Wechsel in eine neue Identität: „Das Leben eines Anderen“ von Keiichiro Hirano ist eine Detektivgeschichte mit philosophischem Mehrwert

Ist das der Weg in eine neue Identität? Sicher ist immerhin, dass sich die Brücke auf der Insel Kyushu befindet, wo der Roman von Keiichiro Hirano vor allem spielt. Foto: Bücheratlas

Ein Jahr nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes ruft Rie ihren Anwalt Akira Kido an. Da nämlich hat sie gerade entdeckt, dass der verstorbene Taniguchi Daisuke nicht der war, für den er sich ausgegeben hatte. Weder war der Name korrekt noch die Biografie, mit der er sich einst bei der Verkäuferin auf der japanischen Insel Kyushu eingeführt hatte. Sein Versteckspiel fliegt auf, als Rie erstmals Besuch von Daisukes Bruder bekommt. Beim Blick auf die Familienfotos weiß der Besucher nicht, wer die Person an Ries Seite sein könnte. Jedenfalls ist es nicht sein Bruder Taniguchi Daisuke. Rie muss die Witwe eines anderen Mannes sein.

„Habe ich das richtige gemacht?“

Der Japaner Keiichiro Hirano erzählt in „Das Leben eines Anderen“ den Roman eines Identitätswechsels. Der Mann, der sich als Taniguchi Daisuke ausgegeben hat, ist kein Einzelfall. Und nicht nur kriminelle Gründe kommen als Motiv infrage, in die Haut einer anderen Person zu schlüpfen. Es reicht auch schon mal das Bedürfnis, einen Neustart zu versuchen.

Der Roman spielt nach dem schweren Tohoku-Erdbeben des Jahres 2011, das einen Tsunami und die Nuklearkatastrophe von Fukushima auslöste. Dadurch wurden in Japan viele Gewissheiten erschüttert. Und bei dem einen oder anderen, so legt es Keiichiro Hirano nahe, wurden Fragen aufgeworfen. Auch die nach der eigenen Identität: „Wer bin ich?“ Konkreter gefasst: „Habe ich das Richtige gemacht?“

„Alles hinter sich zu lassen“

Beim Nachdenken über sein Leben kommt der Scheidungsanwalt Akira Kido – ein Fan der Scorpions und ein Leser von Ovids „Metamorphosen“ – nicht um die Feststellung herum, dass seine Ehefrau und er sich auseinandergelebt haben. Plötzlich scheint ihm die Option verführerisch zu sein, die ihn beruflich schon einige Wochen umtreibt: „Alles hinter sich zu lassen und ein Anderer werden.“

Vor diesem Hintergrund bringt der Autor scheinbar beiläufig einige philosophische Aspekte ins Spiel. Zwar war der falsche Daisuke ein guter Ehemann und auch ein guter Vater des gemeinsamen Sohnes, ehe er bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam. Doch was für eine Liebe, was für eine Ehe und was für eine Familie kann das gewesen sein, die auf einer fundamentalen Lüge basierte? Bei Keiichiro Hirano liest sich die Antwort so, als sollte man den Ball flach halten. Schließlich sei die Fiktion immer Teil der Identität: „Niemand kennt die wahre Vergangenheit eines Anderen.“

Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit

Auch die politische Dimension der Identitätsfrage wird gestreift. Als Japaner, der auf koreanische Vorfahren zurückblickt, ist Anwalt Kido ein sogenannter Zainichi. Da sind ihm Diskriminierungen nicht fremd. Nach Medienberichten „über den erstarkenden japanischen Nationalismus und rechte, fremdenfeindliche Demonstrationen“ stellt er fest, „dass es in diesem Land Orte gab, die er lieber nicht aufsuchen, und Menschen, denen er lieber nicht begegnen sollte – eine Erfahrung, die nicht jeder, nicht alle Bürger dieses Landes machten“. Wäre das nicht auch ein Grund, die Identität zu wechseln?

„Das Leben eines Anderen“, von der Kenzaburo-Oe-Übersetzerin Nora Bierich geschmeidig ins Deutsche übertragen, ist aber vor allem eine Detektivgeschichte. In diesem heiklen Fall gibt es einiges zu klären. Was ist mit dem echten Daisuke geschehen? Wer war der Mann, der sich dessen Identität einverleibt hat? Und wie konnte der Schwindel bewerkstelligt werden? Eine Hülle nach der anderen wird entfernt, um zu des Pudels Kern vorzustoßen. Das ist attraktive Unterhaltung mit reizvollen Widerhaken.

Martin Oehlen

Keiichiro Hirano: „Das Leben eines Anderen“, dt. von Nora Bierich, Suhrkamp, 336 Seiten, 25 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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