunde war „Literatur Rheinland“ am Sonntag auch im Kölner Literaturhaus zu Gast. Allerdings ging es nicht darum, all das auszubreiten, was auf der Webseite nachzulesen ist. Vielmehr stand die Sache im Zentrum – die Literatur. So traten die Lyrikerin Sabine Schiffner mit ihrem neuen Gedichtband „Wundern“ (Quintus Verlag) und der Lyriker Jürgen Nendza mit seiner jüngsten Veröffentlichung „Auffliegendes Gras“ (Poetenladen) auf.

Dorrit Bauerecker an den Tasten

Es war ein so kurzer wie intensiver Abend, ein Gesamtkunstwerk aus unterschiedlichen Tonlagen und vielen Korrespondenzen. Mit Sabine Schiffner geht es auf die Kölner Domplatte, wo Obdachlosigkeit auf Barmherzigkeit trifft, und durch die ukrainische Bukowina, als der russische Einmarsch noch nicht vorstellbar, aber die Konfliktspannung schon fühlbar war. Mit Jürgen Nendza erkunden wir das rheinische Braunkohlegebiet, wo unsere Erdgeschichte weggebaggert wird, und feiern wir die Bäume: Rotbuche, Stieleiche und all die anderen Majestäten in diesem starkastigen Lyrik-Arboretum.

Dorrit Bauerecker (rechts) war die Dritte im Bunde. Foto: Bücheratlas

Die Doppellesung hatte freilich noch einen besonderen Clou im Köcher: Dorrit Bauerecker begleitete einige Gedichte am Akkordeon. Immer pointiert, nie aufdringlich. Da hörte man das Flattern und Krächzen der Sittiche zu Köln am Rhein, da pflügten Riesenschaufeln durch die Schichten der Vergangenheit, da grummelte es aus 300 Rissen am belgischen Atommeiler. Die Musikerin, die auch als Pianistin geschätzt wird, setzte feine Akzente, nicht zu viele und nicht zu wenige. Sie hat den Gedichten von Sabine Schiffner und Jürgen Nendza – wir müssen jetzt unseren Claim strapazieren – noch mehr Sichtbarkeit verschafft.

Erster Kölner Kinder- und Jugendbuchtag

„Mehr Sichtbarkeit“ – das war am Abend zuvor schon das Oberthema der Rede von Bettina Fischer gewesen, mit der sie in der Alten Feuerwache das Sommerfest der „Literaturszene Köln“ eröffnete. Den Verein, dessen Vorsitzende die Literaturhaus-Leiterin eben auch ist, gibt es schon vier Jahre. Die hat er genutzt, um einige Initiativen auf den Weg zu bringen.

  • Zunächst einmal ist da die Kölner Literaturnacht, die immerhin schon zweimal stattgefunden hat.

  • Weil in einer solchen „Nacht“ die Literatur für die sehr jungen Leser nicht recht gewürdigt werden kann, gibt es in Kürze den ersten Kölner Kinder- und Jugendbuchtag. Das junge Literaturfest findet am 28. August 2022 auf mehreren Bühnen im Filmhaus statt.

  • Am 18. Juni feiert eine frisch aufgelegte Workshop-Reihe ihre Premiere. Zum Auftakt spricht Helga Frese-Resch, Programmleiterin bei Kiepenheuer & Witsch, über den Weg vom Manuskript zum Buch – und der Termin ist ausgebucht.

  • Außerdem betreut die Literaturszene Köln den „Schreibraum“, der 2017 als Coworking Space etabliert worden ist. Aktuell haben sich 37 Personen eingemietet, von denen in der Regel vier oder fünf gleichzeitig anwesend sind. „Alles nur wirklich nette Leute“, wie Koordinatorin Anja Fröhlich versichert.

Ein Termin im Kalender: Jürgen Becker

Auf der Homepage der „Literaturszene Köln“ findet sich auch ein Literaturkalender. Das ist nun keine Sensation. Aber einen goldenen Termin wollen wir herausgreifen, weil er kurz bevorsteht. Am Dienstag, den 14. Juni 2022, tritt der Böll- und Büchnerpreisträger Jürgen Becker im Rathaus auf – im Gespräch mit der Lyrikerin Marion Poschmann und der Moderatorin Sabine Küchler.

Die „Literaturszene Köln“ mit einer temporären Dependance in der Alten Feuerwache. Foto: Bücheratlas

Anlass sind zum einen zwei Neuerscheinungen, die im Suhrkamp Verlag erscheinen: „Gesammelte Gedichte 1971 – 2022“ und neue Journalgedichte unter dem Titel „Die Rückkehr der Gewohnheiten“. Und dann wird Jürgen Becker im Juli auch noch 90 Jahre alt – ein herausragender Autor der kölnischen, der rheinischen, der deutschen Literaturszene.

Martin Oehlen

Kontakte

http://www.literatur-rheinland.de

http://www.literaturszene-koeln.de

Auftritt von Jürgen Becker

am 14. 6. 2022 um 18 Uhr in der Piazzetta des Kölner Rathauses. Eintritt: frei. Anmeldung: info@literaturhaus-koeln.de

In eigener Sache:

Wir vom „Bücheratlas“ sind Mitglieder des Vereins „Literaturszene Köln“.

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