Nachtschwärmer mit „Fledermauskrankheit“: „Gute Nacht, Tokio“ ist ein entspannter Episoden-Roman von Atsuhiro Yoshida

Wo man gut essen kann, ist eine Frage, die in „Gute Nacht, Tokio“ eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Foto: Bücheratlas

Tokio ist doch viel kleiner als wir uns das manchmal so vorstellen. Davon überzeugt uns Atsuhiro Yoshida in „Gute Nacht, Tokio“ – seinem ersten Roman, der auf Deutsch erscheint. Darin folgt er Menschen durch die Nacht, die durch Vergangenheit, Beruf und Zufall zueinander finden. Meistens geht es um 1 Uhr los – und dann weiter bis zur morgendlichen Dämmerung, und das über mehrere Nächte hinweg.

Sorge, Sehnsucht, Suche

Da ist Mitsuki, die im Fundus einer Filmproduktionsfirma tätig ist. Oder der Taxifahrer Matsui, dessen dunkelblaues „Blackbird“ auf Nachtfahrten spezialisiert ist. Gelb ist hingegen das Taxi von Daisuke Nakasawa, der jedes Restaurant der Stadt zu kennen scheint. Koichi tritt mit seinem „Antikrähenprojekt“ und einem Verlobungsring auf. Detektiv Shuro guckt sich seinen Schauspieler-Vater in alten B-Movies an. Kanako Fuyuki arbeitet bei der Telefonseelsorge „Tokio Null Drei“.

Damit sind bei weitem noch nicht alle nachtaktiven Figuren erwähnt. Sie alle haben ihre kleinen Sorgen und Sehnsüchte. Zudem sind sie auf der Suche – nach einem Verwandten, einem Requisit, einer heimlichen Liebe oder einer Gewissheit.  

Erfreulicher Verkauf einer Treppenstufe

Nicht das exotische Tokio wird in diesem Roman ausgestellt, sondern das alltägliche beziehungsweise allnächtliche wird geschildert. Ab und an wird es  auch träumerisch-bizarr. Da treffen wir die „Telefon-Bestatterin“ Moriizumi, die alte Apparate entsorgt. Oder wir betreten eine Bar, die durch ihre Dunkelheit besticht.

Und wir schauen uns in einem Secondhand-Laden um, der aber nicht so genannt werden soll. Gebrauchtes oder defektes Werkzeug und Mobiliar wird dort zwischen 21 Uhr und vier Uhr morgens angeboten. Besitzer Ibaragi sagt von sich selbst, er habe die „Fledermauskrankheit“ und scheue die Sonne. Dass er eines Nachts eine einzelne Treppenstufe verkaufen kann, erfreut ihn besonders.

Autor zeichnet das Covermotiv

Atsuhiro Yoshida, 1962 in Tokio geboren, ist in seiner Heimat auch als Buch-Illustrator bekannt – die Barszene auf dem Cover stammt von ihm. Sein Roman zeichnet sich durch eine entspannte, leicht melancholische Grundstimmung aus. Wie die Nachtschwärmer von Episode zu Episode fester verbandelt und vielfach gespiegelt werden, übt einen angenehmen Reiz aus.

Katja Bussons Übersetzung kommt flott und überzeugend daher, auch wenn wir nicht genau wissen, was es bedeutet, wenn einer „eine Dose Kaffee“ trinkt. Und am Ende sind wir überzeugt: „In dieser Stadt liefen sich mehr Bekannte über den Weg, als man dachte.“

Martin Oehlen

Atsuhiro Yoshida: „Gute Nacht, Tokio“, dt. von Katja Busson, Cass Verlag, 192 Seiten, 22 Euro.

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