Die achtjährige Margaret hat den Durchblick: Jane Gardams kluger und kraftvoller Roman „Mädchen auf den Felsen“ über den Zerfall einer Familie

Foto: Bücheratlas

Man schreibt das Jahr 1936. Das Jahr, als die achtjährige Margaret einen Bruder bekommt, den sie nicht mag, und die dralle Lydia in das Leben der Familie Marsh tritt, um es auf den Kopf zu stellen. „Margaret liebte Lydia – oder jedenfalls liebte sie Lydias Anblick, verschlafen und sonnig wie im Film, mit einem riesigen blonden Haarschopf.“ Jeden Mittwoch unternehmen die Achtjährige und das Dienstmädchen einen gemeinsamen Ausflug ans Meer, damit sich Margaret nach der Geburt des Bruders nicht zurückgesetzt fühlt. „An diesem ersten Mittwoch trug Lydia ein Kleid aus königsblauem Satin mit roten und gelben Blumen, einen dazu passenden Bolero, hohe Absätze und schimmernde Seidenstrümpfe in der Farbe von reifem Getreide.“ Ein gewagtes Outfit, erst recht, wenn man strenggläubige Arbeitgeber hat, die für keinen Spaß zu haben sind.

So dauert es nicht lange, bis die lebenslustige Lydia für Unruhe sorgt im Haus der frommen Bankiersfamilie Marsh. Die gehört der Gemeinschaft der Saints an und glaubt eins zu eins, was in der Bibel geschrieben steht. „Margaret, ich denke, du solltest nicht über Dinosaurier sprechen“, warnt Elinor (Ellie) Marsh ihre Tochter, als die die Thesen moderner Evolutionsforscher aus der Schule mitbringt. „In diesem Haus glauben wir, dass Gott uns, so wie wir sind, in die Welt gesetzt hat, Adam und Eva im Garten Eden, damit wir all das Schöne miteinander teilen können, das Gott gemacht hat.“

„Ich hab es so satt“

Doch auch Elinor Marsh hat durchaus Zweifel an den Thesen der Saints, wie sich im Laufe dieses Sommers zeigen wird. Von der wachsenden Distanz zu ihrem stocksteifen, frömmelnden Ehemann ganz zu schweigen. „Ich hab es satt. Ich hab es so satt“, pfeift sie einen verdutzten Kenneth Marsh eines Nachmittags beim Tee an. „Ich hab den Himmel satt, und dich habe ich auch satt.“

Einfühlsam und mit feiner Ironie schildert die Engländerin Jane Gardam in ihrem 1978 veröffentlichten Roman „Mädchen auf dem Felsen“ den Zerfall der Familie Marsh, die ihre Existenz einer lang zurückliegenden enttäuschten Liebe verdankt. Elinor Marshs Herz gehört einem anderen Mann, doch der hat sie auf Druck seiner Mutter fallengelassen, noch ehe ihre Verlobung bekannt gegeben werden konnte.

Die Welt jenseits der Enge des Elternhauses

Im Mittelpunkt der Handlung steht, wie schon in Jane Gardams 1985 erschienenen Roman „Robinsons Tochter“, ein Kind mit Durchblick und dem Verstand eines wesentlich älteren Menschen. Margaret ist ein altkluges kleines Mädchen, das seine Mitmenschen genau beobachtet, wenn es auch viele Dinge noch nicht richtig einordnen kann.  

Gemeinsam mit Lydia entdeckt die Achtjährige die Welt jenseits der Enge ihres Elternhauses und erkennt instinktiv die Schwachstellen ihrer Eltern, von denen sie sich unverstanden und vernachlässigt fühlt. „Sie ging zu ihm (ihrem Vater, Anm. d. V.) und schlang ihm die Arme um die Taille. Er nahm keine Notiz von ihr, sondern sprach über ihren Kopf hinweg weiter. Nur für einen Moment legte er ihr die Hand auf den Kopf, dann schob er sie von sich. „Ich könnte ihm überhaupt nichts erzählen“, dachte sie. „Nichts, wo er mir zuhören würde.“  

Wiedersehen nach zwölf Jahren

Allein im Park eines alten Herrenhauses, den sie während ihrer Ausflüge mit Lydia entdeckt, fühlt sie sich geborgen. „Sie sah in den Himmel, dann wieder zum Waldrand. Alles dahinter erschien ihr unmöglich. Lydia schien unmöglich. Zuhause schien unmöglich. Es existierte nicht.“  

Zwölf Jahre später treffen wir Margaret wieder. Aus der vorlauten Achtjährigen ist eine introvertierte junge Frau geworden, auf der die Schuld am Tod zweier Menschen lastet. Erst jetzt führt Jane Gardam die einzelnen Handlungsstränge zusammen und erzählt, was in jenem Sommer wirklich geschah. Auch mit Lydia feiern wir ein Wiedersehen. Ihr Haarschopf ist so üppig wie eh und je. „Sie trug ein enges Kleid aus lila Satin und nicht ganz weiße Handschuhe, und ihre Schuhe mit den schwindelerregenden Absätzen kamen nicht gut mit den sandigen Klippen zurecht.“

Auf der Shortlist

„God on the Rocks“, so der Originaltitel, ist Jane Gardams erster Roman für Erwachsene und stand 1978 auf der Shortlist für den Booker Prize. Die Autorin, schrieb die New York Times damals, sei eine hervorragende Geschichtenerzählerin. So fragt man sich, wieso der Roman erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde – auf überzeugende Weise von Isabel Bogdan, die selbst schon als Autorin („Der Pfau“) hervorgetreten ist. „Mädchen auf den Felsen“ zeigt aufs Wunderbarste das Potenzial der Jane Gardam, die mit ihrem Debüt Maßstäbe setzte und ein ebenso kluges wie zeitloses Werk schuf. Es hat auch mehr als 40 Jahre später nichts von seiner literarischen Kraft eingebüßt hat.

Petra Pluwatsch   

Auf diesem Blog findet sich eine Besprechung von Jane Gardams Roman „Robinsons Tochter“ – und zwar HIER.

Jane Gardam: „Mädchen auf den Felsen“, dt. von Isabel Bogdan, Hanser Berlin, 222 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

2 Gedanken zu “Die achtjährige Margaret hat den Durchblick: Jane Gardams kluger und kraftvoller Roman „Mädchen auf den Felsen“ über den Zerfall einer Familie

  1. Hallo,

    ach, wunderbar. Das Buch steht eh schon auf meiner Wunschliste, und es klingt so, als müsste ich es mal auf die »Bald lesen«-Liste befördern. Schöne Rezension, sie gibt einen sehr guten Einblick!

    LG,
    Mikka

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